je hässlicher, desto besser?

Der Flipflop feierte auf den Laufstegen von Louis Vuitton und Dior ein Comeback. Wir hinterfragen die perverse Besessenheit der Mode mit quasi-orthopädischer Footwear, von Teva-Sandalen über Birkenstocks bis hin zu Badelatschen.

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Mai 22 2015, 8:05am

Céline spring/summer 13 campaign. Photography Juergen Teller. Courtesy Céline.

„Hässliches ist schön, Hässliches ist aufregend. Vielleicht, weil es neuer ist", sagte Miuccia Prada in dem viel zitierten Interview mit T Magazine 2013. Wenn es aber um Schuhe geht, egal ob Hässliches attraktiv und aufregend sein kann, dann geht auch oft ums Alter. Es geht darum, einen Schuh zu tragen, den dein Dad in findet, weil er einen Artikel über Normcore gelesen hat und dich fragt, ob er jetzt trendy ist, während er dir stolz seine Birkenstock-Schuhe mit Spuren von Woodstock-Matsch zeigt.

Seitdem Phoebe Philo in ihrer Spring/Summer-13-Show eine nerzgefütterte Version von Birkenstocks auf dem Laufsteg gezeigt hat, wurde viel über das die Liebe der Modewelt für Birkenstocks geschrieben. In einem 5000 Wörter starken Essay für den New Yorker hat Rebecca Mead kürzlich die Geschichte des Schuhs nachverfolgt, von den Ursprüngen in Deutschland im 18. Jahrhundert bis zur heutigen Situation in Brooklyn. Gleichzeit wurde der Schuh wieder in. Während Phoebe Philo in Paris den Furkenstock entwarf, fand Christopher Kane schon 2012 in London den perfekten Weg, um seine zuckersüße Frühjahr-/Sommerkollektion aufzupeppen: Designer-Badelatschen. „Ein High Heel, besonders mit einem Minirock, sieht einfach so von gestern aus", sagte Kane. Seine gummibesohlten Brokat-Sandalen sind eine mit Juwelen geschmückte Erinnerung an die Tage im Ferienlager.

Erwähnen muss man außerdem Teva-Sandalen, die man in den Kollektionen von Prada, Patrick Ervell, Bottega Veneta, Lanvin und Opening Ceremony finden konnte. Es ist ein Fashion-Fact: Wir können zu einem funktionalen, sportlichen Schuh schwer nein sagen - fast alles, das so aussieht, als ob es vom orthopädischen Schuhmacher kommt, ist plötzlich wieder cool. Wieso nur? Wieso erleben sie genau jetzt ein Revival? Welche Auswirkungen hat das auf die nicht Style.com-lesende Welt? Und am wichtigsten: Ist der High Fashion-Flipflop ein untrügliches Zeichen der nahenden Apokalypse oder der Anfang einer weiteren Welle an hässlichen, funktionalen Schuhen? Sollten wir uns alle mit Flipflops eindecken?

Um Antworten auf die Faszination der Mode mit Hässlichem zu finden, wenden wir uns wie immer an Miuccia Prada und ihren ehemaligen Mitarbeiter und Protegé Jonathan Anderson. „Die Erforschung des Hässlichen ist für mich interessanter als die alte Idee von Schönheit", sagte Miuccia. „Hässlich-Sein gehört zum Menschen. Es berührt die schlechte und schmutzige Seite von Leuten." Miuccia Prada gehörte zu den ersten Designern, die unelegante sportive Footwear auf ihren Laufstegen präsentierten. 1998 zeigte sie eine Sandale mit Nylon-Riemen, die jedem, der jemals Teva-Sandalen getragen hat, gefallen haben muss. „Ich wurde für die Erfindung des Trashigen und Hässlichen heftig kritisiert", sagt Miuccia.

Zwei Jahre später änderte sich die Kritik. In ihrer Review zu Pradas Herbst-/Winterkollektion 2010 schrieb Cathy Horyn: „Einige der Outfits forderten einen geradewegs dazu auf, sie als hässlich zu bezeichnen. Aber die Methoden der Untersuchung fühlen sich langsam nicht mehr zeitgemäß an".

Eine Prada-Sandale im Teva-Stil at Prada spring/summer14. Courtesy of Prada.

Miuccias Rebellion gegen die Zwänge des Mailänder guten Geschmacks in den Neunzigern (einschließlich ihrer Teva-Sandalen 2.0) ebnete den Weg für eine neue Generation von Designern, die bereit waren, mit schlechtem Geschmack zu experimentieren. Da gibt es zum einen den früheren Prada-Mitarbeiter Jonathan Anderson, der dem britischen Independent sagte: „Wenn man etwas wirklich Neues findet, dann ist es für mich meist immer ziemlich hässlich, weil es ein ungewohnter Anblick für das Auge ist". Zum anderen gibt es Christopher Kane, der behauptet, dass es so etwas wie schlechten Geschmack nicht gäbe. Ist eine Post-Miuccia-Prada-Welt auch eine Post-Geschmack-Welt? Sie hat sicherlich dabei geholfen, eine Welt zu schaffen, in der Moderedakteure stolz von einem Schuh schwärmen können, der ein „schwammartiges Kork-Fußbett" und einen „geräumigen Zehenbereich" hat.

Die viel entscheidendere Frage aber ist: Wenn es zwei Arten von hässlichen Schuhen gibt - die Theatralischen, bei denen die Form über der Funktion steht (siehe McQueens Armadillos), und die Quasi-Orthopädischen - wieso versteift sich die gegenwärtige Besessenheit mit hässlicher Footwear nur auf diese zwei?

Der Schuh aus der bequemen Welt des Hässlichen; der Schuh, der Sportswear und ein Arztrezept miteinander verbindet, hat eine gewisse Anziehungskraft, die auf die Footwear in Familienurlauben (die Teva-Sandalen), Sporthallen (die Badelatschen) und frühere Hippies Schrägstrich Familienangehörige (Birkenstock) zurückgeht. Während die erste Art hässlicher Schuhe vertraute Proportionen bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, gibt uns die zweite Art - der praktisch hässliche Schuh - wenigstens etwas, das wir teilweise erkennen können. Es ist unheimlich, im Freud'schen Sinne. Was würde Freud über unsere Faszination mit einem Vuitton-Flipflop sagen?

Der Vuitton-Flipflop wurde von Fabrizio Viti entworfen und soll mit Kroko-Bikerjacken und Crepon-Hosen kombiniert werden. Er ist vertraut aber auch neu. Und laut Freud stößt er uns deswegen ab und zieht uns gleichzeitig an - eine psychologische Ausgangsbasis für eine ausgeprägte Form von Besessenheit.

Louis Vuitton Resort 16. Via @louisvuitton.

Außerdem steht auch noch die Frage nach dem Komfort im Raum. Die Modehistorikerin Valerie Steele sagte über die pelzigen Birks von Céline: „Vielleicht waren sie von Phoebe auch einfach als eine Art witzige Erwiderung auf all diese unbequemen High Heels, die damals allgegenwärtig waren, gedacht."

Steeles Kommentar berührt das Alleinstellungsmerkmal vieler hässlich praktischer Schuhe: deren Einlage. Über Crocs kann man sich leicht lustig machen, bevor man sie einmal an hatte. Aber wenn dein Spann durch eine Wolke aus Schaum abgefedert wird, dann ist es dir egal, ob du aussiehst wie Mario Batali. Außerdem erklärt Steele, dass der Wunsch nach Komfort eine Reaktion auf eine andere Facette der Mode ist. Ein High Heel mit Plattform signalisiert vielleicht: ‚Ich gehe am Samstagabend in Clubs mit roten Absperrungen'. Der unelegante, aber bequeme Schuh sagt jedoch: ‚Ich weiß, wer Phoebe Philo ist, ich lese Bücher und ich mag Georgia O'Keefe.'

Das offensichtlich Hässliche am praktischen Schuh ist laut Steele „wie ein geheimer Freimaurer-Handschlag" zwischen Insidern. Es ist witzig. Teva-Sandalen, Birkenstocks oder Flipflops zu tragen, ist die subtilste Art Modehumor. Es bedeutet, dass du exzentrisch sein kannst, ohne dass du von Kopf bis Fuß Rei Kawakubos „Lumps and Bumps"-Kollektion tragen musst.

Interessanterweise sorgten Célines Birkenstocks dafür, dass sich die echten Birkenstocks besser verkauften. Und die Designer-Badelatschen heizten die Begeisterung für Adiletten an, die überall in Sportgeschäften erhältlich sind. Das ist alles Teil des Trickle-Down-Effekts - des Durchsickerns der Mode vom Laufsteg auf den Massenmarkt. Die Nike-Badelatschen, die wir letzten Sommer getragen haben, waren zwar von Footlocker, aber sie waren ebenso Ausdruck der Schockwellen, die Phoebe Philo und Christopher Kane mit ihren Kollektionen 2013 und 2012 auslösten. Oder um es mit den Worten von Miranda Priestly aus Der Teufel trägt Prada zu sagen: „Anschließend sickerte es dann zu den gewöhnlichen Kaufhäusern durch und fand dann sein tragisches Ende in der Freizeitabteilung, aus deren Wühltisch Sie es dann irgendwann gefischt haben".

Unsere Faszination mit uneleganten Schuhen aus der Vergangenheit ist das perfekte Beispiel für die zyklische Natur der Modebranche - ein Zyklus, der durch die seltene Spezies Designer angetrieben wird, durch die wir unsere Vorstellungen von Hässlichem und Schönem neu überdenken. Was wird die Mode für Spring/Summer 16 hervorbringen? Dansko-Clogs von Miu Miu? Ein Zehenlaufschuh von Balenciaga? MBT-Schuhe von Dries Van Noten? Uggs von Marc Jacobs? Wir hoffen doch.

Credits


Text: Alice Newell-Hanson