warum wir m.i.a. jetzt mehr denn je brauchen

Die Veröffentlichung ihrer Single „Can See Can Do“ hat uns daran erinnert, wie sehr die Popmusik Mathangi „Maya“ Arulpragasam braucht.

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23 März 2015, 9:15am

Letzte Woche überraschte uns M.I.A. mit ihrer ersten Single seit 2013. „Can See Can Do" ist ein Agit-Pop-Song, der einem nicht mehr aus dem Ohr geht. „Some People see planes, some people see drones", singt sie im zweiten Vers. Danach folgt ein eingängiger Refrain mit politischer Aussage: „Wanna get past history, wanna make a future with you". Bei der Veröffentlichung auf Soundcloud wurde sie noch deutlicher: „DEMOKRATIEGESPRÄCHE! DIE TAMILEN WARTEN IMMER NOCH! UND NEIN, MEINE SONGS SIND NICHT BESSER OHNE POLITIK." Danach deutete sie auf Twitter an, dass noch mehr neue Musik unterwegs ist. 

M.I.A.'s Rückkehr kann nicht schnell genug kommen. Die Musikwelt befindet sich an einem etwas langweiligen Punkt, an dem sie auf Nummer sicher geht und abgesehen von ein paar Ausnahmen nicht viel passiert. Kanye Wests ist gerade omnipräsent mit seiner ehrlichen Rede an der Oxford Universität, seinem spontanen Geheimkonzert in London und seiner Aussicht auf eine Überraschungsveröffentlichung seines Albums à la Beyoncé. Und ganz gleich wie du über ihr neues Album denkst, Madonna provoziert mit ihren Auftritten geschickt und fordert traditionelle Vorstellungen, wie sich eine 56-jährige Frau verhalten sollte, heraus. Aber abgesehen davon? Ein Weckruf ist dringend notwenig!

Wir brauchen mutige und provokante Musiker. Die Sorte, die vor einem Millionenpublikum den Mittelfinger zeigt, wie beim Super Bowl 2012. Seit ihrem Debüt 2005 mit Arular ist M.I.A. provokativ und politisch. In einem ihrer ersten Songs, „Sunshowers", spricht sie Waffenkultur und racial profiling an und erwähnt flink die Palästinensische Befreiungsorganisation, kurz PLO, mit der ihr Vater trainierte: „Like PLO, I don't surrender", prahlt sie. In ihrem Musikvideo zur Single „Born Free" von 2010, von der Ermordung tamilischer Männer durch die sri-lankische Armee inspiriert, zeigt sie einen Genozid an Rothaarigen; das war so schockierend anzuschauen, dass YouTube das Video vorübergehend gesperrt hatte.

Sogar ihr bisher größter Hit „Paper Planes" beinhaltet eine politische Botschaft. Der Songtitel ist ein von M.I.A geprägter Begriff für gefälschte Visa, um in die USA einreisen und arbeiten zu können. Im Hintergrund sind Waffenschüsse zu hören und sie fasst die gesellschaftlichen Vorurteile gegen illegale Immigranten in einem Vers zusammen: „All I want to do is take your money." Kritiker bemängeln, dass ihre politischen Botschaften vage und unausgegoren sind. Obwohl die Aussagen einen gewissen Wahrheitsgehalt haben, sei sie keine Politikerin, sondern Sängerin. Ihre Absicht ist es, die Aufmerksamkeit auf für sie wichtige Probleme zu lenken und meistens schafft sie das auch sehr gut - Wer sonst kann eine Hitsingle über gefälschte Arbeitsvisa schreiben? Und wer sonst, außer sie, versucht es wenigstens?

Aber M.I.A.'s Musik ist nicht nur politisch, sondern sie macht auch Spaß: Ihre von Danja produzierte Single „Bad Girls" oder „Jimmy", der geniale Song, der alte Bollywood-Filmmusik auf die Tanzflächen gebracht hat, sind nur zwei Beispiele dafür. Ihr Song „Y.A.L.A." aus dem Jahr 2013 enthält eine popkulturelle Referenz, die unerwartet und in ihrer Vorschau auch ein klein bisschen gruselig ist. „Bankin' offshore, take a trip to Singapore / I need to earn like I'm Julianne Moore", rappt M.I.A. Wusste sie, dass die Schauspielerin bei Die Tribute von Panem mitspielen und einen Oscar gewinnen wird?

Natürlich steht und fällt ein M.I.A.-Song nicht mit dem Text. Mit ihren vier Alben bewies die Sängerin ihre einzigartige Fähigkeit, Sounds aus der ganzen Welt einzufangen und sie in ihren eigenen Sound einfließen zu lassen, was zu einem einmaligen, kaleidoskopischen Alternativ-Pop geführt hat. Ihre Songs sind eine Mischung aus HipHop und Elektro, aber auch Elemente aus weniger bekannten Genres, wie Rio FunkSoca und die in der tamilischen Kultur populären Gana-Songs. Zu sagen, dass sie eine Vordenkerin ist, wäre eine Untertreibung. M.I.A. hat mit Diplo vor zehn Jahren zusammengearbeitet.

M.I.A. ist nicht perfekt und nicht alle ihrer aktuellen Lieder sind gut. Je weniger über den dummen Truffle-Gate von 2011 geschrieben wird, desto besser. Aber in den letzten zehn Jahren war ihre Musik regelmäßig interessant, innovativ und sie hatte keine Scheu vor, sich weit aus dem Fenster zu lehnen. Mit „Can See Can Do" zeigt sie uns, dass sie immer noch viel zu sagen hat. Hoffen wir, dass sie ihr Wort hält und der Sommer wirklich neue, mutige und innovative M.I.A.-Tunes veröffentlicht. 

Credits


Foto: Shawn Mortensen
T-Shirt: Media Action for Darfur
Leotard: Dalston Market
Rock: Paule Ka
Strumpfhose: Walford