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Dieses hybride Kunststück erforscht das Verhältnis von Mensch und Maschine

"Die Sängerin fragt 'Sind wir jetzt Maschinen geworden?' und der Computer gibt zum ersten Mal keine konkrete Antwort mehr, sondern reagiert nur noch über die Musik, die ein bisschen unheimlich klingt."

von Joely Ketterer
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22 September 2017, 12:17pm

Foto: Caroline Seidel

Hab ich mein Smartphone in der Hand, oder mein Smartphone mich? ist eine Frage, die wir alle nur zu gut kennen. Seinen Alltag ohne Technik zu meistern ist etwas, das für die meisten unverständlich ist. Wie denn auch? Mit genau dieser Entwicklung und mit der Beziehung von Mensch und Maschine beschäftigt sich das Ruhrtriennale-Stück Homo Instrumentalis.


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Hinter der audiovisuellen Produktion, die Künstler und Künstlerinnen mit den unterschiedlichsten Hintergründen versammelt, steckt Romain Bischoff. Ursprünglich Opernsänger, beschäftigte er sich viel mit zeitgenössischer Musik und gründete schließlich Silbersee Productions, ein Zentrum für unorthodoxes Musiktheater und experimentelle Oper. Homo Instrumentalis beschreibt der Belgier als "hybride Kunstform zwischen Musik, Theater und Videokunst". Im Interview erzählte er uns, wie er das heutzutage manchmal übersättigte Publikum in den Bann eines Stückes zieht und welche Gedanken er mit seinem neuesten Werk anstoßen möchte.

Es sind drei Komponisten und verschiedenste Künstler aus den Bereichen Musik, Theater und Video an Homo Instrumentals beteiligt. Wie konntet ihr die Performance mit so vielen Beteiligten auf die Beine stellen?
Mit Erfahrung zuallererst. Das Besondere an Silbersee ist, dass wir seit Jahren in der Form von Koproduktionen und Co-Creations mit anderen Künstler und Künstlerinnen zusammenarbeiten – auch wenn die Konstellation in diesem Stück wirklich besonders groß ist. Ich mag es, wenn Künstler aus vielen verschiedenen Richtungen zusammenkommen und arbeiten. Diese Produktion hat schon vor zwei Jahren angefangen. Ganz am Anfang gibt es zwar ein Konzept, aber die Künstler, die auf der Bühne stehen, sind Co-Schöpfer – sie können viel selbst einbringen. Es ist mir sehr wichtig, dass es eine Zusammenarbeit verschiedener Leute, Ideen und Wünsche ist.

Wie profitieren die verschiedenen Kunstformen in Homo Instrumentalis von einander?
Wir nennen eigentlich alle Produktionen Co-Creations. Es gibt nicht einen Regisseur oder künstlerische Leitung. Co-Kreieren bedeutet, dass jede Kunstform sich so frei fühlt wie möglich. Die Suche nach den passenden Künstlern ist besonders wichtig: nicht jeder kann sich so öffnen. Wenn wir das aber geschafft haben – und bisher ist es uns gut gelungen – profitiert eigentlich jeder davon, dass die verschiedenen Kunstformen nicht für sich alleine auf ihrer Insel bleiben.

Im Stück geht es um das Verhältnis von Mensch und Maschine. Schwingt eine provokante Botschaft mit?
Die Frage haben wir uns während der Arbeit oft gestellt. Ich hoffe aber nicht, dass wir tatsächlich provozieren. Es wäre einfach gewesen, das vierte Stück, das sozusagen die Zukunft behandelt, negativ umsetzen. Aber das wollten wir nicht. Am Ende von Machinations könnte man denken, dass die Maschinen jetzt wirklich alles übernehmen. Die Sängerin fragt 'Sind wir jetzt Maschinen geworden?' und der Computer gibt zum ersten Mal keine konkrete Antwort mehr, sondern reagiert nur noch über die Musik, die ein bisschen unheimlich klingt.

Die Techniker und Technikerinnen, die an der Vorstellung beteiligt sind, sieht man die ganze Zeit. Im letzten Stück verlassen sie ihre Computer. Sie bewegen sich nach hinten, von der Bühne weg. Auch die Performer verlassen die Bühne. Es geht aber alles weiter – die Musik spielt nach wie vor. Gefühlt läuft auf einmal alles wie von selbst. Das Endbild lässt vieles offen und lässt Raum für verschiedene Interpretationen. Die Bühne ist leer, alles wird der Musik überlassen, die Sonne scheint ins Theater rein.

HD HOMO INSTR_RGB ©Ilkka Halso, Museum I, series Museum of Nature, 2003

Soll es also zum Nachdenken anregen?
Das auf jeden Fall. Man hat die Performer die ganze Zeit bei ihrer wunderschönen Arbeit beobachtet – mit Bewegung, mit Gesang – und viele Gefühle auf der Bühne erlebt. Auf einmal tun die Darsteller gar nichts mehr. Man könnte den Gedanken haben: Hoffentlich sieht unsere Zukunft nicht so aus – alles läuft digital und die Menschen tun nichts mehr mit Gefühl.

Wie gelingt es dir, das digitalisierte Publikum von heute zu erreichen?
Im ersten Stück gibt es eigentlich sehr wenig zu sehen, der Fokus liegt auf der Musik und den Stimmen. Die vier Sängerinnen singen ein Stück aus dem Genre der Neuen Musik mit einer Beherrschung als sei es ein Madrigal von Monteverdi. Dadurch wird das Publikum sehr konzentriert. Im nächsten Stück kommen neue Elemente hinzu: die Videowand beispielsweise, die mit acht Metern Breite und vier Metern Höhe wirklich riesig ist.

Wir bauen die Spannung auch dadurch auf, dass die Performer nicht den gleichen Hintergrund haben. Es sind nicht vier klassische Sängerinnen, sie haben verschiedene Hintergründe. Genauso wie die Tänzer und Tänzerinnen: Einer der Tänzer kommt beispielsweise aus der Urban Scene, ein anderer aus dem Modern Dance, wieder einer aus dem Pantomime-Tanz. Die Sänger und Sängerinnen tanzen auch mit. Das macht die Performance für Zuschauer sehr poetisch und spannend. Dadurch dass so viele Kunstformen zusammenkommen, gibt es eigentlich ständig etwas Neues zu sehen.

"Homo Instrumentalis" kannst du noch bis zum 24. September auf der Ruhrtriennale erleben. Alle Informationen findest du hier.