Mit Avocados und Spiegeleiern zu einem besseren Körperverständnis

In ihren Aufnahmen erkundet die 21-jährige Fotografin Sara Lorusso mit Blumen, Obst und anderen Lebensmitteln das weibliche Geschlechtsorgan. Wir haben uns im Gespräch erklären lassen, was ein Schinkenbrot mit einer Vagina zu tun hat.

von Zio Baritaux; Fotos von Sara Lorusso
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01 Dezember 2016, 12:10pm

Als Sara Lorusso von ihren Eltern zum 16. Geburtstag eine Kamera geschenkt bekam, hat sie damit "jeden Zentimeter" ihres Körpers dokumentiert. "Ich habe mich gerade von einem Mädchen zu einer Frau entwickelt und hatte eine Kamera in den Händen", erklärt uns Sara, die mittlerweile 21 Jahre alt ist. "Ich habe schnell begriffen, dass sich nicht nur mein Körper verändert, sondern auch meine Fotografie." Zuerst hat sie ihre Freunde und intime Porträts ihrer Lover in ihrer Heimatstadt Bologna fotografiert und sich dann der weiblichen Form an sich gewidmet. Aus der Perspektive einer jungen Frau dokumentiert sie bestimmte Körperregionen und erkundet das Thema Sexualität. Dafür spielt sie mit Licht und Unschärfe.


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Zusätzlich hat sie begonnen, Obst als Metapher für Körperstellen und Geschlechtsorgane einzusetzen, und verdeutlicht so noch mehr die Verletzlichkeit in ihren Aufnahmen. Aufgeschnittene Melone, entsteinte Avocados, Spiegeleier und Schinkenbrote werden zu Vaginen, Brüsten und Vulven. "Mit jedem Foto möchte ich einen Bezug zur weiblichen Sexualität herstellen und eine Idylle zeigen, natürlich nicht auf plumpe Art und Weise", so Sara. "Ich möchte mit anderen Frauen in einen Dialog über unsere Vaginen, unsere Brüste und all unsere Geschlechtsorgane treten, ohne Klischees zu bedienen, und vor allem: nicht vulgär zu werden. Für mich ist das Projekt eine sanfte Metapher über Sex."

Warum fotografierst du dich seit deinem 16. Lebensjahr selbst? Konntest du damit deine eigene Sexualität besser erkunden? Und hast dadurch deine Veränderung von einem Mädchen zu einer Frau besser verstanden?
Ich bin durch das Fotografieren besser mit den Veränderungen an meinem Körper zurechtgekommen und konnte mich langsam selbst entdecken. Ich habe mir die Fotos später angeschaut und gemerkt, dass ich eine Frau geworden bin. Ich habe verschiedene Experimente mit meinem Körper gemacht, wie mich vor dem Spiegel zu fotografieren. Durch die Kamera versuche ich, mich selbst besser zu verstehen.

Wie kam es zur aktuellen Fotoreihe?
Weil ich eine Freundin fotografiert habe. Sie hat mir und meinen Ideen vertraut und sofort eingewilligt, als Model zur Verfügung zu stehen. Ich dachte dann, dass es interessanter wäre, verschiedene Frauen mit verschiedenen Figuren zu fotografieren. Freundinnen haben darüber gesprochen und so habe ich andere Frauen fotografiert, die meine Ansichten teilen. Ich habe nie mit Unbekannten an dem Projekt gearbeitet, damit ich sicher sagen kann, dass alle meine Ideale unterstützen.

Was fasziniert dich an der weiblichen Form so sehr?
Schon seitdem ich mich für Fotografie interessiere, liebe ich es, meinen Körper zu fotografieren und Selbstporträts zu machen: beim Essen, beim Zähneputzen und während ich meinen Freund küsse. Ich liebe es, mein Leben fotografisch zu erzählen, als Fototagebuch. Andere sollen verstehen können, wer ich bin und sich mit den Themen auseinandersetzen können, die anderen Frauen auch wichtig sind. Mit meinem Körper hat es angefangen, dann ging es um die weibliche Form an sich. Wenn ich ein Mann wäre, dann würde ich mich wahrscheinlich mit der männlichen Form beschäftigten, weil ich erstmal alleine mit meinem Körper klarkommen muss. Ich bin auch an anderen Hautfarben, an anderen Körpertypen und anderen Körperstellen interessiert, von der Gebärmutter bis zu den Hüften. Erst durch Makel wird der Mensch schön. Ich fotografiere mich meistens so, wie ich bin: mit Pickeln, ohne Make-up. Ich finde mich auch ohne Filter schön.

Warum arbeitest du mit Blumen, Obst und Lebensmitteln? Wofür stehen Avocados und Sandwiches in deinen Fotos?
Für mich ist eine Frau eine Frucht, die man probieren muss; oder eine Blume, an der man riechen muss; oder eine Pflanze, die wachsen muss. Ich habe mich einfach beobachtet: das Obst, das ich gegessen habe; oder den Schinken auf meinem Brot. Diese Sachen haben mich an Körperstellen erinnert und ich angefangen, mit ihnen zu arbeiten. In dem Schinkenbrot habe ich die Schamlippen einer Vagina wiederentdeckt. Der Blütenstempel sieht für mich aus wie die Klitoris. Bevor ich etwas esse, untersuche ich es genau.

Was möchtest du mit den Fotos sagen?
Meine Arbeiten werden oft als etwas Schönes, als schöne Komposition beschrieben, mit wunderschönen Farben. Ich habe mir zwar Mühe gegeben, dass sie so aussehen, aber das war nicht mein Hauptziel. Mit jedem Foto möchte ich einen Bezug zur weiblichen Sexualität schaffen und eine Idylle zeigen, natürlich nicht auf plumpe Art und Weise. Ich möchte mit anderen Frauen in einen Dialog über unsere Vaginen, unsere Brüste und all unsere Geschlechtsorgane treten, ohne Klischees zu bedienen, und vor allem: nicht vulgär zu werden. Mich ist das Projekt eine sanfte Metapher über Sex.

Wie stellst du dir Reaktion des Publikums auf die Fotos vor?
Ich habe im Laufe der Jahre schon verschiedene Projekte mit unterschiedlichen Stilen umgesetzt, weil ich auf der Suche nach mir als Person und mir als Fotografin bin. Meine Fotos sollen intim sein. Die Betrachter sollen das Gefühl haben, dass sie meine Welt betreten. Dass sie mein Haus betreten, mein Badezimmer, mein Wohnzimmer und dass sie meine Familie kennenlernen. Ich würde mir wünschen, dass sie, wenn sie zurück zu Hause sind, weiter an mich denken, an diese zarte Frau, die ihnen ihre Welt gezeigt hat. Und ich möchte, dass sie die Freiheit haben und ihre eigene Sexualität ausdrücken können.

@loruponyo

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