was bringt dir heutzutage ein studium in der kultur- und kreativwirtschaft?

Mit einem Uniabschluss bekommt man später einen gut bezahlten Job – so zumindest die allgemeine Vorstellung. Die vorherrschende Meinung ist, dass Uniabsolventen später besser bezahlte Jobs als Nicht-Absolventen haben werden. Das stimmt, wenn du...

von Sam Wolfson
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03 April 2015, 8:40am

Matt Jones

August 1989. Der britische Studentenverband, National Union of Students, opponiert gegen die Thatcher-Regierung und versucht, junge Leute dafür zu gewinnen, die Unidarlehen abzuschaffen. Der Verband schaltete im NME Magazine eine Anzeige mit der Überschrift „Studentenkredite: Wie werden sie dich betreffen?" Darunter stand:

„Letzten November gab die Regierung bekannt, dass sie die finanzielle Unterstützung für Studenten beenden und Studentenkredite einführen will. Die Pläne würden bedeuten, dass Studenten ab dem Jahr 1990 Schulden pro Jahr von 420 Pfund machen werden."

Wie drollig das heutzutage klingt. Die Mehrheit der englischen Studenten verlässt die Uni mit Schulden in Höhe von knapp 60.000 Euro. Wenn die Schulden zurückgezahlt werden, werden sich die Schulden auf 88.000 Euro belaufen. Einige Schätzungen gehen davon aus, dass 85% ihre Studentenkredite nie zurückzahlen werden. Die meisten der englischen Studenten verschulden sich in dem Glauben, dass es eine Investition in ihre Zukunft ist. Die vorherrschende Meinung ist, dass Uniabsolventen später besser bezahlte Jobs als Nicht-Absolventen haben werden. Das stimmt, wenn du Tierarzt oder Rechtsanwalt werden willst, aber was ist, wenn du einen Job in der Kultur- und Kreativwirtschaft anstrebst?

Fast die Hälfte der Absolventen unter 30 arbeitet in fachfremden Gebieten, wie Catering oder Bewirtung, und Absolventen mit Abschlüssen in Geistes- oder Kulturwissenschaften stellen einen Großteil dieser Fachkräfte da. Die Arbeitslosigkeit unter Absolventen dieser Fächer ist am höchsten und die Durchschnittsverdienste am geringsten.

Wenn es dann Jobs in der Kultur- und Kreativwirtschaft gibt, durchlaufen Kandidaten was die London School of Economics als „Eintrittstourniere" bezeichnet: mehrere Runden von Bewerbungsgesprächen, Essays und Aktivitäten, die Monate dauern können und die sehr wenig mit dem Abschluss zu tun haben. 

Braucht man einen dreijährigen Bachelor in englischer Literatur und eine feministisch-marxistische Unterweisung in Simone De Beauvoir, um in der A&R-Abteilung eines Musiklabels zu arbeiten? Oder reichen nicht ein guter Musikgeschmack und die Nummer eines Drogenlieferanten?

Wen wundert es da, wenn sich viele fragen, ob ein Abschluss überhaupt Sinn macht. Muss man ein kostenpflichtiges Seminar über Menswear besuchen, nur weil man Menswear-Designer werden will? Oder wäre es nicht angebrachter, Praktika zu machen und sein Rüstzeug im Job zu lernen? Braucht man einen dreijährigen Bachelor in englischer Literatur und eine feministisch-marxistische Unterweisung in Simone De Beauvoir, um in der A&R-Abteilung eines Musiklabels zu arbeiten? Oder reichen nicht ein guter Musikgeschmack und die Nummer eines Drogenlieferanten?

Natürlich erfordern kreative Jobs auch Fähigkeiten. Die Frage ist, ob man diese Fähigkeiten an der Uni oder nicht doch lieber im Job lernt. Klar, viele kreative Studiengänge beinhalten Praktika, aber das nicht dasselbe wie ins kalte Wasser geworfen zu werden und im Job zu lernen.

Babak Ganjel studierte vier Jahre Kunst am St. Martins College. Er liebte den Studiengang, aber seit seinem Abschluss vor fast zehn Jahren hat er Schwierigkeiten, einen Job zu finden. „Jedes Mal, wenn ich wieder nicht weiter weiß, wünschte ich, dass ich einfach einen Beruf erlernt hätte, anstatt zur Uni zu gehen", sagt er. „Aber ich möchte die Vorteile und Freiheiten die ich an Kunstschule hatte, nicht missen. Ich habe keine Angst vor beschissenen Jobs, die mir die Miete bezahlen; der kreative Kopf arbeitet besser, wenn man dem Geld nicht hinterherrennen muss."

Colin Roberts ging den anderen Weg. Als er nach der Schule nach London gezogen ist, hatte er einen Job am Ticketschalter der Londoner Verkehrsbetriebe. Nebenbei hat er freiberuflich als Journalist gearbeitet und bekam dann einen Job als Editor bei der Musikwebsite Drowned in Sound. Jetzt ist er 28, arbeitet bei Big Life Management und managt Bands, wie London Grammar und Chloe Howl. Sieht er einen Sinn darin, einen Uniabschluss zu haben, wenn man in der Musikbranche arbeiten möchte?

„Wenn du nicht gerade Jobs, die eine gewisse Qualifikation voraussetzen, wie Buchhaltung oder Sound Engineering machen willst, dann lautet die Antwort: Nein! Seinen Fuß in die Tür bekommt man am besten, in dem man einfach mitmacht. Ich hatte Glück. Ich manage Künstler gemeinsam mit Leuten, die mich vor Jahren unter ihre Fittiche genommen haben und mir viel über die Branche beigebracht haben. Ich bin mir zu 99% sicher, dass ich das Wichtigste für meinen Job niemals auf einer Uni gelernt hätte. Ich glaube, das Einzige, was ich verpasst habe, sind die Partys und das Erwachsenwerden. Darauf erwidere ich aber, dass dich nichts reifer werden lässt, als in London mit beschissener Bezahlung zu leben und dass du damit klarkommen musst."

Natürlich wird es immer schwieriger, einen Job in der Kultur- und Kreativwirtschaft zu bekommen, sogar einen beschissenen, niedrig bezahlten fürs Kaffeekochen, ob man nun zur Uni gegangen ist oder nicht. Wenn dein Ziel ein kreativer Job ist, dann könnte ein Uniabschluss wirklich nicht der erstrebenswerteste Weg sein. Eine Modedozentin, mit der ich gesprochen habe, denkt sogar, dass bestimmte kreative Studiengänge nur Abzocke sind. Sie bat um Anonymität aus Angst um ihren Job, aber sie sagt, dass sie Mitleid mit tausenden Masterstudenten hat, die hoffen, einen Job in Mode zu ergattern. „In den letzten Jahren mussten englische Unis ihre Aufnahmekapazitäten für Masterstudenten erhöhen, weil die Höhe der Studiengebühren für Bachelorstudiengänge gedeckelt wurde. Das bedeutet, dass Leute, deren Sprachkenntnisse nicht für ein Studium auf Masterniveau ausreichen oder denen die Leidenschaft für das Fach abgeht, in großen Zahlen zum Masterstudium zugelassen werden. Gleichzeitig unterrichte ich hunderte Bachelorstudenten in meinem Seminar und es ist einfach unrealistisch, dass die meisten von ihnen nach ihrem Abschluss einen Job finden werden, auch wenn sie noch so hart arbeiten und Bestnoten haben. Die meisten müssen für mindestens zwei Jahre Praktika machen, um überhaupt eine Chance zu bekommen. Wenn die Studenten wüssten, wie einige Dozenten hinter ihrem Rücken über ihre Zukunftschancen reden, dann würden sich die meisten verarscht vorkommen. Universitäten bieten diese Studiengänge an, um Geld zu verdienen. Es gibt aber kein anderes Produkt, für das man 27.000 Pfund verlangt und dann keine Garantie dafür übernimmt, für was es verkauft wird: eine Anstellung."

Die britische Organisation Not Going to Uni tritt dafür ein, dass ein Uniabschluss nicht immer nötig ist. Sarah Clover von Not Going to Uni diskutiert mit jungen Leuten deren Zukunft und sagt, dass sich der Stellenwert eines Uniabschlusses in den letzten Jahren geändert hat.

„Wir haben einen Stand auf Karrieremessen. Noch vor ein paar Jahren haben Eltern ihre Kinder von uns ferngehalten. Jetzt passiert genau das Gegenteil. Eltern wollen, dass ihre Kinder die Vorteile von Lehrstellen und anderen Ausbildungsformen in Betracht ziehen. Man kann Ausbildungen bei Sky oder in Theatern machen. Eines der Major-Musiklabels bietet sogar eine Ausbildung in dessen A&R-Abteilung an. Anstatt etwas zu studieren, das einem nicht weiterhilft und wofür man sich auch noch hoch verschuldet, kann man sogar fürs Lernen bezahlt werden und die Erfahrungen sammeln, die man braucht, um einen Job zu finden."

Also mit Schuldenbergen, ohne Jobgarantie, schlechte Seminare und Alternativen: Gibt es überhaupt Pro-Argumente für einen Uniabschluss, wenn du in der Kultur- und Kreativwirtschaft arbeiten willst?

Ich denke, ja.

Wenn du einen Job in der Kultur- und Kreativwirtschaft haben willst, und seien wir ehrlich, das ist ein Job, bei dem du deinen Interessen und persönlichen Zielen nachgehen kannst und falls es gut läuft, die Welt auf Firmenkosten siehst, die Leute, die du bewunderst, triffst und mit attraktiveren Personen schlafen kannst, dann solltest du für deine selbstbestimmte Lebensentscheidung bezahlen.

Medien zu studieren, wenn du für die BBC arbeiten willst, könnte Zeitverschwendung sein, aber wenn du Geschichte, Biologie, Politik, Ingenieurwissenschaft oder sogar Medienwissenschaften - wenn dich wirklich die Wissenschaft der Medien interessierst -, dann ist es an und für sich legitim. Es gibt einen sehr passenden Satz in Zadie Smiths Roman Der Autogrammhändler: „Ich sah den hellsten Köpfe meiner Generation dabei zu, wie sie Jobs an den Rändern der Unterhaltungsindustrie annahmen." Da ist viel Wahres dran. Zu oft vertrödeln kluge Leute Zeit damit, PR für hoffnungslose Indiebands zu machen, Essen für einen vor langer Zeit erfolgreichen Visual Artist zu besorgen oder Requisiten für eine Reality-TV-Show zu kaufen.

Diese Leute haben keine schlechten Entscheidungen getroffen, einige werden später glamourösere und aufregendere Leben als Beamte oder Wissenschaftler führen. Auch wenn sie erfolgreich sind, wir können nicht so tun, als ob ein Job in der Kultur- und Kreativwirtschaft dasselbe ist wie ein Job bei den UN. Wir versuchen es trotzdem, mit Preisverleihungen und Twitter-Streicheleinheiten, und tun so, als ob Kultur alles ist. Ist es aber nicht. Und mit Leuten zu studieren, die keine Ahnung davon haben, wer Henry Holland ist, verdeutlicht einem das nochmal.

Universitäten sind nicht der einzige Ort, an dem man etwas über die Welt lernen kann und natürlich gibt es sehr intelligente und gebildete Leute, die mit 16 die Schule verlassen haben. Aber Unis sind der einzige Ort im Leben eines Erwachsenen, der einem Zuflucht vor dem ökonomischen und sozialen Imperativ - Geld zu verdienen, um leben zu können - bietet. Zugegeben, du musst den Kredit irgendwann zurückzahlen und der Studentenkredit reicht nicht, um die einfachsten Lebenshaltungskosten zu bezahlen und deshalb musst du am Wochenende arbeiten gehen, aber für ein paar Jahre hast du trotzdem die Gelegenheit, etwas zu tun, was nicht notwendigerweise ausschließlich dem Broterwerb dient.

Nicht jeder in Großbritannien kann sich ein Studium leisten. Als Ergebnis der sozial rückwärtsgewandten Privatisierung der Hochschulausbildung, die seit der Anzeige des britischen Studentenverbands stattfand, können sich viele Leute, den dreijährigen Selbstfindungstrip nicht leisten. Um das zu ändern, kämpfen einige außerhalb der Kultur- und Kreativwirtschaft. Aber falls du zu den Glücklichen gehörst, die das Privileg haben, abgeschottet von wirtschaftlichen Zwängen zu leben und einfach etwas aus Spaß an der Sache zu tun, ob das nun studieren, protestieren, Netball spielen oder trinken ist, dann solltest du das tun. Diese Gelegenheit wird in den nächsten 50 Jahren nicht noch einmal kommen und wenn du dann doch in die Berufswelt eintauchst, dann bist du reich an Erfahrung.

Das Wichtigste, was ich auf der Uni gelernt habe: dass ich nichts weiß.

Das Wichtigste, was ich auf der Uni gelernt habe: dass ich nichts weiß. Dass jedes Thema, von dem ich dachte, dass ich das Grundsätzliche verstanden habe, unendlich komplexer ist; so komplex, dass mein Spatzenhirn es niemals verstehen wird. Als Bachelorstudent steht man auf der ersten Stufe einer jahrhundertealten Leiter des Wissens und fast jede akzeptierte Erklärung der Wahrheit wurde mindestens tausend Mal hinterfragt und neu gedacht.

Ein Mitarbeiter von Buzzfeed hat neulich lächerlicherweise behauptet, dass Listicles genauso wichtig sein können wie investigativer, hochwertiger Journalismus oder wissenschaftliche Artikel, und dass es nicht notwendigerweise „eine direkte Verbindung zwischen Wortanzahl und Qualität, Wortanzahl und Einfluss gibt". Jeder, der hunderte Bücher für eine Dissertation gelesen hat und sich trotzdem so gefühlt hat, dass er nichts verstanden hat, wird dem sicherlich widersprechen.

Im Studium habe ich die Fähigkeiten gelernt, mir Wissen anzueignen. Wenn es ein Paradox oder ein Phänomen gibt, dass ich verstehen will, dann finde ich die passenden Quellen, um mehr darüber zu erfahren oder die richtigen Leuten zu fragen, und wie ich deren Standpunkte kritisch hinterfragen kann, um festzustellen, dass ich die falsche Frage stellt habe und von vorne beginnen muss.

Der Clou an der Sache ist natürlich, dass ein Uniabschluss, ob nun im künstlerischen Bereich oder nicht, letztendlich immer die eigene kreative Arbeit beeinflusst. Kunst, Mode und Film sorgen für ein besseres Verständnis von Zusammenhängen und Einflüssen. Die bekanntesten Modeneuheiten des 20. Jahrhunderts stammen nicht von Designern, sondern von der Welt außerhalb der Mode: der moderne Bikini wurde von einem Autoingenieur erfunden, Vivienne Westwoods Stil kam von Straßenpunks und deren Wiederaneignung von Alltagsgegenständen.

Du brauchst keinen Uniabschluss, um in der Kultur- und Kreativwirtschaft zu arbeiten, aber die Kultur- und Kreativwirtschaft braucht Leute mit Uniabschlüssen; Leute, die Strukturen in Frage stellen; Leute, die mit breiter Wissensbasis komplexe und spektakuläre Kunst kreieren und Leute, die die Kultur- und Kreativwirtschaft für die Probleme der echten Welt empfänglicher machen.

@samwolfson

Credits


Text: Sam Wolfson
Foto: Matt Jones