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steht das bisherige modesystem vor dem zusammenbruch?

Nachdem Raf Simons und Alber Elbaz ihre Rolle als Creative Directors aufgegeben haben, wird der Ruf aus der Industrie nach einem Kurswechsel immer lauter.

von Anders Christian Madsen
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03 November 2015, 11:15am

Nachdem in den letzten Wochen völlig überraschend Raf Simons und Alber Elbaz ihre Positionen als Creative Director bei Dior respektive Lanvin räumten, werden die Rufe aus der Industrie nach einem Kurswechsel immer lauter. Vor seinem Weggang bei Lanvin nahm Alber Elbaz bei der „Night of the Stars"-Verleihung von Fashion Group International den Superstar-Award entgegen und umriss in seiner Dankesrede die neue Rolle von Modedesignern: „Wir fingen als Couturier mit Träumen, mit Intuition und mit Gefühlen an", sagte der geschasste Ex-Lanvin-Designer. „Dann wurden wir Creative Directors. Wir sind kreativ, aber hauptsächlich lenken wir. Jetzt sind wir Image-Macher geworden, die sicherstellen sollen, dass es auf den Bildern gut aussieht. Die Regel lautet: The screen has to scream (auf Deutsch in etwa: Hauptsache, es sorgt für mediale Aufmerksamkeit). Laut-Sein ist zum neuen Standard geworden [...] Ich bevorzuge aber die leisen Töne. Das ist tiefsinniger und hält länger." Die Spatzen schreien es vom Himmel, dass Alber Elbaz als heißer Kandidat für die Nachfolge von Raf Simons' Posten bei Dior gilt. Wann ist die Menschlichkeit in der Industrie auf der Strecke geblieben?

Heutzutage zählt das Show-Element in Fashionshow mehr als der eigentliche Grund der Show: Mode.

Raf Simons' Entscheidung, Dior zu verlassen, ist nur das Symptom einer viel tieferliegenden Entwicklung, die die Industrie an den Rand eines Nervenzusammenbruchs geführt hat. „Ich hinterfrage viel, was gerade passiert. Ich habe das Gefühl, dass es vielen anderen auch so geht", sagte Simons WWD vor seiner letzten Dior-Show im Oktober. Damit meint er die Überlastung durch ein Fashionshow-System, bei dem von Designern der Megabrands - wie er selbst einer war - pro Saison drei Kollektionen erwartet werden: Haute Couture, Pre-Collection und Ready-to-Wear. Wäre Simons auch noch für die Dior Menswear zuständig gewesen - die verantwortet Kris van Assche - hätte er insgesamt acht Kollektionen pro Jahr entwerfen und präsentieren müssen. Die Zahl berücksichtigt dabei noch nicht einmal sein eigenes Menswear-Label Raf Simons.

In der Modeszene wird allgemein angenommen, dass der ständige Druck der Grund für den Rückzug von Simons bei Dior war. Ob das jetzt der Wahrheit bespricht oder nicht, ist letztlich egal. Wieso? Weil die Reaktion der Meinungsmacher in der Modewelt auf Rafs Abgang alles sagt: Der große Knall in der Industrie wird kommen und er könnte schneller da sein, als wir denken. Sarah Mower schrieb in der amerikanischen Vogue: „Sein Weggang steht weniger für die Entscheidung eines einzelnen Designers und eines bestimmten Modehauses als viel mehr für ein Modesystem, das sich immer weiter von sich selbst entfernt hat. Die Gründe erschließen sich keinem." Suzy Menkes erinnerte sich, wie der ehemalige Dior-Womenswear-Designer im letzten Jahr nicht einmal Zeit fand, um die Frieze zu besuchen, und fragte: „Keine Zeit, um sich einen Tag freizunehmen, um von Paris nach London zu fahren und sich inspirieren zu lassen? Ist es soweit mit dem Designer-Dasein gekommen?"

Rebecca Lowthorpe von der britischen Elle nannte Simons einen Helden für seinen Mut, über seinen Abgang selbst bestimmt zu haben. „Simons ist ein authentischer Designer der Designer in einer Welt, die zunehmend extreme Oberflächlichkeit als ihren größten Erfolgsmesser sieht. Während Simons die Mode mit weiterentwickelte, interessierte sich die Welt nur dafür, wie viele Kardashians in der ersten Reihe sitzen." Die von Berufs wegen gezwungen sind, über die schier unfassbare Anzahl an Kollektionen jede Saison zu berichten - die Presse und die Einkäufer - gilt: Es Reicht!

Die heutige Modeindustrie sieht komplett anders aus als vor zehn Jahren, sie unterscheidet sich erst recht von der Branche aus den 80ern oder 90ern. Es fängt mit der Teilnahme an den regulären Fashionweeks an, geht über die exotischen Zielen für die Pre-Collection-Shows bis hin zu den Wochen, die man damit verbringt, die Ateliers von kleineren Designers aufzusuchen, um sich deren Pre-Collections anzuschauen. Diejenigen, die damals wie heute dieselben Positionen bekleiden, spüren die Veränderungen vielleicht am meisten - außer Karl Lagerfeld vielleicht. Wie Lowthorpe richtig feststellt, geht es dabei nicht nur um den ambitionierten Show-Terminplan. Die Celebrity-Kultur war zwar schon immer Teil von Mode, aber man hat den Eindruck, dass heutzutage das Show-Element mehr zählt als der eigentliche Grund der Show: Mode.

Alber Elbaz Lanvin, Spring/Summer 14 

So kann es nicht weitergehen - weder mit Kim Kardashian noch mit deren Po. Prominente und die Instagram-Kultur wurden nur zum sichtbarsten Zeichen eines Zuviel an Konsum, das momentan die Modewelt prägt. Sie sind nur die Auswirkungen der Gier und fehlenden Aufmerksamkeitsspanne von uns, den Kunden. Die Konglomerate nutzen das nur zu gerne, um uns all das auf dem Silbertablett zum Kauf anzubieten. Diese Mentalität verheizt nicht nur kreative Köpfe, sondern verschmutzt den Planeten. „Ich persönlich glaube, dass der gesamte Modezyklus Einfluss auf unseren Planeten hat", sagt Nadja Swarovski zu i-D. „Brauchen wir wirklich alle sechs Monate neue Kleidung? Es geht dabei natürlich ums Geschäft. Gibt es keine anderen Alternativen zur Umweltverschmutzung, um uns schön anzuziehen? Ich trage gerne Kleidung aus der letzten Saison."

Die Lösung ist denkbar einfach: eine Reduzierung der Massenproduktion, eine Reduzierung der Kollektionen, weniger Shows - kurz gesagt: ein Ende der Immer-mehr-Mentalität. Die Lösung scheint unmöglich zu sein, denn hört bei Geld der Verstand leider auf. Deshalb müssen wir denen, die es richtig machen, mehr Beachtung schenken: zum Beispiel Rick Owens, der ein Unternehmen führt, das organisch wächst, und der mittlerweile gut im Geschäft ist. Aber er muss nicht ständig Kollektionen hinzufügen oder ein Regime des Immer-mehr installieren. Owens entwirft pro Saison drei Kollektionen, man hat aber nicht den Eindruck, dass er deswegen unter Druck steht. Seine Ästhetik entwickelt sich in Ruhe von Saison zu Saison und er nutzt seine Shows, um wichtige Gefühle und Nachrichten zu transportieren. Das braucht die Industrie.

Dries van Noten führt eines der größten Independent-Labels und bei ihm gibt es nicht mal Pre-Collections. „Mein Erfolg hat auch teilweise mit meiner Herangehensweise an Mode zu tun. Sie unterscheidet sich komplett von der, der großen Konzerne. Für die Mode halte ich deren Perspektive für nicht so spannend", sagte uns der Designer 2011. „Viele Kollektionen entstehen nur aus Marketinggründen. Mit den Pre-Collections wird das Geld verdient. Deshalb findet man auch Mode, die man auf dem Laufsteg sieht, nicht in den Läden. Alles, was man bei uns in der Show sieht, wird hinterher auch von uns verkauft. Es gibt nicht ein Teil, was extra für den Catwalk entworfen wurde. Wenn man das tun möchte, dann soll man Haute Couture machen."

Jeder Designer in der Industrie muss Dries van Noten und Rick Owens um ihre Unabhängigkeit beneiden. Klar ist aber auch, dass nicht jeder Designer sein eigenes, großes Independent-Label haben kann und dass die alten Modehäuser - die Megabrands - immer Designer brauchen werden. Vielleicht ist es aber jetzt an der Zeit, dass die Kreativen, die beim Jobkarussell um die offenen Posten als Creative Director mitmachen, ihren Einfluss geltend machen und Änderungen einfordern - wie führende Köpfe der Industrie es bereits taten. „Ich würde gerne etwas Ruhigeres machen", sagte Raf Simons WWD vor seiner Show. „Ruhig und schön, einfühlsam und romantisch".

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Credits


Text: Anders Christian Madsen
Foto: Mitchell Sams