julien dossena führt paco rabanne zurück in die zukunft

Der Designer führt das Haus in eine neue Ära des sexy Futurismus.

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Dez. 2 2015, 12:40pm

Wenn ein Designer als Creative Director eines der alten Modehäuser berufen wird, steht er unter Zugzwang, etwas Neues entwerfen zu müssen. Wenn ein Designer Kreativchef bei Paco Rabanne wird, ein Haus, das so eng mit Futurismus verbunden ist wie kaum ein anderes, dann gilt das umso mehr. „Alles war sehr intuitiv", sagt Julien Dossena, Fashion Creative Director des Labels, das mittlerweile zum spanischen Luxusgüterkonzern Puig (unter anderem bekannt durch Labels wie Carolina Herrera und Jean Paul Gaultier) gehört. Der junge Designer meisterte die ihm gestellten Aufgaben mit Bravour und seine Residency befindet sich inzwischen in der vierten Saison. Kritiker loben ihn einstimmig und erklären gerne, wieso sich sein Ansatz so neu und frisch anfühlt. „Man muss sich nur mal zum Beispiel seine Kettenhemden anschauen", schreibt Nicole Phelps von Style.com über seine Debütkollektion für die Saison Spring/Summer 2014. „Das Risiko, ins Klischeehafte abzudriften, ist ziemlich hoch, aber Julien Dossena lässt es durch einen Layer-Look mit einer sportiven Weste und einem geöffnetem Reißverschluss modern aussehen."

Sarah Mower von der amerikanischen Vogue sieht in ihm den aufsteigenden Stern am Pariser Modehimmel und nannte seine Frühjahr-/Sommerkollektion 2015 „nicht nur eine Verneigung vor dem Erbe des Hauses, sondern den Anfang von noch mehr frischen und relevanten Kreationen." Hamish Bowles beschrieb die Neuinterpretation von klassischen Workwear-Elementen als „das neue Normal: traditionelle Jeans, die mit einem durchsichtigen, Indigo-farbenen Synthetikmaterial über weiße Baumwolle kombiniert werden, was für den radiographic Effekt sorgt." Was noch wichtiger ist: Der sportliche, burschikose und unangestrengte Sexappeal von Dossenas Paco Rabanne sorgt dafür, dass auch junge Girls die Mode des Hauses tragen wollen.

Wir treffen den Designer auf der Terrasse seines Büros in der Nähe der Avenue Montaigne. Woher kommt seine Intuition? „Meine Freunde und ihr Alltag inspirieren mich. Ich stelle mir nicht schöne Frauen im Korsett vor. Ich entwerfe Kleidung für Frauen, die leben und sich bewegen. Wenn wir im Studio arbeiten, interessiert mich immer, welche Pieces die Girls am meisten lieben." Sein Blick auf Weiblichkeit ist verständnisvoll und nie von oben herab. Julien Dossena stellt Frauen auf kein Podest, was man durchaus wortwörtlich nehmen kann, denn seine Models tragen keine Highheels. „Vielleicht liegt es daran, dass ich schwul bin. Aber ich habe noch nie von Frauen erwartet, dass sie anders als Männer denken oder handeln. Als Designer möchte ich die Geschlechterunterschiede nicht komplett verschwinden lassen. Ich mag die Unterschiede, weil ich die andersartigen Körper mag - weibliche genauso wie männliche."

Diese Gender-Sichtweise passt gut zum fortschrittsfreudigen Erbe dieses futuristischen Hauses, dessen kreativer Leiter er ist. Paco Rabannes metallfarbene Mini-Kleider wurden in den 60ern durch Jane Birkin, François Hardy und nicht zu vergessen durch Jane Fonda in Barbarella berühmt, die die sexuelle Revolution im Raumfahrt-Zeitalter verkörperte. „Paco Rabanne befreite die Frauen von den Kleidern und entwarf diese wirkungsvollen und sexy Silhouetten aus ungewöhnlichen Materialien. Heutzutage will ich, dass sich die Frauen wohlfühlen, wenn sie meine Sachen anhaben, ihre eigenen Wünsche und Träume leben und so Selbstvertrauen gewinnen können. Meine Frauen sind ein wenig jungenhaft und sie tragen flache Schuhe, denn ihr Lebensinhalt ist nicht, Männer zu verführen. Meine Frauen existieren nicht für die Bestätigung durch Männer. Sie sind cool, unabhängig und haben ein erfülltes Sexualleben - Dinge, die sie noch begehrenswerter machen." Julien Dossena hat wie sein Mentor und ehemaliger Boyfriend Nicholas Ghesquière dieses Funkeln in den Augen, was durch sein unverschämt gutes Aussehen, seine makellosen Manieren und dem französischen Charme nur noch mehr unterstrichen wird. Aufgewachsen ist er in der Bretagne und er studierte Kunstgeschichte in Paris und Mode in Brüssel, bevor er 2008 Teil des Balenciaga-Teams wurde. Vier Jahre später verließ er im Rahmen zusammen mit Ghesquière das Haus und gründete Atto, das mittlerweile nicht mehr existiert. Durch dieses Label wurde die Industrie auf ihn aufmerksam und er heuerte bei Paco Rabanne an. Julien Dossena führte den sorgfältigen Perfektionismus, den Ghesquière so berühmt gemacht hat, weiter und verband ihn mit seinem eigenem visuellen und methodischen Können. „Präzision bedeutet mir sehr viel. Ich fordere viel. Ich liebe Sorgfalt und harte Arbeit. Mich haben Autodesigns schon immer mehr beeindruckt als Designs von Tech-Gadgets", sagt er. Sein Französisch ist schnell und er beendet selten einen Satz, bevor er den nächsten beginnt. Seine Gedanken drehen sich so schnell, dass man ihnen kaum folgen kann. „Ich liebe Bewegungen und Handlungen, Geschwindigkeit und Reaktivität." Der Designer ist Fan von Science-Fiction-Autor J.G. Ballard und Horrorfilm-Regisseur David Cronenberg. „Die kalte Ästhetik von Maschinen und Geschwindigkeit fasziniert und inspiriert mich. Andererseits habe ich immer das Gefühl, dass ich Zeit habe."

Diese Worte hört man in der Industrie, die immer mehr will und immer schneller wird, mittlerweile selten. Aber Julien Dossena lässt sich davon nicht beeindrucken. „Ich würde die Messlatte noch höher legen", erklärt er. „Als ich vor fast zehn Jahren angefangen habe, sprachen alle über Unternehmen und Macht. Big Money ist jetzt uncool. Gerade findet eine Umorientierung statt. Ich habe das Gefühl, dass wir Teil einer umfassenderen Bewegung sind. Nicht nur in der Mode. Unsere Generation, die Jüngeren noch mehr, sehnen sich nach Authentizität. Durch das Internet haben die Leute Zugang zu Dingen. Man kann sie nicht mehr mit Bullshit überschütten. Die Leute wollen echte Sachen, gut verarbeitet und mit Respekt hergestellt. Das meine ich nicht nostalgisch, denn ich liebe Technologie und die Möglichkeiten, die wir durch sie haben. Ich möchte einfach nur, dass Leute sich gut benehmen und gute Arbeit leisten."

Der Antwort auf die Frage, was Julien Dossenas Kreationen so neu macht, liegt vielleicht in genau diesen Worten. Es ist diese optimistische und provokative Einstellung gegenüber der Industrie, in der er arbeitet, und der Welt, die sie umgibt. Dossena weiß um die Rolle des Modedesigners als Influencer auch jenseits der Laufstege und um die Bedeutung von Mode als globale Plattform, in der es keine Zeit und keinen Raum für Selbstzufriedenheit und Mittelmäßigkeit gibt. Das Neue an Dossena Designs ist vielleicht so schwer in Worte zu fassen, weil wir dafür einfach noch nicht die Worte haben. „Ich habe keine Angst davor, dass ich missverstanden werde", sagt er abschließend. „Gerade, wenn es darum geht, dass Abstriche bei meiner Vision zu machen. Natürlich möchte ich Erfolg haben. Meine Aufgabe besteht darin, Produkte zu verkaufen und zum Wachstum einer Firma beizutragen. Aber ich habe auch persönliche Ziele. Ich werde mich niemals ändern, um populärer zu werden."

pacorabanne.com

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Credits


Text: Tess Lochanski 
Foto: Nick Dorey
Styling: Zara Zachrisson
Haare: Tamara McNaughton at Management + Artists 
Make-up: Emi Kaneko at D+V Management
Digitaltechnik: Olivia Estebanez
Fotoassistenz: Butch Hogan, Ryan Garcia
Model: Rhiannon at Wilhelmina.
Rhiannon trägt Paco Rabanne.