Photography Ash Thayer

Intime Punkporträts aus der New Yorker Hausbesetzerszene der 90er

Ash Thayer verbrachte acht Jahre in besetzten Häusern und dokumentierte ihre Freunde und ihren Kampf gegen Gentrifizierung.

von Emily Manning; Fotos von Ash Thayer
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11 August 2015, 10:10am

Photography Ash Thayer

Es ist noch nicht so lange her, dass die Gebäude in der New Yorker Lower East Side, in denen jetzt Frozen-Yogurt-Läden und Mini-Luxus-Apartments dominieren, leer standen und besetzt wurden. 1992 war die Fotografiestudentin Ash Thayer plötzlich ohne Dach überm Kopf und ohne Geld, als sie von ihrem Vermieter rausgeschmissen wurde und der auch noch ihre Kaution einbehielt. Aber Freunde aus der Punkszene haben ihr in dieser Situation geholfen und ihr angeboten, bei ihnen im See Skwat zu wohnen und Teil der Hausbesetzerszene zu werden, die Jahrzehnte damit verbracht hat, die Region wieder herauszuputzen.


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Die nächsten acht Jahre dokumentierte Ash die Wohnungen, die Leben der Hausbesetzerfamilien sowie deren Kampf gegen Gentrifizierung. Die Bilder wurden Anfang dieses Jahres unter dem Titel Kill City: Lower East Side Squatters 1992 - 2000 als Bildband veröffentlicht. Wir trafen die Fotografin und sprachen mit ihr über politischen Aktivismus, Punk und Positivität.

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich hatte einen Lehrer an der Highschool in Memphis, der vielen seiner Schüler wirklich half, ihre künstlerischen Karrieren zu starten. Er hat uns beigebracht, was in der Welt passiert, wie wir uns an einem College bewerben und er hat uns dabei geholfen, Stipendien für renommierte Kunsthochschulen zu bekommen. Viele von uns gehörten zur Gruppe der sogenannten gefährdeten Schüler, inklusive mir. Ich bin noch vor Schulabschluss bei meinen Eltern ausgezogen und dieser Lehrer ermutigte mich, eine Kamera in die Hand zu nehmen. Ich fing an, meine Freunde aus der Punkszene zu fotografieren. Mit den ersten Fotografien gewann ich dann einen Scholastic Award. Dann erhielt ich ein Stipendium an der [New Yorker] School of Visual Arts.

Wieso hast du mit Hausbesetzungen angefangen?
Ich bin wegen der Uni nach New York gezogen und fotografierte weiterhin die Punkszene um mich herum – die ganzen tollen Konzerte im The Continental und CBGB. Aber ich war wirklich pleite. Ich lebte von den Resten meines Studentenkredits, hatte verschiedene Teilzeitjobs und hatte Mühe, Uni und Arbeit unter einen Hut zu bekommen. Ich wurde aus einer Wohnung rausgeschmissen und ich bekam meine hohe Kaution nie zurück, dann hatte ich wirklich gar kein Geld mehr. Entweder hieß es, die Uni zu schmeißen und zurück nach Memphis zu ziehen oder mir etwas einfallen zu lassen. Ich traf andere junge Punks, die Häuser besetzten und die mir anboten, als Gast im See Skwat zu leben. In der Punkszene passen die Leute gegenseitig auf sich auf – unsere Freundschaften waren das Einzige, was wir hatten.

Das Gebäude war damals heruntergekommen. Sie fingen mit Renovierungen an, aber es sah aus wie in einer Szene aus Dexter: eine flackernde Glühbirne im Flur und Treppen, die auseinanderfielen. Wir mussten nachts die Fenster abdecken, damit keiner sah, dass wir Elektrizität hatten. Man musste sich den Respekt und das Vertrauen der Leute verdienen. Es war eine Gruppe von jungen, obdachlosen Punks – viele von ihnen hatten Drogen- und Alkoholprobleme –, aber sie meinten es ernst mit den Hausbesetzungen und der Politik.

Was passierte, als die Stadt anfing, hart durchzugreifen? Giuliani [der damalige New Yorker Bürgermeister] gab Millionen aus, um die Hausbesetzer zu vertreiben.
Wir haben uns in den Versammlungen engagiert, wo die Entscheidungen um Wohnungsprojekte diskutiert und getroffen wurden. Wir haben Demonstrationen und Proteste organisiert, um ein Bewusstsein in der Nachbarschaft zu schaffen, aber wir feierten auch Partys, zu denen wir die Nachbarn einluden. Vieles von dem, was wir machten, hatte zum Ziel, Teil der Nachbarschaft zu sein, Leute zusammenzubringen und uns zu integrieren. Weil es in der LES [Lower East Side] so viele leerstehende Gebäude gab, konzentrierte sich die Hausbesetzerszene dort und dadurch konnten wir uns gegenseitig unterstützen. Falls es irgendwelche Probleme gab, halfen wir uns . Daraus entwickelte sich eine sehr enge Gemeinschaft, die in der Lage war, um Häuser zu kämpfen.

Als du mit dem Fotografieren anfingst, wolltest du deinen Alltag oder den größeren kulturellen Hintergrund dokumentieren?
Ich verfolgte keine politische Agenda, ich habe hauptsächlich die Leute in meinem Leben fotografiert. Es gab viele Familien und auch eine ethnische Vielfalt in der Community, aber ich hing mit den Punks aus der Musikszene ab, weil ich mich mit ihnen identifizieren konnte und mich das interessierte. Aber nicht jeder hatte damals eine Kamera und die Hausbesetzer brauchten Beweise über die Verbesserungen, die sie in den Häusern und einzelnen Wohnungen durchführten. Wir wussten, dass der Tag kommen würde – wahrscheinlich vor Gericht –, an dem wir diese offiziellen Beweise unserer Arbeit vorlegen müssten.

Die Frauen wirken sehr emanzipiert in deinen Bildern. Wie war die Geschlechterdynamik innerhalb der Community?
Es war eine von Männern dominierte Kultur aufgrund der Härte, aber die Geschlechterdynamik hing davon ab, in welchem Haus man wohnte. Einige hatten eine gleichmäßigere Geschlechterverteilung, was an den Leuten lag, die die Häuser zuerst besetzt hatten und daran, wie viel Fortschritt es gab. Einige [Häuser] waren geeigneter für Kinder, also lebten dort mehr Familien. Wir trugen alle Arbeitsklamotten, da es eine praktisch orientierte Umgebung war und außerdem war es auch angenehm, dass man nicht von jedem sexualisiert wurde.

Wenn du zurückblickst, was hast du nicht nur als Fotografin, sondern auch persönlich daraus gelernt?
Als Fotografin habe ich gelernt, wie ich Subkulturen und Communitys fotografieren muss: einfach die Wünsche der Leute respektieren und immer um Erlaubnis fragen. Die ganze Erfahrung hat mir auch den Wert von Communitys gezeigt und wie Leute mit direkten Aktionen etwas bewegen können. Es gibt oft eine gewisse Apathie gegen die Regierung – es ist einfach, sich machtlos zu fühlen –, aber ich habe durch meine Zeit dort gelernt, wie wichtig es ist, sich für lokale Probleme zu engagieren und sich dafür zu interessieren. Durch Ausdauer, die kritische Masse, die wir als vereinigte Gruppe bildeten, durch den Kampf für unsere Überzeugungen und dadurch, dass wir uns sichtbar gemacht haben, haben wir Hausbesetzer elf Gebäude gewonnen.

Ich glaube, dass dies das Erbe an die nächste Generation ist: Du musst kein Punkrocker oder Hausbesetzer sein, du musst auch nichts Illegales tun – also manchmal schon –, um Dinge zu verändern. Der Bildband zeigt, dass junge Leute etwas bewegen können, auch wenn sie sich verlassen fühlen und nicht viel Geld haben.

ashthayer.net

"Kill City: Lower East Side Squatters 1992 - 2000" ist bei powerHouse Books erschienen und im Handel erhältlich.

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