Adwoa wears hoodie and jewelry model's own.

wie adwoa aboah für empowerment junger frauen sorgt

Das 24-jährige Model Adwoa Aboah, Coverstar unserer neuen The Female Gaze Issue, nutzt ihre eigenen Erfahrungen mit Depressionen und Drogenabhängigkeit, um Girls auf ganzen Welt zu motivieren, ehrlich über ihre psychischen Erkrankungen, ihre eigene...

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Aug. 17 2016, 2:45pm

Adwoa wears hoodie and jewelry model's own.

Gurls Talk ist für jedes Girl, das in der Pubertät jemanden zum Reden braucht", sagt Adwoa Aboah. Die 24-Jährige ist Model und Schauspielerin und das Internet ihr Mittel, um etwas zu bewegen. Ihr Gesicht prägt sich ein: Ihr rasierter Kopf, ihre Katzenaugen und natürlich ihre Sommersprossen— sie ist einfach nur schön. Zusammen mit ihrer Warmherzigkeit und ihrem fantastischen Modegeschmack könnte man leicht denken, dass ihr Leben einfach ist. Dass sie selbstbewusst und zuversichtlich ist. Aber Aussehen ist eben nicht alles. Die letzten beiden Jahre waren die schwersten und dunkelsten in ihrem Leben. Sie litt unter Depressionen und war drogenabhängig. Immer wieder wurde sie in die Entzugsklinik eingeliefert. Trauriger Höhepunkt in dieser Entwicklung war ein Selbstmordversuch Ende 2014. Adwoa ist heute clean und setzt sich dafür ein, anderen jungen Frauen einen safe space zu geben, in dem sie über die Probleme beim Erwachsenwerden reden können. Gurls Talk ist eine Plattform, auf der sich junge Frauen über ihre Ängste und Sorgen austauschen und ihre Kreativität einsetzen können, um etwas zu bewegen.

Adwoa Aboah wurde 1992 im Westen Londons geboren und ist in der Modewelt aufgewachsen. Ihre Mutter Camilla Lowther hat die Agentur CLM gegründet und ist für viele Karrieren der gefragtesten Fotografen und Image-Maker mitverantwortlich. Adwoas Vater Charles Aboah gehört eine Location-Scouting-Firma. Ihre ersten Drogenerfahrungen hat sie in der frühen Jugend gemacht. Was zunächst nur als Spaß anfing, wurde schnell zur Gewohnheit und eskalierte bald. Als sie mit dem Studium anfing, war sie schwer drogenabhängig. Nach ihrem Abschluss an der Brunel University schickten Adwoas Eltern sie in die Entzugsklinik Cottonwood Addiction Rehab and Behavioural Health Treatment Center in Arizona. Nach ihrer Rückkehr nach London lebte sie in einem betreuten Wohnheim, um wieder am normalen Leben teilzunehmen: „Als ob nichts geschehen wäre". Doch kurz darauf wurde sie wieder rückfällig. Damals führte Adwoa zusammen mit ihrer guten Freundin Madeleine Østlie die Castingagentur AAMO, nebenbei arbeitete sie als Model. Keine Jobs zu ergattern und für ihr Aussehen verurteilt zu werden, führten bei der jungen Britin schließlich dazu, dass sie sich wertlos fühlte. Im Oktober 2014 versuchte sie, sich das Leben zu nehmen. „Ich fühlte mich so verloren und habe das Leben einer anderen Person gelebt", sagt sie. „Ich war geblendet von dem Leben der anderen. Ich wollte einfach nicht mehr ich selbst sein." Sie lag vier Tage im Koma. Danach wurde sie in eine psychiatrische Einrichtung verlegt, wo sie die nächsten vier Wochen verbrachte.

T-Shirt:  Gucci. Kleidung von Kesewa: Model's own. 

Die Entlassung aus dem Krankenhaus markierte den Beginn einer langen und schmerzhaften Reha, ein Prozess, der bis heute anhält. „Anfangs habe ich noch damit gehadert, noch zu leben", gibt sie zu. „Ich war nicht glücklich darüber, dass ich gerettet wurde. Meine Familie und ich mussten wieder neu lernen, wie wir miteinander umgehen und wie wir über psychische Gesundheit und Drogenabhängigkeit denken. Das war ein schwieriger Prozess. Es fiel ihnen schwer, mit jemandem umzugehen, der nicht mehr leben wollte. Die Beziehung zu meiner Schwester ist komplett eingegangen. Sie war so enttäuscht davon, dass ich in diesem Moment nicht daran gedacht habe, wie sie sich fühlen würde, wenn ich nicht mehr leben würde." Zu wichtigen Meilensteinen ihrer Therapie wurden der Roadtrip mit ihrer Schwester Kesewa durch Amerika—Endpunkt New Orleans—und ein Familienurlaub über Weihnachten in Kenia im gleichen Jahr. „In Kenia haben wir alle an einem Tisch gesessen. Das war wie die Rückkehr in die Wirklichkeit", erinnert sich Adwoa. „Ich habe mich umgeschaut und jeder war da. Ich war so glücklich, dass ich auch da sein konnte und dass ich in dieser neuen Phase meines Lebens bin."

Die Idee zu Gurls Talk kam Adwoa nach einer Therapiesitzung in der Nähe ihres Elternhauses im Westen Londons. In dem Meeting waren durch Zufall nur Frauen. „All diese Frauen haben sich die intimsten Details aus ihren Leben erzählt", erinnert sie sich. „Von ihren Beziehungen zu ihren Ehemännern, über die Erschöpfung durch ihre Kinder bis zu ihrem Sexleben. All die Dinge, über die man nicht so leicht reden kann, erst recht nicht, wenn Männern anwesend sind. Es gab keinen Konkurrenzkampf, es gab keine Verurteilungen, kein Schamgefühl." Als eine Frau etwas erzählte, stimmten ihr zwei oder drei weitere Frauen zu. Adwoa begann zu begreifen, dass die menschliche Existenz universell ist und dass—was auch immer sie fühlt—es sehr wahrscheinlich auch andere Personen gibt, die so denken. „Ich habe einfach begriffen, dass ich nicht alleine bin", sagt sie. „Nach dem Meeting habe ich mir gedacht, wie gut es wäre, wenn es einen Ort nur für Girls gäbe, an dem sie miteinander sprechen könnten". Sie erstellte auf Instagram den Account @GurlsTalk und kaufte kurze Zeit später die Websitedomain.

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Mittlerweile hat sie über 35.000 Follower und es werden täglich mehr. Die Website soll im Oktober gelauncht werden. Gurls Talk ist so etwas wie die beste Freundin, die du dir während der Pubertät an deiner Seite gewünscht hast. Eine Plattform, auf der du über Körperwahrnehmung, Feminismus, Selbstwahrnehmung und Empowerment sprechen kannst. Und das offen, intelligent und zutiefst persönlich. Die Bandbreite der Themen ist groß. Es geht um Adwoas Entzug, um ihre persönlichen Erfahrungen, ihre Wünsche und Träume. Aber es geht auch darum, wie Kim Kardashian ihre Social-Media-Präsenz nutzt: „Sie hat 45 Millionen Follower. Und dafür setzt sie ihre Plattform ein?", fragt sie skeptisch. Der Account gibt auch einen Einblick in die Arbeiten von inspirierenden feministischen Künstlerinnen und Autorinnen wie Gloria Steinem und Lena Dunham, außerdem auch einfache Motivations-Mantras wie „Sei du selbst und sei darauf stolz". „Kreativität ist ein gutes Ventil", erklärt Adwoa. „Künstlerinnen sprechen Themen wie Depressionen, Drogenabhängigkeit und Sexualität offen in ihren Werken kann. Das ist so wie beim Schreiben. Ich hätte nie gedacht, dass ich eine gute Autorin bin. Aber Sachen aufs Papier zu bringen, war therapeutisch. Das möchte ich mit anderen Frauen teilen."

Jede Woche erreichen sie über 30 E-Mails und private Nachrichten von Frauen aus der ganzen Welt. Durch ihre Ehrlichkeit hat sich Adwoa schnell einen guten Ruf erarbeitet. Die 24-jährige Londonerin ist zu einer wichtigen Anlaufstelle für junge Frauen und Girls aus der ganzen Welt geworden. „Ich bin froh darüber, dass ich diese Verantwortung übernommen habe, aber es ist auch eine große Verantwortung", so das Model über die wachsende Community. „Wenn du anfängst, anderen Frauen zur Seite zu stehen und ihnen zurückschreibst, kannst du nicht einfach wieder verschwinden. Du musst präsent sein, was auch überwältigend sein kann." Besonders für jemanden, der selbst unter Depressionen gelitten hat und drogenabhängig war. „Ich muss Grenzen aufstellen", erklärt sie, „sonst liege ich die ganze Nacht wach und mache mir Gedanken und frage mich, warum ich nicht da war, um ihnen persönlich zu helfen."

T-Shirt: Gucci. 

Trotz der großen Verantwortung und des Drucks glaubt Adwoa daran, dass sie mit ihrer Plattform und ihrer Stimme für positive Veränderungen sorgen kann. „Das ist eine der größten Motivationen hinter Gurls Talk", sagt sie. „Ich habe nicht so viele Follower wie einige andere, aber die Zahl wächst. Ich möchte, dass es bei Gurls Talk weniger um mich als viel mehr um die anderen Mädchen geht." Im März hat Adwoas beste Freundin, die Schauspielerin und Model Cara Delevingne ihren Kampf mit Depressionen öffentlich gemacht. „Ich leide unter Depressionen und habe während einer besonders schweren Zeit des Selbsthasses als Model gearbeitet", twitterte sie damals. Der Tweet wurde über 10.000 Mal geteilt. Das verdeutlicht, wie groß der Bedarf nach Frauen und Männern ist, die öffentlich über psychische Erkrankungen reden. „Ich glaube, dass viele Prominente zu viel Angst davor haben. Ich habe diese Angst nicht mehr", sagt Adwoa. „Wenn die Leute nicht hören wollen, was ich zu sagen habe, dann können sie weghören. Aber wenn ich etwas dadurch bewegen kann, dass ich öffentlich über Dinge rede, die mir nicht gefallen, ob das nun in der Modeindustrie oder woanders ist, dann hat es sich schon gelohnt."

Jedes Jahr wird bei einem von vier Erwachsenen eine psychische Erkrankung diagnostiziert, davon erhalten 75 Prozent keine Behandlung. Das sind Themen, über die jeder aufgeklärt werden sollte. „Ich wusste nicht, was eine Depression ist. Ich kannte das nur aus Filmen. Ich hatte keine Ahnung, was Drogenabhängigkeit ist. Ich hielt es für etwas, das jemand auf der Straße hat, der sich eine Nadel setzt. Dabei gibt es von beiden so viele unterschiedliche Formen", erklärt Adwoa. Bei Frauen liegt die Wahrscheinlichkeit, die Diagnose zu erhalten, zweimal höher als bei Männern. Das macht es auch zu einem Problem, was Frauen stärker betrifft. Statt nur mit kalten Fakten zu operieren, liegt für Adwoa der Schlüssel zum Erfolg in weiblichen Vorbildern, mit denen die Frauen sich identifizieren können. „Das Ziel von Gurls Talk ist es, dass Girls Zeit mit den Frauen verbringen können, mit denen sie sich identifizieren: Künstlerinnen, Autorinnen, weibliche CEOs—Frauen, die die Girls inspirieren, die sie für Neues begeistern und mögliche Berufsfelder nach dem Schulabschluss aufzeigen können", sagt sie.

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Die wichtigste Botschaft von Gurls Talk: „Du kannst dich verletzlich zeigen, sei offen und bleibe dir selbst treu. Ich glaube, dass alles sehr viel schwieriger ist, wenn man versucht, eine andere Person zu sein. Ich habe mich so viel freier gefühlt, als ich bei mir geblieben bin", so Adwoa, die viel älter klingt, wenn man ihr so zuhört. „Sorge für positive Energie und du wirst Dinge zurückbekommen, von denen du noch keine Vorstellung hattest." Das Cover für die italienische Vogue im letzten Jahr, fotografiert von Tim Walker, war ein großer Wendepunkt für das Model, das seitdem in Werbekampagnen von Calvin Klein, Marc Jacobs, Robert Cavalli und H&M zu sehen war. „Das Cover für die italienische Vogue hat mir so viel bedeutet. Nicht so sehr, weil ich auf dem Cover war, sondern weil ich etwas in meinen Augen wiederentdeckt habe. Etwas, das solange nicht mehr da war und das ich vor meiner Familie, meinen Freunden und meiner Schwester versteckt hatte. Jetzt ist der Funke wieder da", sagt uns Adwoa.

Der Funke ist nicht nur einfach wieder da, er strahlt heller als jemals zuvor und ihre Zukunft sieht mehr als rosig aus. Nächstes Jahr wird sie ihr Filmdebüt geben. In der Verfilmung des japanischen Mangaklassikers Ghost in the Shell von Rupert Sander wird sie an der Seite von Scarlett Johansson spielen. „Ein Traum wird wahr. Ich werde an der Seite von Scarlett Johansson spielen", freut sie sich sichtlich. „Sie gehört zu den coolsten und bodenständigsten Personen, die ich je getroffen habe." Bevor es aber so weit ist, eröffnet sie die erste Gurls Talk-Ausstellung im Oktober bei Werkartz in L.A., die in Partnerschaft mit Calvin Klein stattfindet. An der Ausstellung hat sie zusammen mit ihrer engen Freundin Holly Gore gearbeitet. Es wird „von Perioden bis zu Pornos um die Tabuthemen gehen, über die viele Frauen nicht reden, weil es ihnen zu peinlich ist oder sie sich dafür schämen." Bis Ende des Jahres möchte sie das Gurls Talk-Team zusammengetrommelt haben. 2017 soll das Team durch Schulen reisen und Workshops zu Themen wie, unter anderem, psychische Erkrankungen, Körperwahrnehmung, Essstörungen und Sexualität anbieten. Mittelfristig möchte sie auch ihr eigenes Weiterbildungszentrum eröffnen. Adowas Ziel ist es, die Welt für die vielen Tausend Mädchen auf der ganzen Welt, die sich eine große Schwester wünschen, die ihnen Ratschläge gibt, zu einem besseren Ort zu machen. „Wir müssen uns als Gesellschaft mehr auf das Emotionale konzentrieren", sagt sie. „Warum zählt das nicht genauso viel wie das Faktische? Wir müssen lernen, ehrlich über unsere Gefühle reden zu können und sie mit anderen zu teilen. Denn nur, wenn wir unsere innersten Gedanken und Gefühle teilen, können wir wieder unsere Kontrolle über unser Leben erlangen." Das ist genau das, was wir in diesen turbulenten Zeiten brauchen: ein intelligentes, leidenschaftliches und emotional verfügbares Rollenvorbild. Let's get girls talking.

Karate-Hose: Decathlon Sports. Schmuck und Unterwäsche: Model's own. 

Alles aus unserer neuen The Female Gaze Issue findest du ab sofort hier.

Credits


Text: Holly Shackleton
Fotos: Letty Schmiterlow 
Fotoassistenz: Maxwell Tomlinson