Moderne Weiblichkeit in China durch die Augen von Fotografin Luo Yang

"Weiblichkeit ist zart und zerbrechlich. Sensibel und liebenswürdig, hat aber auch eine tief verwurzelte Hartnäckigkeit und Entschlossenheit."

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07 Januar 2019, 11:40am

"Sie ist einer der neuen Stars in der chinesischen Fotografie", sagte Ai Weiwei 2012 in einem Interview gegenüber New Statesman. Die Rede ist von Luo Yang. In den darauffolgenden Jahren wurden ihre Arbeiten nicht nur in China, sondern in ganz Europa ausgestellt. Luo wurde sogar von BBC als eine der 100 einflussreichsten Frauen weltweit betitelt. Ja, der Werdegang der Fotografin kann sich sehen lassen.

Ihre neueste Retrospektive GIRLS umfasst ein ganzes Jahrzehnt ihrer Arbeiten, die sich alle mit der Rolle der Frau und Weiblichkeit in der chinesischen Gesellschaft beschäftigen. Irgendwo zwischen weiblicher Identität, Gender und Sexualität macht sich darin auch das Gefühl von Widerspruch breit – schließlich ist China bekannt für vorgeschriebene Geschlechterrollen in seiner patriarchalen Gesellschaft. "Jedes Bild ist wichtig, weil jedes eine ganz andere Zeit, ganz andere Menschen und einen ganz anderen Ort widerspiegelt", erklärt Luo. "Zusammen repräsentieren sie den Stand einer chinesischen Frau."


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Luo lebt und arbeitet zwischen Peking und Shanghai und hat 2008 damit begonnen, junge Frauen zu fotografieren. "Meine ersten Models wurden in den 80ern geboren, dann in den 90ern. Manche von ihnen sogar in den Nullerjahren", sagt die chinesische Fotografin. "In diesen Jahrzehnten ist viel passiert. Davor war es noch so viel schwieriger, mit den traditionellen Normen zu brechen und anders zu leben, als es von einem erwartet wurde. Frauen sind heute viel unabhängiger und offener und können einfacher das Leben leben, das sie wollen."

Wir haben mit Luo über ihr GIRLS-Projekt gesprochen und darüber, was sie in den letzten zehn Jahren über moderne Weiblichkeit in China gelernt hat.

luo yang photographs a girl sat on a bridge

Erzähl uns ein bisschen mehr über deine Serie GIRLS.
Ich habe angefangen, meine eigene Verwirrung zu dokumentieren, die ich während des Erwachsenwerdens langsam abgelegt hatte. Bis ich gemerkt habe, dass die Leute um mich herum ähnliche Geschichten und Gefühle teilen, also habe ich auch diese festgehalten. Das Projekt ist sehr natürlich entstanden: ein fortlaufendes Dokument meiner eigenen Entwicklung und die der Menschen um mich herum.

Hast du in den letzten zehn Jahren gemerkt, dass sich die Definition von Weiblichkeit in China verändert hat?
Ja, es gibt große Unterschiede. Seit den 80ern und 90ern sind Frauen viel unabhängiger und offener geworden. Es ist einfacher, das Leben zu leben, das sie sich vorstellen. Vorher waren die traditionellen Normen strikter – das hat es um einiges schwieriger gemacht.

Wie definierst du selbst Weiblichkeit?
Sie ist zart und zerbrechlich. Sensibel und liebenswürdig, hat aber auch eine tiefverwurzelte Hartnäckigkeit und Entschlossenheit.

luo yang photographs a mother and child

Wie weit verbreitet sind Beauty Trends in China, die das Erscheinungsbild von Frauen verändern?
Das Internet hat sehr viel in China verändert. Als ich meine Serie begann, haben sich die Frauen normal gekleidet. Jetzt sieht man viel extravagantere Looks und Styles auf den Straßen und viel mehr Make-up. Aber auch die Zahl der Schönheits-OPs ist gestiegen.

Was möchtest du mit deiner Fotografie einfangen?
Die Zartheit und Hartnäckigkeit von Weiblichkeit – und die Authentizität des Lebens als Frau.

Wer sind die Menschen auf deinen Bildern?
Es sind mehr Fremde als Freunde und Familie. Aber diese Fremden und ich sind auf eine bestimmte Art und Weise miteinander verbunden. Wir teilen die gleichen Interessen und werden nach dem Shooting oft zu Freunden.

luo yang photographs a topless girl with a snake

Welche Fotografen beeinflussen dich und deine Arbeiten?
Ich hole mir lieber Inspiration aus Filmen oder anderen Kunstformen. Ich mag viele Künstlerinnen und kann mich nicht wirklich für eine Handvoll entscheiden. Wenn ich es tun müsste, wäre es wohl meine Mutter, die den größten Einfluss auf meine Arbeiten hat.

Hat Social Media deinen Umgang mit der Fotografie verändert?
Es waren gerade die sozialen Medien, in denen ich Kunst und Fotos gefunden habe. Das war ein wichtiger Schritt, um einen Zugang zu meiner Welt zu erhalten. Später habe ich dann angefangen, meine Arbeiten online zu teilen. Und nachdem ich Unterstützung und Kommentare von den Leuten bekam, wurde es zu einem wichtigen Kommunikationsmittel, um für meine Arbeiten zu werben – und natürlich Models zu finden.

luo yang photographs a topless girl lying on a bed

Hast du Fotografie studiert?
Nicht wirklich. Ich habe Grafikdesign studiert und habe mich schon immer in einer künstlerischen Umgebung aufgehalten. Aber auch das Internet hat mich extrem beeinflusst. Es hat mich dazu gebracht, mit anderen Kunstformen zu experimentieren.

Welche ist die größte Herausforderung als Fotografin in China?
Mit den Normen zu brechen und die Grenzen von Gender, Geografie und des sozialen Umfelds aufzuheben.

@luoyangphoto

luo yang photographs a girl naked lying amongst flowers
luo yang photographs a woman smoking in a market
luo yang photographs a woman with her hands in the air

Präsentiert von Moonduckling und produziert von Annette Fausboll, Jean Alexandre Luciani und Julien Favre. Die Retrospektive 'GIRLS' von Luo Yang wurde co-kuratiert von Chomwan Weeraworawit und RDX Offsite. Mehr Informationen zur Ausstellung findest du hier. Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.