Foto: Courtesy of Leather Archives & Museum

Was du von der queeren Leder-Szene im Jahr 2018 lernen kannst

Wir stellen dir das Erbe der Leder-Liebhaber vor und erklären, was das Besondere an der Szene ist.

von Mikelle Street; Übersetzt von Michael Sader
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Jan. 24 2018, 4:02pm

Foto: Courtesy of Leather Archives & Museum

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

An einem Samstag vor nicht allzu langer Zeit stand Gary Wasdin, der Executive Director des Leather Archives & Museums, versteckt in einer Ecke der Lobby vom Hyatt Regency in Washington D.C. Um an ihn heranzukommen, musste ich an Männern vorbei, die nichts weiter anhatten als Jockstraps und Leder-Harnesse. Ich musste sogar über ein Hündchen steigen, ein junger, schlaksiger Mann in einem Neopren-Hundeanzug, der unterwürfig an den Füßen seines Herrchens saß.


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"Die Lederszene wurde zu diesem großen Sammelbecken, das immer mit Sex und Sexualität assoziiert wird, auch wenn es nicht für jeden in der Szene um Sex geht", so Gary. Einige werden aus Anziehungsgründen wie Hypermaskulinität und nicht unbedingt wegen des Geschlechtsverkehrs Teil dieser Subkultur. "Die Community ist so groß. Sie steht für Familie und Sicherheit. Die Leute können durch sie einfach sie selbst sein." Leder hat sich zum Oberbegriff für die verschiedenen Fetischszenen entwickelt. Von Bondage bis zu Gummi umfasst sie mittlerweile viele Spielarten der Fetische. Die Errungenschaften der Lederszene, eine Szene in der Szene, und ihr Erbe sind bis heute immer noch in der gesamten LGBTQi-Community spürbar.

Queen Cougar, a former Ms San Francisco Leather, and Greg Byfield a former Mr San Francisco Leather on stage at International Ms. Leather 1993. Photo courtesy of Leather Archives & Museum.

Die Lederszene bildete sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in den 50ern heraus. In dem Biopic Tom of Finland über das Leben des finnischen Künstlers Touko Laaksonen wird diese Geschichte ebenfalls in Teilen erzählt. Schwule Männer kehrten von den Schlachtfeldern zurück in ihre Heimatländer. Sie hatten während des Krieges Dinge erlebt, die sie grundlegend verändert hatten. Als sich die Kriegsheimkehrer wieder in die Zivilgesellschaft integrieren wollten, hatten sie ihre Probleme damit und stellten fest, dass sie nicht mehr so ganz hineinpassen wollten.


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"Von einer Schwulenkultur in den 50ern, wie wir sie heute kennen, zu sprechen, wäre zu viel, aber die Lederszene entstand auch als Reaktion auf die damals als weiblich empfundene Schwulenkultur", erklärt uns Gary weiter. Aus einer Ästhetik, die das Militärische mit dem Biker-Stil eines Marlon Brando aus dem Film Easy Rider vereinte, sollte ein Look entstehen, der sich in den 70ern vollends durchsetzte. Durch Orte wie die Bar Gold Coast in Chicago – sie gilt bei vielen als erste Leder-Bar –, und The Eagle in New York – diese Bar sollte zu einer der bekanntesten Schwulenbars überhaupt werden – entwickelte sich aus dem Look eine Szene aus Gleichgesinnten. Touko Laaksonens Arbeiten waren in der Lederszene selbst heiß begehrt. Er hatte diese zu seinem Thema gemacht. Im Film wurden Witze über die Motorrad-Gangs ohne Motorräder gemacht. Das war der Anfang der Lederszene, wie wir sie heute kennen. Eine Szene, die fast ausschließlich aus weißen Schwulen bestand, wurde in den 80ern und 90ern offener und vielfältiger. Die Lederszene erweitere sich nicht nur um People of Color, sondern auch um Frauen und andere Sexualitäten.

Rupaul with Mr Mid-Atlantic Leather 1993 from the personal photo collection of Chuck Renslow. Photo courtesy of Leather Archives & Museum.

Sie bot ihren Mitgliedern nicht nur einen Ort, um ihre sexuellen Fantasien auszuleben, sondern auch Zusammenhalt. Es wurden viele Wettbewerbe ins Leben gerufen. Der Größte davon ist der International Mr. Leather, den Chuck Renslow und Dom Orejudos 1979 ins Leben gerufen haben. Daneben hat Chuck außerdem in Chicago die Leather Archives gegründet. Als in den 80ern die Aids-Krise ausbrach, wurde die Szene schwer getroffen, ging es doch auch oftmals um Betroffenen in der eigenen, neuen Familie. Doch die Szene reagierte: Es wurden Spenden für die Menschen gesammelt, die man persönlich kannte, und außerdem für die HIV- und Aids-Forschung.

"Die Drag- und Lederszenen sind mit die größten Spender an die HIV- und Aids-Forschung", sagt uns Martel Brown, Mr. Mid Atlantic Leather 2017. "Wir sind einer der Gründe, warum es heutzutage Truvada und PrEP gibt." Truvada ist der Markenname eines Medikaments zur PrEP, einer Vorsorge gegen eine mögliche HIV-Infektion. Die Leder- und Fetischszenen haben noch mehr getan, als Spenden zu sammeln und ihre Zeit zu investieren.

Leatherwomen at the Ms NE Leather 1992 competition from Laura Antoniou’s personal photo collection. Photo courtesy of Leather Archives & Museum.

"Die Aids-Krise hatte die Lederszene als Ganzes getroffen, die Leute waren persönlich betroffen, aber die Szene hat sich davon nicht unterkriegen lassen", erklärt Gary weiter. "Die Botschaft der Lederszene war auch weiterhin: Habt Sex und genießt das Leben." Diese Message hat Touko Laaksonen aka Tom of Finland in seinen expliziten Zeichnungen verarbeitet, in denen Sex mit Kondom gezeigt wurde.

Dieser sex-positive Geist lebt in der Szene heute noch weiter, genauso wie die Philanthropie und Spendenfreudigkeit der Menschen in der Leder-Community. Als ich das Ledertreffen in Washington verließ, kamen schon über 80.000 Dollar an Spenden zusammen. Das Ziel liegt bei 100.000 Dollar, die als Zuschüsse vergeben werden.

From John Weis personal photo collection. Photo courtesy of Leather Archives & Museum.

"Ich habe eine Weile in Nebraska gelebt. Selbst dort gibt es eine regionale Mister-Leder-Wahl. Und man erwartet auch dort ganz selbstverständlich, dass der Gewinn des Titels mit einer Verantwortung einhergeht", so Gary. "Wer teilnehmen will, muss sich ehrenamtlich engagieren – mit Zeit und Geld. Und die Arbeit muss auch noch sichtbar in die Öffentlichkeit getragen werden. Das hat eine lange Tradition und macht einen Großteil unserer DNA als Szene aus: anderen zu helfen und sie zu unterstützen."

Ein Beispiel ist John-John Punki, der Mr. Eagle NYC 2017. Er hat Events zum Thema Bodypositivity organisiert und sich öffentlich zum Thema geäußert. Außerdem hat sich John-John den Problemen der Trans-Community angenommen und Spenden für die Szene gesammelt. Brendan Patrick, Mr. Maryland Leather 2018, will dagegen das Thema Alkoholismus stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken und durch Leder-Events Spenden für eine lokale Hilfseinrichtung sammeln. Gerard Turner, der an diesem Wochenende zum Mr. MAL 2018 gekrönt wird, engagiert sich seit vier Jahren im Kampf gegen Aids und HIV und den damit verbundenen Stigmata. In seiner einjährigen Amtszeit möchte er sich auch verstärkt dem Thema Krebs widmen. Er hat selbst den Krebs besiegt.

Das sind nur ein paar Beispiele aus den USA. Solche Amtsträger gibt es auf der ganzen Welt. Alle setzen sich für ihre Community ein, die es ihnen ermöglicht, dass sie zu 100 Prozent sie selbst sein können.

The leather contingent at the 1992 March on Washington from Tom DeBlase’s photo collection. Photo courtesy of Leather Archives & Museum.
The leather contingent at the 1992 March on Washington from Tom DeBlase’s photo collection. Photo courtesy of Leather Archives & Museum.
A former Mr Ebony Leather from Israel Wright’s personal photo collection. Photo courtesy of Leather Archives & Museum.
Eagles Nest Bar in New York City Photography Collection by Jerry Russell. Photo courtesy of Leather Archives & Museum.
Leathermen outside the first gay leather bar Gold Coast in 1979. Photo courtesy of Leather Archives & Museum.
Attendees at Folsom Street Fair from Steve Mayers private photo collection. Photo courtesy of Leather Archives & Museum.
Jim Dunne Spartan DC Collection. Photo courtesy of Leather Archives & Museum.