In der Arbeit des Performance-Künstlers MJ Harper verschmelzen Text und Tanz

Nach Monaten der pandemiebedingten Abstinenz, kehrt der Tänzer und Creative Director mit einem selbstgeschriebenen Stück auf die große Bühne zurück.

von Julika Reese; Fotos von Rae (Mee-Jin) Tilly
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28 Juni 2022, 8:22am

„Für mich war vor allem mein Instagram-Account wie ein testing ground um auszuprobieren, wie ein Text gesprochen klingt und welche Textausschnitte interessante Emotionen hervorrufen“, erzählt MJ Harper über die Entwicklung seiner neuesten Arbeit Arias for a New World. Immer wieder hat MJ, der in Jamaika geboren und in Florida aufgewachsen ist, während des Entstehungsprozesses einzelne Ausschnitte des Stücks auf seinen Social Media Accounts geteilt und sich mit der Frage auseinandergesetzt, wie Tanztheater im Zeitalter des Algorithmus aussieht.

Wir haben mit MJ über seine Rückkehr auf die Bühne, seinen Tanzstil, den er als Misbehaved Body beschreibt und das Berliner Nachtleben gesprochen.

Congrats MJ! Du hast gerade drei sehr erfolgreiche Solo-Abende am Berliner Ensemble aufgeführt. Auffällig war, wie textlastig die Show war und dass du dich weniger als sonst auf Tanzperformance fokussiert hast. War das eine bewusste Entscheidung?
Fast niemand weiß, dass ich wegen des Theaters zum Tanz gekommen bin und erst mit sechzehn mit dem Tanzen begonnen habe. Ich wollte immer singen, schauspielern, tanzen und mich nicht festlegen oder einschränken. Schon während meiner Ausbildung war ich von der europäischen Tanzszene und Künstler:innen wie Pina Bausch und William Forsythe fasziniert, die multidisziplinär gearbeitet haben. Sich nicht nur auf die Fähigkeiten des eigenen Körpers zu konzentrieren, erlaubt einem auch ganz anderes zu altern. Unsere westliche Gesellschaft hat die Angewohnheit Jugend zu fetischisieren, was für den Beruf als Tänzer sehr schmerzvoll sein kann, weil einem nur eine kurze Zeitpanne gegeben ist, in der man beruflich erfolgreich sein kann.
Ich sehe es als meinen persönlichen Protest, in meinen Tanz immer mehr Text zu inkorporieren, damit ich noch viele Jahre auftreten kann. Ganz allgemein gesprochen: Die Sprache ist wie ein Sountrack zu meinen Bewegungen, beides ineinander verschwimmen zu lassen, fühlt sich immer natürlicher für mich an.

MJ Harper fotografiert von Rae Tilly

Du perfomst Arias for a new World ja nicht nur, sondern hast das Stück auch über sieben Jahre lang selbst geschrieben. Was war deine Intention, als du mit diesem Mamutprojekt begonnen hast? Kannst Du uns etwas zu den Motiven hinter dem Stück erzählen, was wolltest du damit erforschen?
Das faszinierende während dieses Prozesses war, dass die meisten Texte auf fast spirituelle Weise zu mir gekommen sind, beispielsweise während des Zähneputzens. Das Stück hat sich sehr intuitiv entwickelt. Für mich war vor allem mein Instagram-Account wie ein testing ground um auszuprobieren, wie ein Text gesprochen klingt und welche Textausschnitte interessante Reaktionen und Emotionen hervorrufen.

Du hast Instagram also wie ein Werkzeug benutzt, um dein Vokabular, deine Ästhetik und Sprache zu formen?
Ganz genau, das Stück habe ich wie eine riesige Collage entwickelt, Social Media hat mir geholfen, den Jetzt-Stand meiner Arbeit zu zeigen und sie so zu reflektieren. Obwohl es für die Aufführung ein Script gibt, habe ich viel Raum zum Improvisieren gelassen, denn auf der Bühne gerät man manchmal fast in einen tranceähn­lichen Zustand, indem oft spontan neue Textpassagen entstehen. Für mich als Performer sind das die interessanten Momente, weil sie mich lebendig halten und ich dadurch nie aufhöre zu suchen.

MJ Harper fotografiert von Rae Tilly
MJ Harper fotografiert von Rae Tilly

Wie war es für dich, nach so langer Zeit endlich wieder vor Publikum auftreten zu können?
Erst als ich auf der Bühne stand, habe ich mit jeder Faser meines Körpers gespürt, wie sehr ich dieses Gefühl vermisst habe. Ich werde ganz demütig, wenn ich darüber spreche. Früher war ich für fünf Jahre in einer Tanzcompany, wir waren eigentlich durchgehend auf Tour. Von China nach Russland, Australien, Amerika und natürlich überall in Europa. Am Anfang war es fantastisch, aber es kam ein Wendepunkt, ab dem ich mir fast wie ein Roboter vorkam. Irgendwann schaltet man auf Autopilot und spult nur noch sein Programm ab. Mich hat das wahnsinnig gemacht, weil dieser Zustand die Essenz von Tanz nimmt, die Emotionen, für die eine Performance eigentlich steht. Die letzten zwei Jahre habe ich die Bühne deshalb kaum vermisst, ich hatte mich davor leergetanzt. Außerdem wollte ich mir Zeit nehmen, um in mich zu gehen. Ich hätte es geradezu egoistisch gefunden, nach so langer Zeit auf die Bühne zu gehen und nichts zu sagen zu habe. Jetzt hat es sich wie der richtige Moment angefühlt, um zurückzukehren.

MJ Harper fotografiert von Rae Tilly

Dein Stück war auch eine Kollaboration mit dem Designer Stefano Pilati, dem Make-up Artist Kenny Campbell, Matt Lambert, der für das Licht verantwortlich war und den Komponisten Antoni Komasa-Lazarkiewicz und Thomas Moked Blum. Was bedeutet es dir, mit anderen zu kollaborieren?
Wirklich in meinem Element fühle ich mich, wenn ich unterschiedliche Menschen in einem Projekt zusammenbringe. Stefano, Kenny, Matt, Antoni, Thomas und ich, we are a unit, a family.

Deine Make-up und Kostümproben haben alle in Stefanos Studio von Random Identities stattgefunden. Wir haben uns auch dort getroffen. Die Atmosphäre dort wirkt sehr familiär, gleichzeitig aber auch wie ein künstlerischer Austausch. Was bedeutet dir dieser Ort?
Random ist für mich wie ein Labor und Workshop und ein Ort der Begegnung. Es ist wie ein testing ground, man arbeitet hier miteinander, lernt voneinander. Früher waren Stefano und ich oft im Studio und haben einfach nur zum Spaß Looks zusammengestellt, in denen wir dann auf Partys gegangen sind. Das Nachtleben ist so inspirierend für mich, denn Beauty hat dort nichts mit Rasse, Gender oder Sozialklasse zu tun. Für mich geht es bei Schönheit um Präsenz und Energie.

Lass uns etwas genauer über deinen Style sprechen. Du hast mir neulich erzählt, dass du dich vor allem nach Gefühlen kleidest. Wie genau meinst du das?
Wenn ich beispielsweise traurig bin, merke ich, dass ich mir beim Anziehen besonders viel Mühe gebe. Wenn es einem nicht gut geht, braucht man Kleidung, die einen schützt und in der man sich geborgen fühlt. Generell fühlen sich manche Tage eher nach einem Kleid an, andere nach Sweatpants. Roter Lippenstift, ein BH oder Jockstraps sind alles Codes und werden mit gewissen Eigenschaften assoziiert - ich liebe es mit diesen Symbolen zu spielen. Aber egal was ich trage - immer alles mit einem Capital E für Elegante - selbst in der Jogginghose!

MJ Harper fotografiert von Rae Tilly

Mit welchen Adjektiven würdest du deinen Tanzstil beschreiben?
Misbehaved beautifully ist für mich wie ein Mantra, weshalb ich es auch auf meinem Arm tätowiert habe. Wenn ich meinen Tanz beschreiben sollte, würde ich sagen Misbehaved Body - ein Körper, der auf seine ganz eigene Weise ständig dabei ist etwas Neues zu lernen und immer in Bewegung ist. 

Du hast in New York studiert, bist dann nach London gezogen und schließlich nach Berlin. Wie haben dich die unterschiedlichen Städte künstlerisch und persönlich geprägt?
Jede Stadt war wie ein anderer Schlüssel zu mir selbst. Nach Berlin bin ich durch Zufall gekommen, denn zwei meiner Freunde, mit denen ich in Florida gemeinsam zur Schule gegangen bin, sind hierhergezogen. Im Februar vor sechs Jahren habe ich sie zum ersten Mal besucht. Als ich damals am Alexanderplatz angekommen bin, war ich richtig schockiert, wie grau und kalt die Stadt sein kann. Berlin war definitiv keine Liebe auf den ersten Blick. Das klingt jetzt etwas kitschig, fast klischeehaft, aber wirklich verstanden habe ich diesen Ort erst, als ich angefangen habe, auf Partys zu gehen. Clubs wie hier habe ich davor noch nie erlebt. Bevor ich nach Berlin gekommen bin, wollte ich eigentlich nicht mehr auf der Bühne stehen, weil ich die Leidenschaft fürs Tanzen verloren hatte, aber im Nachtleben habe ich sie wieder gefunden, weil es mit keinerlei Zwang verbunden war. Die Stadt zeigt dir wer du bist und kann dich runterziehen, aber sie richtet dich auch wieder auf, wenn du bereit bist, hart genug an dir zu arbeiten, egal wie oft du fällst oder Rückschläge erleidest.

Was gefällt dir noch an deinem Leben in Deutschland?
Ich würde mein Deutsch nicht gerade als amazing beschreiben, aber das erlaubt mir auch zu träumen, weil ich vieles nicht verstehe und deshalb immer wieder in meine eigene Welt abdriften kann.

MJ Harper fotografiert von Rae Tilly

Als wir uns neulich unterhalten haben, hast du über New York gesagt: „I didn’t like the person I had to become to live in New York“.
Genau, in dieser Stadt musst du die ganze Zeit hustlen, denn sie ist teuer und es gibt unglaublich viel Konkurrenz. It just didn’t feel like a good match for me. Manche sagen, dass Berlin im Vergleich unentwickelt ist, aber das gibt dir auch die Chance, wirklich Neues zu erschaffen, weil hier immer noch genug Platz ist. Ich empfinde es als Inkubationszeit, vieles ist gerade erst am Entstehen. Natürlich kann es deiner Kreativität helfen, wenn eine Stadt auch Druck ausübt, Projekte ambitioniert zu verfolgen – aber irgendwann schaltet dein Verstand nur noch auf Überlebensmodus. Ich bin aber der festen Überzeugung: Ganz gleich wo man lebt, man sollte diesem Ort etwas zurückgeben und sich einbringen.

Wenn man wie du als Tänzer beruflich ständig in Bewegung ist und mit seinem Körper arbeitet, geht man dann privat noch viel in Clubs oder bist du daran gar nicht mehr so interessiert?
Wegzugehen ist mir heilig. Ich kenne kein Nachtleben, das mit Berlin vergleichbar wäre, die Partys hier geben mir so viel Energie. Es gibt für mich nicht unbedingt die eine Party, zu der ich immer gehe oder den einen DJ, dessen Set ich nie verpasse, aber ich bin definitiv unterwegs, ich will mich da gar nicht festlegen. Darauf freue ich mich auch am meisten in diesem Sommer! I love to float around.


Credits

Fotografin & Videografin: Rae (Mee- Jin) Tilly
Foto & Video Assistenz, Sound: Aaron Beattie

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