Die Harmonie in Diversität entdecken

Der Designer Lucas Meyer-Leclère erzählt uns, wie er die letzten drei Jahre mit viel Ausdauer und Fantasie an seiner ersten eigenen Kollektion gearbeitet hat.

von Julika Reese; Fotos von Agustin Farías
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12 Oktober 2021, 6:57am

Lucas Meyer-Leclère nimmt für sein Label LML Studio bereits existierende Mode auseinander, dekonstruiert sie, setzt sie neu zusammen und übermalt sie anschließend. Bevor er LML Studio gründete, arbeitete Lucas für große Modelabels wie Lanvin und hat unter Karl Lagerfeld für Chanel neue Stoffe entwickelt. Doch nur auf dem Engagement von anderen wollte sich der Franzose nicht ausruhen. Für seine eigenen Designs bedient sich Lucas nun bei den Kreationen von Dior, Hermès und persönlichen Chanel-Geschenken von Karl, aber sucht auch in Kreuzberger Vintageläden nach geeigneten Materialien. Seine Stoffe wählt er vor allem tastend aus, erzählt Lucas, Layering und Patchwork sind zentrale Elemente seiner Arbeit. So entstehen ausschließlich Unikate, denn kommerzialisieren will er seine Designs nicht.

Für seine erste Show während der Fashion Week, hat Lucas nicht einfach nur herkömmlichen Models, sondern vor allem Freunde über den Laufsteg geschickt. In unserem Interview erzählt er, wo er die meisten von ihnen kennengelernt hat, welche Filme ihn inspirierten nach Berlin zu ziehen und warum er mit seiner Kollektion ein wichtiges Statement gegen die Stigmatisierung von HIV setzen wollte.

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**Lucas, wie würdest du die Ästhetik oder DNA deines Labels bezeichnen
**Neugestaltung, Wiederverwendung, Zusammensetzung. Das Wichtigste in meinem Leben ist Freiheit und das möchte ich auch durch meine Mode kommunizieren. Ich kann mich erinnern, dass ich vor Jahren Schwarz-Weiß-Polaroids in unserem Haus gefunden habe, auf denen ein blond gelockter Mann zu sehen war. „Wer ist das?“, habe ich meine Mutter gefragt. „Ach, das war ein Lover deines Vaters.“ Sie hat das damals mit einem solch entspannten Selbstverständnis gesagt, mich hat das inspiriert. Andere Familien zerbrechen an solchen Konstellationen, aber für meine Eltern schien es zu funktionieren. Gestalte dein Leben nach deinen eigenen Regeln, das ist die Message von LML Studio. Strength and softness. So nehme ich auch Berlin wahr, eine Stadt, die noch immer viele Narben durch ihre Geschichte und Vergangenheit trägt, aber genau wegen ihres improvisierten, unregulierten Charmes so lebendig wirkt. Für mich ist hier noch immer vieles exotisch. Wenn ich mich in Kreuzberg umblicke, wo ich lebe und wo auch mein Studio ist, dann denke ich: ‚Hier gehöre ich hin!’

**Deine Show hatte ein sehr spezifisches Casting. Viele deiner Models kennt man als DJs aus dem Berliner Nachtleben. Wie hast du entschieden, wer deine Mode repräsentieren soll?
**Es war gar nicht meine Absicht, spezifisch Leute aus dem Nachtleben zu casten. Zufällig sind das einfach meine Freunde und Bekannte und die spannendsten Personen, die ich kenne. Die meisten von ihnen habe ich aber tatsächlich irgendwo auf dem Dancefloor kennengelernt. Es sind ganz unterschiedliche Charaktere, aber sie sind alle Freigeister, die ein selbstbestimmtes Leben führen, respektvoll sind und ihren eigenen Wert kennen. Ich fand es berührend, alle für das Finale gemeinsam auf dem Laufsteg zu sehen und trotz ihrer Verschiedenheit die Harmonie zu spüren.

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**Wie ist dein Label LML Studio eigentlich entstanden?
**Ich habe für Chanel gearbeitet und war auch für die Accessoires bei Jimmy Choo verantwortlich. Als ich nach Berlin gezogen bin, habe ich überlegt, wie ich mich hier beruflich etablieren kann. Obwohl ich es vermisste, Mode zu entwerfen, wollte ich nicht einfach überstürzt ein Label gründen. Also begann ich, Kleidung, die ich bereits besaß, nach meinen Wünschen zu bemalen und zu besprayen. Für meine Arbeit verwende ich genauso Vintagestücke, wie Teile von Brands wie Saint Laurent. Daraus ist jetzt ein dreijähriges Abenteuer entstanden, bis ich bereit war, meine Mode zu präsentieren und eingeladen wurde, sie im Rahmen der Berliner Fashion Week zu zeigen. Jedes Teil ist einzigartig, denn ich wiederhole mich nicht gerne. Mir geht es nicht darum, dass meine Mode irgendwann an jedem Flughafen zu kaufen ist, sondern etwas aus dem Moment heraus zu kreieren.

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**Warum bist du nach Berlin gezogen, um ein Modelabel zu etablieren und was inspiriert dich hier?
**Als Teenager hat Fassbinder mit Filmen wie Angst essen Seele aufDie bitteren Tränen  der Petra von Kant - der übrigens auch in der Modeszene spielt -, Die Ehe der Maria Braun und Liebe ist kälter als der Tod mein Interesse an Deutschland geweckt, als Hedi Slimane dann sein Buch Berlin herausgebracht hat, wollte ich mir die Stadt unbedingt selbst anschauen und Orte wie den Hamburger Bahnhof besuchen. Ich kann mich noch erinnern, dass ich mir damals dachte: „Wenn ich nicht nach New York gehe, dann könnte Berlin der Ort werden, an dem ich mein Label gründe. Hier scheint der richtige Vibe zu sein.“ Trotzdem bin ich zuerst nach London gezogen. Die meiste Zeit habe ich allerdings im Flugzeug zwischen den europäischen Großstädten verbracht, um für Labels wie Dior, Lanvin, Dries und Raf Simons an der Entwicklung von neuen Materialien zu arbeiten. Irgendwann habe ich realisiert, dass mich dieses Leben nicht mehr glücklich macht und ich an einem festen Ort leben möchte, mit einer entspannteren Energie. So bin ich nach Berlin gekommen. Was ich in hier am meisten liebe? Ganz klar die Männer - und dass man auf Leute trifft, mit denen man sich im Nachtleben verlieren kann. Aber nicht nur die Clubs sind faszinierende Orte. Als ich hier in die Philharmonie gegangen bin, hatte ich das Gefühl zum ersten Mal Musik zu hören. Genauso gerne gehe ich in die Staatsoper, in Galerien und manchmal in die evangelische Kirche. Für mich sind das alles inspirierende Plätze.

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Eines der signifikantesten Stücke der Kollektion ist eine Lederjacke, auf der übersät HIV+ steht. Wie passt dieses Teil in das Konzept deiner Kollektion, painted love**?
**Schön, dass es dir aufgefallen ist, denn die Jacke liegt mir wirklich am Herzen. Die Arbeit daran war eine Kollaboration mit meinem Freund Nicolas Maxim Endlicher, der gemeinsam mit Cem - der auch in meiner Show gelaufen ist - die Party Herrensauna veranstaltet. Nicolas Wohnung ist wie eine psychedelische Version von Ali Babas Höhle, dort sind wir schon auf viele Ideen gekommen. Ich finde, wir können in unserer Szene nicht über Liebe sprechen, ohne auch diese Krankheit zu thematisieren, von der so viele betroffen sind. HIV wird von der Gesellschaft noch immer stigmatisiert, deshalb ist es unsere Aufgabe, ganz offen damit umzugehen und Betroffenen die Scham zu nehmen, darüber zu sprechen. Nicolas hatte den Einfall dazu und hat die Jacke auch bemalt. Zusammen mit seinem selbstbewussten Walk hat die Jacke genau das richtige Statement rübergebracht, dafür bin ich ihm dankbar.

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**Dekonstruktion und Handcraft spielen bei deinen Designs eine wichtige Rolle. Kannst du uns etwas über den Entstehungsprozess erzählen?
**Ich liebe es, Sachen zu zerschneiden, zu dekonstruieren und zu bemalen, aber ich sitze auch viel an der Nähmaschine, was der weniger spaßige Teil meiner Arbeit ist. Für meine Designs verwende ich alles, was mir in die Quere kommt und mich als Material interessiert. Ein Schal von Hermès kann deshalb genauso interessant sein, wie Ketten aus dem Baumarkt. In Berlin gibt es momentan eine ganze Reihe kleinerer, sehr spannender Labels und jeder hat einen ganz unterschiedlichen Arbeitsansatz. Ich spüre kaum Konkurrenz, sondern sehr viel Support, weil wir alle mit viel Herzblut den gleichen Job machen und ähnliche Kämpfe führen.

Welche Materialien interessieren dich und wo gehst du auf Recherche nach ihnen? Es fällt mir gar nicht so leicht, etwas in Worte zu fassen, das eigentlich meine Hände und Augen für mich erledigen. Natürlich liebe ich Materialien wie Kaschmir, aber auch eine Mischung aus Polyester und einfachster Wolle kann gut aussehen, wenn der Schnitt interessant ist. Genau diese Herausforderung liebe ich, sonst wäre es ja auch zu einfach. In der Nähe vom Kottbusser Tor gibt es das Vintage-Stoffgeschäft Halleluja Berlin, von dort beziehe ich viele meiner Stoffe. Bei der Auswahl interessieren mich vor allem Kontraste.

**What’s next for lml_studio?
**Im Moment freue ich mich vor allem darüber, dass wir endlich wieder zusammen tanzen können. Gerade haben wir auch Events während der Mailänder und Pariser Modewoche gehostet. Großartig, dass solche Veranstaltungen wieder möglich sind. Wenn ich nicht unterwegs bin, arbeite ich an weiteren Designs. In meine nächste Kollektion möchte ich Strickelemente einbringen und Tweed, den ich von bereits existierenden Jacken verwende und neu interpretiere. Es bleibt also spannend!

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Alle Fotos: Agustín Farias

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