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von moskau bis new york: dieser fotograf sucht nach seiner queeren utopie

Russell Dean Stone

"Bros & Brosephines" ist die neueste Monographie des russischen Kunstrebellen Slava Mogutin. Der Fotograf, Autor, Regisseur, Aktivist, Pornostar und Voyeur lässt seit 20 Jahren subversive Arbeiten entstehen. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Im Alter von 14 Jahren hat Slava Mogutin seinen Geburtsort in Sibirien verlassen und ist nach Moskau gezogen. Mit 20 hat er versucht, die erste gleichgeschlechtliche Ehe in Russland eintragen zu lassen. Als Autor, Fotograf und Aktivist hat er sich mit seinen Arbeiten einen Namen gemacht, in denen er die Vorurteile rund um Homosexualität in Russland infrage stellt. Der Regierung haben seine Aktivitäten natürlich weniger gut gefallen, so wurde er des "mutwilligen Hooliganismus mit außerordentlichem Zynismus und extremer Unverschämtheit" beschuldigt und ihm drohte eine Gefängnisstrafe, deshalb flüchtete er mit 21 nach New York und wurde zum ersten Russen, dem in den USA politisches Asyl aufgrund homophober Verfolgung gewährt wurde.


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In seinem neuen Zuhause blühten Slavas Arbeiten erst so richtig auf. Und auch sein erstes Buch, Lost Boys, wurde 2006 veröffentlicht. Darin zu sehen waren provokante Fotos von Rastas aus der Krim, von russischen Wrestlern, Militärkadetten, deutschen Skinheads und Fußball-Hooligans — ein homoerotisches Buch, in dem männliche Stereotype dekonstruiert werden.

Sein neuestes Meisterwerk Bros & Brosephines vereint Studio- und Modefotografie mit Auftragsporträts und Slavas frühen, vorher noch nie gezeigten Arbeiten, die er noch vor seiner Flucht in die USA angefertigt hat. Auch dieses Buch stellt konventionelle Vorstellungen von Schönheit und Männlichkeit infrage und setzt sich mit Genderfluidität, Weiblichkeit und Fetischen auseinander. Die Bilder sind authentisch, denn Slava dokumentiert die radikal offene und engagierte, queere Existenz nicht nur, er lebt sie auch selbst, stellt Normen infrage und setzt sich damit für die sexuelle Befreiung ein.

In deinem neuen Buch sind Arbeiten aus den vergangenen 15 Jahren zu sehen. Was hat sich in dieser Zeit in deinen Fotografien und deinem Leben verändert?
Alles hat sich verändert und wird nie mehr so sein wie vorher. Am Anfang habe ich noch auf Russisch geschrieben und Schnappschüsse gemacht, aus denen später Lost Boys werden sollte. Seitdem bin ich mit meinen Arbeiten um die ganze Welt gereist, habe mit einigen meiner Lieblings-Künstler zusammengearbeitet und mit den unterschiedlichsten Medien, Formaten und Genres experimentiert — von Pornographie über Mode bis hin zur Kunst und wieder zurück zur Pornographie. In dem Buch gibt es 17 Kapitel, die ich a Locations wie Moskau, Berlin, Paris, Kalifornien und Miami fotografiert habe. Und es gibt eine Erzählung, die all die einzelnen Projekte zusammenführt. Es geht um eine queere Utopie. Darum, das traditionelle Patriarchat, Männlichkeitsbilder und Geschlechterrollen zu hinterfragen. Es ist ein sehr persönliches Buch, das auch von meinen großen Liebesgeschichten und Verlusten erzählt.

Wie hat das Leben in New York deine Arbeiten beeinflusst?
New York ist ein Ort, an dem ich Zuflucht und eine neue Familie gefunden habe. Hier habe ich einige Vorbilder aus meiner Jugend kennengelernt und die Stadt ist natürlich die perfekte Kulisse. Das Coverbild und das letzte Kapitel von Bros & Brosephines wurden auf der wunderschönen Feuertreppe meines alten Studios in der 14th Street geschossen, das früher mal Wolfgang Tillmans' Studio gewesen ist, es hatte also eine einzigartige Energie.

Wie sieht deine Interpretation queerer Kunst heute aus?
Queer zu sein bedeutet der Definition nach, anders zu sein, ein Rebell, ein Außenseiter, ein Kämpfer. Es geht darum, den Status quo und die Regierung infrage zu stellen, den Eliten die Stirn zu bieten – den Reichen und Mächtigen dieser Welt. Queere Kunst wird heute vom Mainstream gefürchtet wie zu Zeiten von Robert Mapplethorpe, David Wojnarowicz und Derek Jarman. Heute will man uns unsere fundamentalen Grundrechte nehmen, deswegen müssen wir Widerstand leisten und uns wehren. Queere Kunst ist meine bevorzugte Waffe.

Du hast dich stark gegen die Zensur in Social Media eingesetzt und sogar einen offenen Brief an Mark Zuckerberg geschrieben. Warum ist Nacktheit immer noch ein Tabu?
Es gibt keinen richtigen Grund für diese hemmungslose, homophobe Zensur. Die sozialen Netzwerke sind zu einer Art globalem Geheimdienst geworden: sie zensieren, sperren, löschen und entfernen alles und jeden, der ihnen nicht passt. Dieses Zensur-Monster verschließt die Augen vor unzähligen, offen-pornographischen (und größtenteils heterosexuellen) Profilen, greift aber gleichzeitig ständig die queere Community an und überwacht sie regelrecht. Ich wurde sowohl in Russland als auch in den USA zensiert, irgendetwas mache ich also scheinbar richtig. Ungeachtet der lächerlichen und schändlichen Politik dieser beiden Länder glaube ich an die Meinungsfreiheit und mein Recht darauf, diese Freiheiten auszuüben. Wenn dir nicht gefällt, was ich sage, schreibe oder poste, dann folge mir nicht.

Was hast du über die menschliche Natur und die Beziehung der Leute zu ihren Fetischen gelernt?
Fetische sind unterbewusste Spiegelungen der menschlichen Psyche und Sexualität, das, was uns von Tieren unterscheidet. Jeder hat einen eigenen Fetisch, ob er sich dessen bewusst ist und es zugibt oder nicht – außer man hat echt null Fantasie. Solche Leute tun mir leid!

Was sind deine Fetische?
Wenn ihr das herausfinden wollt, solltet ihr einen Blick in meine Bücher werfen. Meine Arbeiten sind eine Enzyklopädie der Fetische. Es sind einfach zu viele, um sie hier alle aufzuzählen.

Was sind die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen deiner Herangehensweise an Poesie und Pornografie?
Für mich sind beide Bereiche Teil des gleichen kreativen Prozesses und der gleichen Erzählung. Poesie ist auch Pornografie und Pornografie auch Poesie. Ich kann ein Bild aus einem Gedicht entstehen lassen oder ein Gedicht aus einem Bild. Solange ich einen Stift oder eine Kamera zur Hand habe, fällt mir immer eine Geschichte ein.

Was hältst du vom Aufstieg der russischen Ästhetik in der Modewelt? Wirst du da etwas nostalgisch?
Ich war schon sehr lange nicht mehr in Russland und kann daher nicht sagen, dass ich bei der totalitären Ästhetik nostalgisch werde. Der billige Trump-Kitsch hat definitiv etwas mit Putins neo-imperialer Propaganda gemeinsam, beide sprechen ein ähnliches Publikum aus neureichen, rücksichtslosen Kapitalisten an. In Lost Boys habe ich das postkommunistische Russland auf sehr persönliche, ehrliche und poetische Weise eingefangen — und das war vor fast 20 Jahren. Was man jetzt in der Mode sieht, ist lediglich eine kulturelle Kopie.

Wer sind die Bros & Brosephines und was sind ihre Geschichten?
Es sind Leute, die sich irgendwo dazwischen einordnen. Ich arbeite größtenteils mit meinen Freunden und lasse sie ihre eigene Geschichte erzählen. Ich hatte das große Glück, mit einer Reihe von Künstler-Kollegen und berühmten Persönlichkeiten zusammenarbeiten zu dürfen, und jeder von ihnen hat dem Projekt seine eigene Stimme und Vision verliehen.

In deinen Arbeiten sind größtenteils sehr attraktive Körper zu sehen. Hast du schon mal darüber nachgedacht, weniger konventionelle Körperformen zu zeigen?
Ich habe sehr viele Körper mit allen möglichen Körperformen abgelichtet und arbeite gerade an ein paar neuen Buchprojekten, die weder mit Gender noch mit Sexualität zu tun haben. In einem geht es um ein Künstlerporträt — und außerdem mache ich eine Reihe von Rugby-Porträts mit vielen Leuten unterschiedlichen Alters. In dem Projekt geht es vor allem um die Vielfalt an Persönlichkeiten, Gesichtern und Formen. Für mich zählen die innere Schönheit und das Charisma.

Bros & Brosephines von Slava Mogutin erscheint bei powerHouse Books.