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Diese Künstlerin kämpft mit Technicolor-Tattoos gegen das Patriarchat

Charline Bataille sticht Teufel- und Kriegerinnen-Tattoos in Neonfarben. Uns hat sie erklärt, warum.

Coco Romack

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

Leuchtende Krokodile, Miro-inspirierte Vasen, Lämmer in High Heels und kleine, errötende Teufelchen: Die Tattoo-Künstlerin Charline Bataille verziert die Körper ihrer Kunden mit außergewöhnlich bunten Tattoos und hat damit bereits eine große Fangemeinde gesammelt. Scrollt man durch ihr Instagram-Portfolio, sieht man subversive Anspielung auf die Motive aus Western-Tattoos, einzigartiger abgewandelt, um sich von der stark männlich dominierten Branche abzugrenzen.

Charline hat sich das Tätowieren selbst beigebracht, weil sie selbst "merkwürdige Tattoos" haben wollte. Während viele Tätowierer ihren Stil durch Illustrationen finden, hat die Künstlerin ihren durch Acrylmalerei entdeckt. "Ich male einfach auf allem: auf Kleidung, Schuhen, Wänden, Abfall oder Haut. Nur Striche zu zeichnen war noch nie mein Ding. Ich habe immer Acrylfarbe benutzt und sie recht aggressiv verwischt. Es ist mir auch nie in den Sinn gekommen, dass ich bei meinen Tattoos anders vorgehen könnte."

Ein Motiv taucht in Charlines Arbeiten immer wieder auf: eine Monster-ähnliche Frau, die oft mit spitzen Zähnen, hervorstehendem Bauch und behaartem Körper dargestellt wird. Mal reitet sie auf einem Tiger, mal sieht man sie als kurvige Meerjungfrau oder von einem brennenden Polizeiauto davonlaufen. Die Tattoo-Künstlerin schafft es, dass wir uns mit dieser Frau identifizieren, noch viel mehr: sie bewundern. Und das macht auch Sinn, denn diese Frau ist ein Abbild von Charline selbst. "Das Selbstporträt als Form des Empowerments hat mich schon immer fasziniert", erklärt sie. "Diese Frauen zu zeichnen, die meine Figur und meine Gefühle haben, hilft mir dabei, mich daran zu erinnern, dass ich existiere und es mir gut geht."


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Die Tattoo-Künstlerin aus Montreal erklärt, dass sie in ihren Arbeiten nicht nach Perfektion strebt. Vielmehr geht es ihr darum, Bilder entstehen zu lassen, mit denen sie und ihre Kunden sich identifizieren können. "Auf gewisse Weise sind meine Arbeiten politisch, denn sie sind ganz bewusst nicht makellos. Ich versuche kein glänzendes, sauberes Bild heraufzubeschwören. Meine Tattoos sind queer, weil sie von queeren Menschen getragen werden, weil sie die Weiblichkeit neu definieren und feiern, weil sie dem traditionellen Tätowieren gegenüber respektlos sind."

Es geht Charline um Selbstakzeptanz mit einem besonderen Feingefühl für diejenigen, deren Körper nicht zum gängigen Schönheitsideal passen. "Ich glaube, dass es für queere und dicke Menschen sowie für Leute mit psychischen Krankheiten viel bedeutet, andere Darstellungen zu sehen, solche, die nicht schön und selbstsicher, sondern hässlich und echt sind. Ich bevorzuge hässliche Linien, merkwürdige Farbkombinationen, seltsame Gesichter mit Doppelkinn und schlaffe Hintern."

Auf die Frage, ob es Tattoos gibt, die ihr besonders am Herzen liegen, zeigt sie auf ihr Motiv des niedlichen, leuchtend roten Teufelchens. Charline sieht die kleinen Kobolde als Hinweis auf ihre eigenen, queeren Einstellungen. "Ich habe begonnen, Teufel zu zeichnen, nachdem ich immer mehr negative Kritik einstecken musste. Je bekannter ich werde, desto mehr hasserfüllte Nachrichten bekomme ich. Ihr wisst ja, wie das Internet funktioniert. Also habe ich angefangen, den kleinen Teufel zu zeichnen und mir gedacht 'Perfekt, ich mache ihnen eine ihrer geliebten Traditionen kaputt!' Sie stellen mich als lästige Nervensäge dar, und das ist genau das, was ich für das kapitalistische, weiße, rassistische Patriarchat und die dominierende Männlichkeit in der Tattoo-Branche sein will. Ich eigne mir ihre Motive an und mache sie noch cooler. Dieser kleine süße Teufel ist hier, um Unruhe zu stiften!"