im gespräch mit den rebellinnen von hillier bartley

Einmal ein Rebell, immer ein Rebell. Hillier Bartley ist das freche Label, das die ungeschriebene Gesetze der Industrie infrage stellt und von den beiden einflussreichsten Designerinnen der heutigen Modewelt geführt wird.

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Nov. 9 2015, 11:15am

Designerin Luella Bartley kaufte sich vor Kurzem ihr erstes Paar Highheels. „Man fühlt sich den Saint Laurent-Heels so richtig schön nuttig", sagt sie. „Aber wie eine emanzipierte Nutte", wirft Designerkollegin Katie Hillier ein. „Weil man sich darin wie ein Boss fühlt." Dass sie dem Sexappeal des Stilettos erlag, war so etwas wie eine Offenbarung für Luella Bartley. „Ich habe das Gefühl, dass ich mich im letzten Jahr verändert habe. Das liegt an diesem Kleid", gibt sie zu. Das Kleid um das es sich dabei handelt, ist das bodenlange Crêpe-Kleid mit angenähtem Schaltuch - der Hingucker ihrer Debütkollektion. „Je älter man wird, desto wohler fühlt man sich mit seiner Sexualität. Diese Kollektion ist das Sexyste, was ich jemals gemacht habe. Zwar ist alles sehr hochgeschlossen und erinnert an Menswear, ist aber gleichzeitig sehr elegant und sexy. Es ging auch um eine Neudefinition von Sexysein. Ich finde die Verwegenheit, die wir aus der Menswear übernommen haben, sehr sinnlich. Die Satinbluse ohne BH hat mich sofort an Madonna in der blauen Gucci-Seide erinnert", sagt Bartley. „Man konnte ihre Nippel sehen. So mag ich das", schmunzelt Katie Hillier.

Sie haben es sich inzwischen auf dem Sofa im Foyer des Gebäudes, in dem sich ihr Atelier befindet - Rochelle School of Arts in Shoreditch -, bequem gemacht. Es ist die pure Freude, den beiden Designerinnen zu zuhören. Beide sind schon seit Jahrzehnten im Geschäft: Luella Bartley in der Womenswear und Katie Hillier als Accessoires-Designerin. Einem breiterem Publikum wurden sie als Creative Duo bei Marc by Marc Jacobs bekannt, bis die Diffusion-Linie in der Main-Line aufging. Bereits davor hatten sie Pläne für ein eigenes Label. Für Luella Bartley ist Hillier Bartley „erwachsen und für Frauen geeignet". Das sei aber keine Gegenreaktion auf die hyperjunge Ästhetik, die das Duo während der Zeit bei MbMJ perfektionierte. Die Mode sei die Antwort auf ein fehlendes Angebot für Frauen wie sie selbst und entspreche ihrem Wunsch nach Eigenständigkeit. Katie Hillier ist weiterhin noch für Marc by Marc Jacobs tätig. „Man muss sich das ungefähr so vorstellen, als würden wir halbmassives Haus aus Sandstein bauen", erklärt Bartley.

Diese Unabhängigkeit des Labels Hillier Bartley und der damit verbundene Ethos ist es, was die beiden zu Rebellinnen in einer Industrie, in der Größenwahn das Ziel aller Träume ist und Jugendwahn der Weg dorthin ist, machen. „Wenn man älter wird, ist es eine andere Art von Rebellion. Jugendrebellionen werden von Ängsten und Energie angetrieben. Bei Rebellionen im fortgeschrittenen Alter geht es eher um ‚Zero-Fucks-Given'-Mentalität, man fühlt sich in seiner eigenen Haut wohl und macht nur das, was einem gefällt", so Bartley. Wir sprechen über die erste Kollektion, die im Frühjahr nur Einkäufern gezeigt wurde und die der Öffentlichkeit mit diesem Shooting erstmals präsent wird. Sie ist erhaben und gut geschnitten. Key-Pieces sind der camelfarbene Mantel, die seidene Schleifenbluse und das großartige Kleid, das für den feinen Sexappeal der Kollektion sorgt. „Ich trage immer noch Jeans und T-Shirts, aber ich habe das Gefühl, dass ich eine größere Präsens in ihnen habe. Diese Art von Mode machen wir: Kleidung, die Frauen eine Präsenz gibt. Sie steht Frauen mit einer Persönlichkeit", erläutert sie den Leitgedanken der Kollektion.

„Wir machen keine Laufstegmode. Wir machen Mode, die mit gutem Design und einer guten Qualität überzeugt. Kein Schnickschnack", sagt sie. „OK, diese Jacke mit Fransen ist sehr verspielt", sagt Katie Hillier lachend. Beide lernten sich 1999 durch Katie Grand kennen. Katie Hillier studierte an der Universität von Westminister und arbeitete nach dem Studium für Luellas Label Luella, das sie 1999 gründete und infolge der Wirtschaftskrise 2008 schloss. Ihre Jugend fiel ins goldene Zeitalter der Londoner Underground-Szene, eine Zeit bevor Social Media zur Gentrifizierung von Subkulturen führte. „Wir hatten nie das Gefühl, dass wir dazugehörten", sagt Luella. „Doch, ich ich habe mich schon so gefühlt", entgegnet Katie. „Rückwirkend betrachtet, wirkt alles sehr Underground-mäßig. Wenn man auf einen Rave ging, dann war man dabei", so Luella. „Hattest du das wirklich?", fragt Katie Luella. „Ich habe mich damals einfach wie eine Jugendliche gefühlt. Man war Bestandteil einer Gruppe von jungen Leuten und man war anders. Das war ein gut", schließt Luella ab.

In den 2000ern hatte Luella großen Anteil am Aufstieg des Indie-Brit-Girl-Looks und am Revival von Mulberry mit dem Gisele Bag. In dieser Zeit entwarf Katie ein paar der bekanntesten Accessoires-Pieces für Labels wie Stella McCartney, Marc Jacobs oder Victoria Beckham. Diese Erfolge führten aber nicht dazu, dass das Duo der Vergangenheit hinterherweint. Hillier Bartley steht für das coole Indie-Girl, das mittlerweile erwachsen geworden ist und Sexyness anders definiert. Das schließt aber Frauen unter 30 nicht aus. Florence Welch gehört zu den treuen Kundinnen des Labels. „Ich trage immer noch Paillettenkleider mit Leopardenprints und kniehohe Kunstlederstiefel", so Hillier. „Aber die Stiefel haben mittlerweile keine Absatz mehr. Und das Kleid ist anständig."

Die Kollektion ist - wie Bartley und Hillier selbst - jugendlich und erwachsen zugleich. Ihre ältere und durchdachte Interpretation von Weiblichkeit verleiht der Mode eine gewisse Exzentrik. „Eitelkeit mit einer Spur Abenteuerlust", beschreibt Bartley die Kollektion. „Die Exzentrik ist reifer, sie ist subtiler geworden." Das spiegelt sich in den Inspirationen wider: Ian McCulloch von Echo & the Bunnymen, die Figur Withnail aus Withnail and I, Edward VIII., David Bowie, Virginia Woolf, Prinzessin Anne und Katherine Hepburn. „Wir haben eine persönliche Verbindung dazu und sagen diese Namen nicht, nur weil sie der letzte Schrei sind. Früher habe ich das so gemacht, um ehrlich zu sein: ‚Kathleen Hanna, wie cool'. Und dabei kannte ich nicht mal ihre Musik."

Am wichtigsten ist den beiden Designerinnen die kreative und kommerzielle Kontrolle über ihr Label und die damit verbundene Unabhängigkeit. „Es geht nicht darum, irgendwelchen Diktaten zu unterliegen. Wir leisten das, was wir schaffen können; was wir kontrollieren können und bei dem wir uns wohlfühlen. Es wird keine South-North-Tote geben, nur weil das jedes andere Label macht", erklärt Luella Bartley. „Auch wenn das weniger Geld bedeutet. Das ist schon OK", fügt Katie Hillier hinzu. „Natürlich wollen wir Geld damit verdienen, schließlich tun wir es deshalb. Eitelkeit spielt eine große Rolle. Wir glauben an unsere Produkte, aber streben nicht die Weltherrschaft an. Eine Nummer kleiner tut es auch schon." Anders ausgedrückt: keine Fashionshows, keine Präsentationen und keine Pre-Collections - jedenfalls momentan. „Man sollte mit solchen Äußerungen vorsichtig sein, bereut man sie hinterher doch meistens", sagt Luella Bartley lachend. „Momentan sind wir ganz zufrieden damit, keine Fashionshows zu haben. Sie würden auch nicht zu uns passen. Ich zeige die Kollektion lieber persönlich und kann auch gleich etwas darüber erzählen. Außerdem kann die Kundin die Kleidungsstücke gleich anprobieren und sie fühlen."

@hillierbartley 

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Credits


Text: Anders Christian Madsen
Alle Fotos: Courtesy of Hillier Bartley