Gut angezogen ist nicht, wer die teuersten Kleider besitzt

Mit Fantasie kann sich jeder interessant anziehen, meint Stylist Emmanuel Pierre

von Julika Reese; Fotos von Generation Black
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05 Mai 2021, 12:30pm

Der Regisseur Alexander Fahima hat mit dem Opernprojekt „Rules of Attraction“ ein interdisziplinäres Gesamterlebnis inszeniert und bewiesen, dass spannende Kunstaktionen auch aktuell möglich sind. Über einen 15-stündigen Live-Stream wurde das Event von der Volksbühne übertragen und war so für alle miterlebbar. Verantwortlich für das Styling aller zwanzig Performer:innen war der französische Stylist Emmanuel Pierre.

Für das Event war es von zentraler Bedeutung, dass sich alle Teilnehmer:innen schon vorher kannten und eng miteinander befreundet sind. Wie bist du an das Projekt herangegangen?

Richtig, ich kannte die ganze Gang schon vorher und wusste daher wie sich ihre Körper auf Partys und beim Tanzen bewegen. Das war sehr hilfreich. Ich bin dann mit jedem einzeln durch seinen Kleiderschrank gegangen und wir haben gemeinsam drei Looks zusammengestellt. Es war also eher eine Kollaboration. Wir hatten zwar kein Budget für extra Kleidung, aber nur Privates zu verwenden hat gut funktioniert. Alexander und mir ging es darum, jeden bestmöglich zu präsentieren, wir wollten aber niemanden verkleiden.

Wie sah dein Fashion-Moodboard für den Abend aus?

Meine Idee für das Dinner war ein Farbschema aus Naturtönen: Verbranntes gelb, dunkelrot, rostbraun. Die Inspiration war eine Aluminiummine, ich hatte die Reaktionen von Chemikalien, also etwas das oxidiert und sich verwandelt im Kopf. Mein Konzept musste einerseits unkompliziert genug sein, damit sich in zwanzig verschiedenen Kleiderschränken etwas dazu finden würde und spezifisch genug, damit die Outfits trotzdem ein Statement werden würden. Das war die Herausforderung.

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Was war dir bei der Umsetzung des Stylings wichtig?

Es gibt so viele Memes darüber, wie Leute auf Berliner Partys aussehen, diese stereotypen Klischees wollten wir auf jeden Fall vermeiden und unseren eigenen Vibe kreieren. Jedes Outfit sollte in ein stimmiges Gesamtbild passen, aber gleichzeitig für sich stehen. Der ganze Freundeskreis ist eine so starke Einheit, wie eine eigene kleine Galaxie, ich wollte zeigen, dass alle zusammengehören, aber trotzdem höchst verschieden sind.

Es ging dir auch darum die Transformation einer Party visuell darzustellen?

Für das Dinner wollte ich breitschultrige Grace-Jones-Powersuits, also überzeichnete Schultern, scharfe Schnitte, starke Silhouetten. Im besten Sinne streng. Ich wollte den Körper bewusst vergrößern, aber nicht ins Unförmige, eher wie eine Rüstung. Gerade am Anfang eines Events sollten sich alle durch ihre Outfits selbstsicher und geschützt fühlen. Als der erste DJ anfing zu spielen, wurden die Lichtverhältnisse verändert, deshalb musste ich für diesen Teil des Abends Looks finden, die im Dunkeln wirken und in denen alle die Nacht durchtanzen konnten. Ich wusste, dass viele im ersten Lockdown mit Tie-Dye Batik begonnen hatten und deshalb fast jeder etwas davon im Schrank haben würde. Farben die ineinander zerfließen, sind für eine Party doch auch sehr passend, da Musik und Crowd ja auch miteinander verschmelzen.

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Am Ende waren alle sehr nackt, also der klassische Look einer Berliner Afterhour…

Mir war bewusst, dass die Sonne irgendwann aufgehen und das Loft mit Licht fluten würde. Deshalb wollte ich die Körper highlighten. Kaum sichtbare Bodysuits, viel Transparentes, flatternde Kleider und fließende Stoffe, die den Körper umspielen und unmittelbar mit ihm harmonieren. Am Ende einer Party ist man erschöpft, aber auch voller Euphorie, man lässt sich fallen, entblößt sich, nicht nur physisch. Es geht darum sich zu häuten, am Morgen sollten alle am besten vergessen, dass sie überhaupt noch etwas tragen. Man hat das Vertrauen, dass sich die anderen genauso verletzlich geben wie man selbst und deshalb kann auf einer guten Party diese magische, sehr ehrliche Stimmung entstehen.

Die Kleidung nimmt sich zurück und ist doch voll da?

Die Outfits am Morgen sollten verführerisch sein und trotzdem Stärke demonstrieren. Bring out your Sexiness. Durch das stundenlange Tanzen vergisst man irgendwann die Welt um sich herum und wird vollkommen frei. Das ist aber ein Prozess, der sich über mehrere Stunden des intensiven Zusammenseins entwickelt. Du kannst nicht schon am Anfang einer Party alle halb nackt in einen Raum stellen. Das wäre völlig unpassend.

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Findest du eigentlich, dass man Geld braucht, um sich gut anzuziehen?

Wie bei jeder kreativen Disziplin kann Geld manches erleichtern und beschleunigen. Oft entstehen aber gerade aus limitierten Möglichkeiten die spannendsten Ideen. Stil ist definitiv keine Frage der Finanzen.

Wovon lässt du dich inspirieren?

Es gibt natürlich Designer, die ich fantastisch finde, wie Jean Paul Gaultier oder Issey Miyake, aber am meisten inspirieren mich Kunst und Filme. Viele meiner Referenzen haben gar nichts mit Mode zu tun, wie etwa Keramik. Durch Algorithmen werden wir heute alle mit den gleichen Fashion Trends gefüttert und sehen daher auch alle wieder gleich aus. Das Wort ‚trendy’ jedenfalls ist selbst ganz bestimmt nicht mehr das, was es einst bezeichnete. Ich versuche lieber mit viel Vintage einen eigenen Stil zu entwickeln, als mit großen Labels anzugeben.

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Und wie genau würdest du deine Style-Ästhetik definieren?

Sich anzuziehen sollte keinesfalls nach Arbeit aussehen. Ich mag es auch nicht, wenn ich mir Kleidung nicht in Bewegung vorstellen kann. Wenn etwas zu eng ist, Schuhe zu hoch sind. Ich bin sehr pragmatisch, radele in Berlin viel über kopfsteingepflasterte Straßen oder war Pre-Pandemie ein ganzes Wochenende in Clubs unterwegs. I’m a bit of a mess. Meine Kleidung muss sich meinem Leben anpassen, nicht umgekehrt.

Ein Kleidungsstil sollte also nicht zu ehrgeizig wirken?

Ein Outfit sollte nicht zu durchgestylt wirken, so als hätte man sich dafür richtig angestrengt. Lieber gekonnt zufällig zusammengewürfelt, es muss mühelos aussehen. Ganz nonchalant. Wir brauchen auch nicht so viel Mode! Wir brauchen ein wenig Mode – aber die muss dann richtig gut sein.

Im besten Fall ist ein Kleidungsstück etwas, das einen als Person vervollständigt, wenn man es trägt - oder?

Ganz genau, ich weiß immer sofort, ob mich ein Kleidungsstück anspricht. Dafür muss es aber nicht klassisch schön sein. Manchmal ist es sogar eher das Gegenteil. Die Looks für die Party sollten daher auch nicht zu gefällig sein, sondern eher herausfordernd. Ich mag es, wenn ein Outfit einen eigenwilligen Charme hat und dadurch die Persönlichkeit des Trägers unterstreicht. Das Schönste ist, wenn sich jemand durch mein Styling verstanden fühlt.

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