Foto: David Kilagöz

Zwischen Rap und Poesie: Kelvyn Colt will, dass wir unsere Schwächen zu unserer Stärke machen

"Wenn du dich in deiner eigenen Haut nicht wohl fühlst und vor dir selbst wegläufst, wirst du nie dein Zuhause finden."

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Dez. 22 2017, 9:56am

Foto: David Kilagöz

Dass Kelvyn Colt nicht der typische Rapper ist, für den du ihn im ersten Moment halten magst, wird spätestens dann klar, wenn du etwas genauer hinhörst. Die Zeilen "Just because you live / doesn’t mean you are alive" aus seinem Hit "Bury Me Alive" sind das beste Beispiele dafür. Manche seiner Songs stecken voller Lebensweisheiten, bei den anderen fliegen die Wörter so schnell über seine Beats, dass uns allein vom Zuhören die Luft wegbleibt. Mal ist es Trap, dann sind es wieder Boom-Bap-Einflüsse, andere seiner Tracks sind dagegen so düster wie die alten Releases von The Weeknd. Genauso vielschichtig wie seine Musik, ist auch die Message, die Kelvyn verbreiten möchte: "Du musst an dich selbst glauben, auf dein Bauchgefühl hören und deinen Träumen folgen. Das ist etwas, das uns oft Angst macht."


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Angst scheint für den 23-Jährigen trotzdem ein Fremdwort zu sein. Um seinem Traum – der Musik – zu folgen, hat sich Kelvyn damals ein One-way-Ticket nach London gekauft. "Shit, ich mache das gerade wirklich und es gibt kein Zurück", war der erste Gedanke des jungen Musikers, als er irgendwo über den Wolken im Flugzeug saß. Diese wegweisende Entscheidung hat Kelvyn wortwörtlich zu seinem Debütalbum LH914 geführt, die Flugnummer seines Abenteuers. Ohne Geld und Kontakte hat er einzig und allein auf sein Bauchgefühl vertraut und uns im Interview erklärt, warum es genau das ist, was du auch tun solltest.

Du bist über die Poesie zur Musik gekommen, was für dein Genre nicht unbedingt typisch ist. Wie kam es dazu?
Als ich jünger war, war Musikmachen keine realistische Idee, sondern eher eines dieser Dinge, bei denen die Leute immer so etwas sagen wie "Ach, mach' was Richtiges!" Eigentlich wollte ich Diplomat werden, nach Nigeria gehen und gegen Korruption kämpfen – was ich bestimmt an irgendeinem Punkt auch noch tun werde [Lacht]. Zwar kämpfe ich mit meiner Musik nicht aktiv gegen Korruption, trotzdem geht es in den meisten meiner Tracks darum, eine Message zu verbreiten. Ich will die Art von Musik machen, die ich mir selbst gewünscht hätte, mit 16 zu hören, als ich eine Identitätskrise hatte.

Foto: Nicolas Wilkie

Würdest du sagen, dass jeder deiner Songs eine andere Message hat oder worum geht es in deiner Musik?
Du musst an dich selbst glauben, auf dein Bauchgefühl hören und deinen Träumen folgen. Das ist etwas, das uns oft Angst macht, auch wegen unseres Umfelds. Radioplays und Streams zu landen, ist die eine Sache, aber Nachrichten von Kids aus der ganzen Welt zu bekommen, die mir sagen: "Ich stehe gerade das Gleiche durch" oder "Ich wollte mich umbringen, aber hab' mir deinen Song angehört. Danke, dass du mir das Leben gerettet hast" – das ist eine ganz andere.

Erst heute morgen hat mir ein Mädchen auf Instagram geschrieben, dass sie auch dieses Problem hat, zwischen zwei Kulturen zu stehen. Ich bin schwarz und weiß und und war nie wirklich Teil einer Clique, also habe ich mir meine eigene Community und mein eigenes Zuhause aufgebaut. Wenn du in dich hineinhörst und herausfindest, was dich bewegt und darüber sprichst, wird es immer Leute geben, die das Gleiche durchmachen. Und das ist es, wofür ich letzten Endes Musik mache.

Du standest in deinem Leben oft zwischen den Stühlen. Was bedeutet Zuhause für dich?
Das klingt jetzt super kitschig, wenn ich sage "Home is where your heart is", aber Zuhause hat viel mit Community zu tun. Sobald du Leute hast, denen du vertrauen kannst und mit denen du Gefühle, Erfahrungen und Erinnerungen teilst. Genauso musst du aber auch ein Zuhause in dir selbst finden: Wenn du dich in deiner eigenen Haut nicht wohl fühlst, sondern vor dir selbst wegläufst, wirst du nie dein Zuhause finden.

Was war der bisher schönste Moment in deiner Karriere und was die größte Herausforderung?
Sich mit Leuten zu unterhalten, die meine Musik hören und damit etwas verbinden können. Aber eine der besten Erfahrungen war es, ein paar Rechnungen für meine Mutter übernehmen zu können. Dabei geht es nicht einfach nur um Geld, sondern darum, für Menschen sorgen zu können, die ich liebe. Für eben die Leute, die ich mein Zuhause nenne. Und einer der schlechtesten: herauszufinden, dass Hollywood wirklich falsch ist. Man sagt ja immer, dass man nicht an den Ort ziehen sollte, an dem man Urlaub macht.

Was ist der beste Ratschlag, den du jemals bekommen hast?
Akzeptiere, wie du bist. Die guten, aber auch die schlechten Seiten. Versuche, an dir zu arbeiten, aber auch deine Schwächen genauso wie deine Stärken lieben zu lernen. Sie machen dich beide zu dem, der du bist. Du hörst diesen Scheiß immer in Filmen oder liest ihn in Büchern, aber du musst wirklich anfangen, dir bewusst darüber zu werden, dass deine Schwächen auch deine größte Stärke sein können. Meine war und wird immer sein, dass man mich nicht in eine Schublade stecken kann.

@kelvyncolt