Diese Fotografin hielt für drei Jahre jeden Tränenausbruch fest

But first, let me take a selfie: Die verheulten Selfies der in L.A. lebenden Fotografin Emily Knecht sind intimer als deine Nacktfotos.

von Jane Helpern
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19 Juni 2015, 11:00am

Die in L.A. lebende Fotografin Emily Knecht ist besessen von Intimität - von ihrer eigenen, der ihrer Freunde und sogar der von Fremden. So etwas wie eine Schamgrenze kennt sie nicht, stattdessen gewährt sie intime Einblicke in ihre Gefühlswelt. Und ihre scheint unermesslich groß zu sein. Sie dokumentiert keine typischen Provokationsmittel wie befreite Nippel oder Masturbation - diese Themen kommen traditionellerweise häufig in ihren Arbeiten vor, sondern sie fängt rohe Emotionen ein und schießt tränenreiche Selbstporträts in Schlafzimmern, Badezimmern, Restaurants und Autos - einfach gesagt, wo immer sie von Tränen überwältigt wird. „Es ist verletzlicher und narzisstischer als Nacktheit", erklärt sie ihre Heul-Fotoreihe in unserem Gespräch.

Mit 11 fing Emily an zu fotografieren, als sie Plantation besucht hat, ein von Bauernhöfen inspiriertes Sommercamp für Mädchen und Jungen im kalifornischen Sonoma County. Dort lernte sie häusliche Pflichten kennen, hat in Zelten gelebt und die Rituale ihrer Freundinnen festgehalten, als die sich für den großen Tanz fertig gemacht haben. Jeden Sommer tauchte sie mit 15 Einwegkameras auf und fotografierte so lange, bis es alle 15 Filme voll waren. „Die meisten meiner Freunde haben nur die Hälfte an Bildern gemacht", prahlt sie aufgeregt. Wer kennt nicht die gleichzeitige Enttäuschung und Befriedigung, wenn man das nächste Bild machen will und feststellt, dass der Film voll ist? „ Ich habe die Wände unseres Hauses zugkleistert. Das war das, wodurch ich mich gut gefühlt habe".

Heutzutage arbeitet Emily viel, sowohl an persönlichen Projekten als auch an professionellen Jobs. Erst kürzlich hat sie Gigi Hadid und Shannon (von Shannon and The Clams) fotografiert. Sie nutzt ihr gemütliches und vielseitiges Apartment als Studio und verbringt die meiste Zeit mit ihrem Musiker-Freund, der ihr nicht erlaubt, Bilder von seinem Penis zu veröffentlichen. „Ich darf die Bilder machen, aber ich darf sie nicht benutzen", stellt sie klar. Das ist die Sorte menschlicher Kompliziertheit und Nuancenreichtum, den sie mit ihren Arbeiten studieren will.

Nachdem ihre Eltern endlich akzeptiert hatten, dass sie mit Fotografie nicht so leicht aufhören würde, wie sie das mit Karate und so vielen anderen angefangen und dann wieder abgegebenen Hobbys getan hatte, haben sie ihr eine Kamera für den Fotografie-Unterricht in der zehnten Klasse gekauft. Sie studierte dann und erhielt einen Bachelor of Fine Art des California Institute of the Arts. Eigentlich wollte sie Modefotografin werden, worüber die Kunst-Snobs, die einen Pinsel zu viel im Arsch stecken hatten, nur spotten konnten. „Ich hatte ganze drei Freunde", sagt sie über ihre Zeit an der privaten Hochschule. Sogar ihre Professoren hatten sie schon abgeschrieben, als sie alle mit ihrer Abschluss-Ausstellung überrascht hat. Diese Ausstellung war eine intensive und aufrüttelnde Mischung aus persönlichen Nacktbildern, Niedergeschriebenem und Porträts der Großmutter ihrer besten Freundin auf dem Sterbebett.


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„Feelings" ist ein langjähriges, dokumentarisches Selbstporträt-Projekt, bei dem sie in den letzten drei Jahren immer draufgehalten hat, wenn sie geheult hat, manchmal über Ex-Lover, oft nach Streitereien mit ihrem aktuellen Boyfriend und als sie im Entscheidungsprozess war, auf Alkohol zu verzichten oder nicht. Egal wie hysterisch sie wurde, ihr Wahlspruch lautete schon vor drei Jahren war: „But first, let me take a selfie" - ihre Kamera war immer griffbereit. Das war eine Angewohnheit, bei der sogar ihr ansonsten unterstützender Boyfriend ungeduldig wurde.

„In dem Moment, in dem wir uns stritten und ich heulte, war ich so wie: ‚Warte, ich muss ein Bild machen' und er so: ‚Was zur Hölle stimmt mit dir nicht?'. Reißt es einen aus dem Moment? Verbindet es einen gar mehr? Was tut man? Ich kennen die Antworten noch nicht". Für sie als Fotografin ist das alles Teil des Projekts. „Es gab Zeiten, in denen ich Fotos gemacht habe, noch mehr geheult habe und noch trauriger wurde. Dann gab es andere Zeiten, in denen ich mich durch das Fotografieren erleichtert fühlte und weitermachen konnte." Die Fotos und der Heilungsprozess wurden untrennbar miteinander verbunden.

„Es ist so geheimnisvoll, das Land der Tränen", schreibt Antoine de Saint Exupéry in Der kleine Prinz. Vielleicht orientiert sich ja Emily Knecht bei ihrer Mission an diese Zeilen und sie erkundet dieses geheimnisvolle Land mit salzigen Flüssen und fließenden Bächen, um zu sehen, was mit Emotionen passiert, wenn wir aufhören, sie zu verstecken, und anfangen, unsere intimsten Momente mit anderen zu teilen. Sie sind nicht immer angenehm. Sie sind nicht immer schön. In Wahrheit sehen unsere Gesichter meistens richtig hässlich dabei aus. Nach dem wir jetzt die Nippel befreit haben, ist es vielleicht an der Zeit, unsere Gefühle zu befreien.

emilyknecht.com

Credits


Text: Jane Helpern
Fotos: Emily Knecht

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