Gaybies: Jetzt sprechen wir

Künstlerin Casey Legler und Fotograf Jez Smith begleiteten Kinder, die in Regenbogenfamilien aufwachsen, und lassen sie selbst zu Wort kommen.

von Benjamin Law; Übersetzt von Michael Sader
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Sep. 17 2015, 1:00pm

Anfang dieses Jahres gab ein befreundetes lesbisches Paar bekannt, dass sie ein Kind erwarten. Jeder freute sich wahnsinnig. Sie versuchten schon seit Monaten, schwanger zu werden und jetzt hat es endlich geklappt. Ich malte mir schon aus, wie ihr Kind aussehen wird:

"Das Baby wird so süß aussehen", sagte ich. "Es wird deine Haare, aber deine Augen haben und …". "Ben", fing die eine lachend an. "So funktioniert das nicht."


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Immer mehr Kinder wachsen in Regenbogenfamilien auf und eine Mehrheit der Deutschen befürwortet die Ehe für alle – ja, liebe Funktionäre der (Berliner) CDU. Die Konservativen führen immer wieder ein Argument gegen die Einführung der Homo-Ehe ins Feld: das Kindeswohl sei in Gefahr, wenn es von zwei Müttern oder zwei Vätern erzogen wird.

Die australischen Filmemacherinnen Maya Newell, die selbst von zwei Müttern erzogen wurde, und Charlotte Mars vermissen in der ganzen Debatte um die Ehe für alle eins: die Stimme der Kinder selbst. Über mehrere Jahre begleiteten sie vier Kinder und ihre gleichgeschlechtlichen Eltern und machten daraus die Dokumentation Gayby Baby.

Nachdem Künstlerin Casey Legler und Fotograf Jez Smith die Dokumentation vor der Veröffentlichung sehen konnten, starten sie zusammen mit dem Gayby Baby-Team die Fotoserie GAYBIES: We Are Not a Hypothetical, in dem Kinder von gleichgeschlechtlichen Paaren – viele davon aus der Dokumentation – vorgestellt werden.

Nachdem die Dokumentation letzte Woche in Australien anlief, brachte das konservative Boulevardblatt The Daily Telegraph auf der Titelseite die Meldung, dass Eltern ein Screening des Films in einer Schule verhindert haben. Der Guardian berichtete später, dass sich diese Berichte als falsch herausstellten. Doch es war bereits zu spät, der Kultusminister des australischen Bundesstaates New South Wales verbot Filmaufführungen während des Unterrichts.

Der Zeitpunkt des Fotoessays von Legler und Smith könnte nicht besser sein, denn nachdem Medien ihre Familien als "nicht normal" bezeichneten, haben drei der Kinder aus Gayby Baby – Ebony, Gus und Matt – sich nun selbst geäußert.

Ich bin stolz darauf, dass meine Freunde und ihr Baby – Jamie – Teil der Fotoserie sind.

Ebony, 16
"Als die Dreharbeiten zur Dokumentation Gayby Baby begannen, war ich 12 und jetzt bin ich 16. Mein Bruder Ashaan ist jetzt 5, Seth ist 12 – wie alt er geworden ist – und Makaya ist gerade acht Wochen alt geworden. Ang wird 40 dieses Jahr und meine Mutter ist 36. Überall höre ich die Worte "Schwule Agenda" und jedes Mal fange ich an zu lachen. Das Einzige, woran meine Eltern denken, ist, wie sie Makaya zum Einschlafen bringen, ob wir unsere Hausaufgaben gemacht haben und dann Briefe von Lehrern bekommen, dass wir das nicht tun. Ich bezweifle, dass diese Dokumentation eine schwule Agenda hat. Es geht um uns und Filmemacherin Maya begleitete uns für ein paar Jahre. Wenn meine Leben eine Agenda hat, dann soll die mir mal jemand erklären."

"Leute stellen Mutmaßungen über dich an und werfen mit Statistiken um sich und sagen diese ganzen Dinge über dir, aber letztlich weiß keiner außer du, wie deine Familie ist."

Seth, 12
"Ich habe zwei Mütter. Außerdem gibt es noch meine Schwester Ebony, meinen kleinen Bruder Ash und meinen kleinsten Bruder Makaya. In der ersten Klasse habe ich das erste Mal erfahren, dass meine Familie anders ist. An meiner Schule gibt es Bibelunterricht, den man nur umgehen kann, indem man eine E-Mail an den Direktor schreibt. Meine Eltern wussten das nicht, also musste ich hin. Wir hatten schon ein paar Woche Unterricht, als die Lehrer anfingen zu sagen 'Wenn du gleichgeschlechtliche Eltern hast oder wenn du schwul bist, dann ist das eine Sünde'. Das war ein Schock für mich und ich war verwirrt. Ich bin nach Hause gegangen und meine Mutter hat dem Direktor ordentlich die Meinung gegeigt und Ang hat mir eine Schüssel mit Eis gebracht. So habe ich erfahren, dass meine Familie anders ist. Das war mir eigentlich egal, weil meine Familie toll ist. Lieber bin ich in einer Familie, die anders und glücklich ist, als in einer Familie, die normal und unglücklich ist."

"Egal, was die Leute sagen, lass es nicht an dich heran. Steh da drüber. Wenn dir jemand sagt, dass deine Familie komisch ist, dann geh einfach weiter."

Ashaan, 5
"Ich bin Ashaan und ich habe zwei Mamas. Zum Geburtstag bekomme ich zwei Sachen!"

Jesse, 23
"Meine Familie besteht aus meinen Müttern Louise und Margaret, meinem Bruder Raj und meinem Vater Paul. Das Tolle an meiner Familie ist, dass sie anders ist, aber im Grunde genommen genau wie andere auch. Wenn es Gayby Baby zu der Zeit gegeben hätte, in der ich zur Schule gegangen bin, hätte ich nicht lügen oder mir Geschichten über meine Familie ausdenken müssen, was diese andere Frau bei uns macht zum Beispiel. Ich hätte von Anfang an offen und ehrlich gegenüber mir selbst und meinen Freunden sein sollen."

"Keiner kann dich diskriminieren, wenn du stolz auf dich selbst bist. Du musst dich nicht verstecken. Sei einfach du selbst."

Gus, 14
"Meine Eltern heißen Jen und Jamie und ich habe noch eine kleinere Schwester Rory. Das Tolle an meiner Familie ist, dass sie mich so sehr lieben. Wir sind eine ziemlich durchschnittliche Familie, aber meine Eltern sind ziemlich unmodisch drauf. Als ich aufgewacht bin, waren meine Eltern durch die Schlagzeile im Daily Telegraph ziemlich fertig, weil das Screening einen großen Schritt für die Schwulenbewegung darstellte. Aber ich dachte nur 'Cool, ich bin auf der Titelseite'."

"Höre einfach nicht auf die reichen, weißen Politiker und liebe deine Familie. Mach sie nicht verantwortlich, denn auch wenn einige denken, schwul oder lesbisch zu sein ist eine Entscheidung, es ist keine."

Vivienne, 10
"Ich habe drei Mütter – Fiona, Jam und Gina – und einen Bruder Bruno, der nervt, eine Katze Jasper und noch eine Katze Flash, die mit Insekten lebt. Das Tolle an meinen Müttern ist, dass sie komplett verschieden sind.

Eine ist eher härter und ist Schmiedin, die andere arbeitet für Women NSW und die dritte ist Autorin. In der Schule sagen die Leute ‚Das ist schwul' oder bezeichnen andere Leute als 'schwul'. Ich versuche, dass sie damit aufhören, aber sie machen einfach weiter. Vorgestern sagte sogar einer meiner besten Freunde 'Das ist so schwul' und ich antwortete nur 'Das ist extrem unhöflich'."

"Kämpfe für das, woran du glaubst, und lasse dich nicht durch andere davon abbringen."

Rory, 8
"Meine Familie ist wie jede Familie. Es gibt schlechte und gute Dinge. Halb glücklich war ich, weil Gus auf der Titelseite war, und halb traurig, weil sie so gemein zu Leuten mit schwulen und lesbischen Eltern waren. Die Leute, die nicht zustimmen, haben die Dokumentation noch nicht gesehen. Wenn sie Gayby Baby schauen, werden sie verstehen, dass jeder gleich ist, weil es in jeder Familie gewisse Differenzen gibt."

"Jeder ist gleich, weil alle Familie ihre Differenzen haben."

Brenna, 19
"Als ich acht war, waren meine Eltern und ich in einer Folge von Play School [eine australische Kinderfernsehsendung]. Daraufhin beschwerten sich Eltern, ich bin also Kontroversen gewöhnt. Auch wenn es wirklich widerwärtig war, Homophoben Sendezeit einzuräumen, hat es auch gezeigt, wie viel Unterstützung es für Regenbogenfamilien gibt. Nachdem ich Gayby Baby sah, begriff ich, dass ich meine Familie noch nie so gesehen habe. Ich habe mich enorm stolz gefühlt."

"Ich möchte, dass Kinder, die mit gleichliebenden Eltern aufwachsen, wissen, dass ihr mehr von Vielfalt, Akzeptanz und Liebe versteht als die meisten Erwachsenen."

Dylan, 13, und Matt, 16
Dylan: "Ich habe zwei Mütter, die verheiratet sind, einen Vater und bald eine Stiefmutter, einen Bruder und eine Stiefschwester. Meine Mütter haben in Neuseeland geheiratet und der Hochzeitsempfang war in Australien. Das hat Spaß gemacht. Mein Bruder und ich hielten Reden, wir tanzten den Gang entlang und wir hatten den ersten Tanz. Zu anderen Kindern in Familien wie meiner würde ich sagen, dass ihr wie jede andere Familie seid, aber besser, weil ihr zwei davon habt. Seid stolz darauf."
Matt: "Meine Mütter wollten in Australien heiraten, aber das ist illegal. Sie wollten warten, bis die Homo-Ehe legalisiert wird, aber das hätte ewig gedauert, also sind sie nach Neuseeland geflogen. Das war nicht die beste Hochzeit, weil sie fliegen mussten und keiner ihrer Freunde bei ihnen sein konnte. Dann kamen sie aber wieder und wir hatten einen Hochzeitsempfang, der echt Spaß gemacht hat. Die Leute sagen, dass Gayby Baby politisch ist und nicht in Schulen gezeigt werden sollte. Aber es sind doch nur Kinder, die homosexuelle Eltern haben, eben wie ich und dass das OK ist."

Sunnai, 16
"Ich habe zwei Mütter, einen Spender-Vater und eine andere Mutter, die in Melbourne lebt. Seitdem ich geboren wurde, bin ich beim Mardi Gras in Sydney dabei [CSD in Sydney]. Als ich vier war, war das Motto Der Zauberer von Oz. Mama, Lil und ich haben uns als Tin Man verkleidet und unsere Körper silberfarben angemalt. Das war einer der besten Mardi Gras, auf denen ich jemals war. Mein Ratschlag an junge Leute: Erkennt an, dass ihr anders seid. Wer will schon normal sein? Normal ist langweilig."

"Wer will schon normal sein? Normal ist langweilig."

Gayby Baby läuft ab dem 23. Juni in deutschen Kinos.

gaybybaby-film.de

Credits


Text: Benjamin Law
Fotos: Jez Smith zusammen mit Kelvin Harries und Georgina Waterford
Shot at Front Studios mit dem Gayby-Team und Casey Legler