Links: Selbstporträt von Stef, rechts: Mini Pussy Bag

Achtung: Diese Handtaschen sind zur Ansicht am Arbeitsplatz ungeeignet

Stef van Looveren sorgt für Aufruhr in Antwerpen mit tragbaren Skulpturen, die sich gängigen Geschlechterkategorien widersetzen.

von Rolien Zonneveld
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17 Februar 2020, 12:41pm

Links: Selbstporträt von Stef, rechts: Mini Pussy Bag

Vergiss die Birkin Bag, Chanels 2.55 oder gar die Mini Bag von Jacquemus: 2020 werden alle die ikonischen Dick und Pussy Bags tragen. Sie sehen nicht nur wie tragbare Skulpturen aus, sondern sind streng genommen Skulpturen. Die Designs von Stef van Looveren, einem multidisziplinären, genderfluiden Künstler aus Antwerpen, sind nach Genitalien modelliert und auf der Basis von Gussformen, die um so inklusiv wie möglich zu sein eine breites Spektrum an Körpertypen abdecken. Die Entwürfe wurden erstmals in einer Ausstellung in Antwerpen präsentiert; zur Zeit arbeitet Stef daran, das Sortiment zu erweitern. Die Handtaschen transportieren die Idee, dass Sex und Gender austauschbare, tragbare Accessoires sind, also etwas, mit dem der oder die Träger*in herumspielen kann.

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Stef wuchs auf in einer Vorstadt von Antwerpen in Belgien. Im Alter von vierzehn Jahren beschloss Stef sich zu outen und begann gleichzeitig mit verschiedenen Looks zu experimentieren. “Weibliche Kleidung und Makeup zu tragen wurde zu einem wichtigen Teil meiner Selbstfindung”, erklärt Stef. “Wenn ich in hochhackigen Schuhen in den Bus stieg, um ins Stadtzentrum zu fahren, machten mir die Reaktionen der Leute klar, dass es nicht selbstverständlich war, meine Geschlechtsidentität offen auszudrücken.” Das änderte sich, als Stef eine künstlerische Oberschule besuchte und sich den audiovisuellen Künsten verschrieb: “Besonders die Fotografie gab mir ein Werkzeug an die Hand, um mit meiner Geschlechtsidentität zu experimentieren und sie zu manipulieren. Ich machte Selbstporträts, und mit Hilfe eines Softwareprogramms ließ ich mein Gesicht femininer und meine Taille schmäler aussehen. Mir war daran gelegen immer künstlicher und unrealistischer zu erscheinen. Es wurde rasch zu einer Art Obsession und führte dazu, dass ich die Klasse zweimal wiederholen musste!” Anstatt sich davon entmutigen zu lassen, setzte Stef die Suche fort—erst an der Sint Lucas Universität in Antwerpen und dann, im Rahmen eines Studienaustauschs, am Central Saint Martins College in London.

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Diese Experimente mit dem eigenen Aussehen brachten Stef dazu, den Körper als ein wesentliches Instrument künstlerischer Praxis zu verstehen. “Durch das Aufgreifen von Zuschreibungen und durch Rollenspiele fing ich an, Einschränkungen unsere Geschlechtsidentität zu hinterfragen”, erinnert sich Stef. “Ich begriff die Parallele zwischen Geschlechterrollen und anderen Kostümierungen—als Dinge, die man täglich performt. Ich begann, mich intensiv mit Körperpolitik und Queer Studies zu beschäftigen. Judith Butler, Simone de Beauvoir und Dichterinnen wie Audre Lorde, aber auch LGBT-Ikonen wie Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera, waren grundlegend für meine Praxis.”

Um diese Zeit herum fing Stef an, für Performances eigene Props zu designen, die sich schließlich zu selbstständigen Kunstwerken entwickeln sollten, wie die Dick und Pussy Bags, oder die Neonskulptur “EAT ME OUT”, die derzeit als Teil der Gruppenausstellung Digestive Disaster, Lucky Star in der Brüsseler Galerie Stems zu sehen ist.

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“Humor ist ein zentraler Bestandteil der Antwerpener Kunstszene—was sehr inspirierend ist für mich”, sagt Stef. “Es hat mir geholfen, ernste und politische Fragen in meiner Arbeit anzugehen. Wenn es darum geht, Gender-Vielfalt zu feiern, ist noch viel Raum zu erobern in dieser Stadt, besonders im Vergleich mit Amsterdam oder London, wo diese Dinge viel stärker normalisiert sind.”

Ob im Medium der Skulptur, als Videoinstallation oder Fotografie, das Ziel von Stefs Arbeiten besteht stets darin, eine visuelle Sprache zu entwickeln, die queere Identitäten nicht länger infrage stellt, sondern sie als Norm präsentiert. “Ich glaube fest daran, dass Kunst nützlich sein kann, um unterrepräsentierten Identitäten auf dem Gender-Spektrum Anerkennung zuteil werden zu lassen,” sagt Stef, “sie zu fördern und zu unterstützen.”

Eine Auswahl von DPA Bags ist noch bis 7. März als Teil einer Gruppenausstellung in der Galerie Base Alpha in Antwerpen zu sehen. Eine neue Solo-Show eröffnet im Mai.

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