warum ich nach dem wahlsieg trumps kein kopftuch mehr tragen werde

Am 9. November hat sich die Aktivistin Blair Imani dazu entschieden, nicht länger die traditionelle islamische Kopfbedeckung zu tragen, weil sie sich nicht mehr damit sicher fühlt. Hier erklärt sie, warum sie das Kopftuch abgelegt hat und fordert von...

von Blair Imani
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18 November 2016, 11:25am

Blair Imani is a New York-based activist who engages with a variety of issues affecting Black, Muslim, and femme communities. She is the Executive Director of Equality for HER, a nonprofit organization that raises awareness for issues affecting the global femme community, and a Press Officer at Planned Parenthood Federation of America.

Als Hillary Clintons Chancen auf den Gewinn der Wahl immer geringer wurden, musste ich daran denken, wie sehr dieser Präsidentschaftswahlkampf ein Amerika aufgeweckt und gestärkt hat, das schon immer existiert hat. Als auf der großen Reklametafel auf dem Times Square immer mehr Bundesstaaten rot eingefärbt wurden, musste ich an meinen morgendlichen Arbeitsweg von Bushwick nach Manhattan an diesem Morgen denken. In öffentlichen Verkehrsmitteln sichtbar seinen muslimischen Glauben zu zeigen, ist sowieso schon nicht die angenehmste Erfahrung, aber ich an diesem Morgen nach der Wahl hatte ich das Gefühl, dass ich noch mehr unter Beobachtung stehe als sonst. Ich hatte das Gefühl, dass meine Präsenz noch mehr auffällt und sie noch weniger gewünscht ist. Unter Donald Trumps Rhetorik aus Bigotterie, der Diskriminierung und Schwarzem-Peter-Spiel leiden alle marginalisierten Menschen. Rhetorik ist für die Menschen, die im Herzen Hass tragen, ein Freifahrtschein, ihre Impulse auszuleben und danach zu handeln.

Auf dem Times Square sind mir vier, männliche Trump-Anhänger mit ihren roten Basecaps entgegengekommen und zum ersten Mal habe ich ihre Blicke anders wahrgenommen. Ich habe sie angeschaut und mich gefragt, wie sie mit Menschen wie mir zusammen leben können und sich nicht für Konsequenzen, die mit Präsidentschaft Trumps einhergehen, interessieren können. Ich habe mich gefragt, ob sie mich überhaupt als gleichwertigen Menschen sehen. Und Donald Trump ist nicht alleine mit seiner Einstellung. Bei Wahlkampfveranstaltungen von Hillary Clinton habe ich ebenfalls feindliche Blicke gespürt. Ein Hillary-Unterstützer hat mich eine Terroristin genannt.

„Ich habe Angst. Heute ist der letzte Tag, an dem ich mich einigermaßen sicher fühle, mein Kopftuch zu tragen", war meine Reaktion auf Twitter. Ich habe „einigermaßen sicher" geschrieben, weil die Bigotterie nicht über Nacht eingebrochen ist und sie nicht nur auf Donald Trumps Konto geht. Bigotterie ist so amerikanisch wie ich es bin. Und noch immer weigert sich eine Mehrheit meiner amerikanischen Mitbürger das anzuerkennen.

Ich habe mein Kopftuch für einige Stunden am Morgen des 9. November getragen. Ich bin im College im Mai 2015 zum Islam konvertiert und habe seit März 2016 durchgehen das Kopftuch getragen. Ich habe meinen Arbeitskollegen an dem Tag Bescheid gegeben, dass ich den ganzen Tag offline sein würde. Sie waren verständnisvoll und habe mich unterstützt. So hat aber nicht jeder reagiert, den ich getroffen habe. Als ich ein paar Besorgungen gemacht habe, hatte ich das Gefühl, dass mich die Leute noch intensiver als am Tag davor anschauen. Im Zug wurde ich sogar angesprochen. Eine Frau, den Tränen nah, stotterte: „Es tut mir leid". Zwar war es offensichtlich, dass sie es gut gemeint, aber es war auch sehr klar, dass sich etwas geändert hatte. Und ich habe mich nicht sicher gefühlt.

Die Entscheidung, kein Kopftuch mehr zu tragen, habe ich getroffen, nachdem mich die Journalistin, Filmemacherin und Aktivistin Rokhaya Diallo angerufen hat. Sie wollte mich vor dem Trump Tower interviewen. Der Trump Tower fühlt sich wie das Zentrum von Trumps Amerika an. Ich war mir sicher, dass sich seine Unterstützer durch die bloße Nähe zu ihrem Anführer nur noch sicherer fühlen würden. Ich musste nicht zweimal überlegen und habe mir im nächsten Geschäft einen Hut gekauft.

Ich habe mir etwas Anderes angezogen und darüber nachgedacht, dass mir das mehr Sicherheit verschafft. Das war der Kniefall der amerikanischen Freiheit vor der Bigotterie. Die Angst vor der sehr realen Gefahr körperlicher Gewalt hält mich davon ab, selbstbestimmt meine Religionsfreiheit auszuleben.

Es gibt immer neue Meldungen über Hassverbrechen. Verbündete, die es gut meinen, ermuntern mich dazu, auch weiterhin das Kopftuch zu tragen, als Protest und um zeigen, wie mutig ich bin. Ich habe mir nur gedacht: Was ist so schlimm an einem Hut? Was kann falsch daran sein, dass ich mich selbst schützen will? Ich weiß, dass meine Furcht nicht unbegründet ist, aber meine Freunde schienen mir nicht glauben zu wollen. Ich bin schwarz und ich bin Muslima. Mein Glauben hängt nicht davon ab, wie andere Menschen den Islam sehen. Ich werde auch in Zukunft Hüte, Beanies oder Baskenmützen tragen. Das ist kein Einknicken, das ist meine eigene Entscheidung gewesen. Für mich ist es schlicht eine Frage des Überlebens.

Als schwarze Afroamerikanerin muslimischen Glaubens bin ich mir über die Diskriminierung in diesem Land bewusst. Wie so viele Amerikaner auch, lässt sich meine gelebte Erfahrung nicht einfach einordnen: Ich lebe jeden Tag mit Islamophobie, Rassismus und Sexismus. Dass ich mein Kopftuch gegen weniger kontroverse Kopfbedeckungen eingetauscht habe, befreit mich nicht von diesen Realitäten, aber ich fühle mich ein bisschen sicherer dadurch.

Mich trägt die Hoffnung. Darauf, dass sich die marginalisierten Menschen hinter einem gemeinsamen Ziel gegen die neue Regierung Trump zusammentun. Darauf, dass unsere Verbündeten begreifen, dass sie die Stimmen und die Erfahrungen von marginalisierten Menschen ins Zentrum ihrer Bemühungen stellen müssen. Wenn wir alle, die für das andere Amerika stehen, den Raum und die Freiheit haben, uns auf den Weg zu einer kollektiven Befreiung zu machen, dann werden wir es sehr viel schneller erreichen. Für alle Privilegierten heißt das: Ihr solltet beim Abendessen unangenehme Gespräche führen, kritisiert Hass und werdet Verbündete, die es ernst meinen.

Die nächsten vier Jahre werden ohne Zweifel eine Zeit der großen Herausforderungen, deshalb bitte ich jede und jeden darum, auf sich selbst aufzupassen und sich an eins zu erinnern: Mut hat viele Formen.

Credits


Text: Blair Imani
Foto: via Instagram

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