Wie Demna Gvasalia die Ästhetik einer ganzen Generation definiert

2017 war das Jahr für den georgischen Modedesigner.

von Felix Petty; Übersetzt von Michael Sader
|
Dez. 20 2017, 1:13pm

Foto: Mitchell Sams

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Die letzten Balenciaga-Looks von Alexander Wang, die das Publikum auf dem Catwalk bestaunen durfte, waren ein Traum aus weiß. Sein damenhafter Modernismus war geprägt von weiten, mit Rüschen und Spitze bestückten Pieces, die die Models elegant in Slippern vor der Fashion-Crowd in Paris präsentiert haben. Soft, natürlich, unisex und elegant: Alexander Wangs Balenciaga fühlte sich Lichtjahre entfernt an. Seine dreijährige Amtszeit fiel genau zwischen die von Nicolas Ghesquière und Demna Gvasalia – zwei Designer, die den Look ihrer jeweiligen Zeit entscheidend prägen sollten.


Auch auf i-D: Was inspiriert Dries van Noten? Die Antworten findest du in diesem Video


Diese Zeit fühlt sich deswegen so weit weg an, weil sich das Mode-Hamsterrad immer schneller dreht. Alle fünf Minuten entsteht angeblich ein neuer Trend, ohne dass man sich davon irgendwelche Details merken würde. Der andere Grund heißt Demna Gvasalia und seine Balenciaga-Debütkollektion Herbst/Winter 2016, mit der er die unmittelbare Vergangenheit des Modehauses in Vergessenheit geraten ließ. In die Fußstapfen von Nicolas Ghesquière zu schlüpfen, ist keine einfache Aufgabe, doch das altehrwürdige Traditionshaus steht mittlerweile ganz im Zeichen von Demna, so als hätte es die Zeit von Alexander Wang bei Balenciaga nie gegeben.

Demna und das französische Modehaus ergänzen sich perfekt. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass es kommerziell erfolgreich ist und die Modekritiker den Designer mit Lob überschütten. Nicht dass sich Alexander Wangs Kreationen nicht verkauft hätten, oder es der Maison kommerziell schlecht gegangen wäre. Es zeigt einfach nur, wie sehr Demna die Marke gepusht hat und seine Handschrift nicht nur universellen Anklang gefunden hat, sondern auch zu einer die Modewelt bestimmenden Ästhetik geworden ist. Man kann sich heute nur noch schwer vorstellen, dass seine Berufung damals mehr als skeptisch gesehen wurde.


Auch auf i-D: Im Gespräch mit dem georgischen Modedesigner


Der Grund für jene Skepsis war, wie laut Lauren Milligan von der Vogue folgende: "Er war ein Avantgarde-Designer in Gestalt eines Martin Margiela". Vanessa Friedman, mit ein wenig mehr Weitsicht und Ahnung davon, welche Attitüde die Mode der späten Nullerjahre bestimmen würde, schrieb in der New York Times, "obwohl das Gerücht um Demna Gvasalias Berufung während der Fashionweek die Runde machte, taten es viele als unglaubwürdigen Klatsch ab, weil die Antifashion-Streetwear-Ästhetik von Vetements, wie das genaue Gegenteil des historisch sehr auf Elite bedachten Hauses Balenciaga wirkte." Das war die Stimmung vor dem Antritt Demnas. Heute wird seine Relevanz dagegen nur noch von Alessandro Micheles Gucci übertroffen.

Diese neue, elitäre Welt ist ein ausgeklügeltes Spiel aus Insider-Witzen und Referenzen. Eine rotzige Reaktion auf den bürgerlichen Mode-Snobismus vergangener Tage.

Demna hat die ganzen Elemente, über die die Modejournalisten anfangs noch zynisch gelächelt haben, gekonnt miteinander gemixt. Er nahm die Avantgarde-Einstellung eines Margiela, die Anti-Fashion-Streetwear-Ästhetik, die er bei Vetements perfektionierte, den historischen Elitarismus von Balenciaga und vereinte alles zu einem großen Ganzen. Die Ironie daran ist, dass wir im Zeitalter des extrem limitierten Egalitarismus leben. Und genau zwischen diesen beiden Welten liegt die bestimmende Ästhetik der Gegenwart. Diese neue, elitäre Welt ist ein ausgeklügeltes Spiel aus Insider-Witzen und Referenzen. Eine rotzige Reaktion auf den bürgerlichen Mode-Snobismus vergangener Tage.


Auch auf i-D: Faszination DHL – wir erklären dir, was dahinter steckt


Es ist leicht, sich über bestimmte Elemente von Demnas Ästhetik lustig zu machen. Diese direkt und meinungsstarke Hässlichkeit. Sie als aufmerksamkeitsgeile Schocktherapie zu sehen, die alles zur Luxusmode erklärt. Das dramatische Spiel mit Proportionen und der Logo-Wahn, der ins Absurde überdreht wird, sorgen heute für unstillbare Begierde nach den Luxus-Produkten. Mit diesem Ansatz und Vetements' nie enden wollender Flut des kollaborativen Dekonstruktivismus hat Demna die Tür für eine neue Generation von auf Streetwear fokussierten Creative Directors geöffnet, die mittlerweile in den großen und traditionsreichen Häusern arbeiten. Sein Erfolg hat dafür gesorgt, dass der Mode-Zugang für eine ganze Generation relevant ist, respektiert und ernst genommen wird. Das Team um Demna kann Logos von Kering, dem Milliarden schweren Mutterkonzern von Balenciaga, und Bernie Sanders (Amerikas Vorzeige-Sozialist) in ein und derselben Kollektion benutzen, ohne dass thematische Zweifel aufkommen. Das ist ein Aufeinanderprallen von Gegensätzen, das im atomisierten Internet längst gang und gäbe ist – und keinen Unterschied zwischen Hoch- und Popkultur, Underground und Mainstream, Corporate und Cool, Authentisch und Fake und zwischen Kitsch und Chic kennt.

Paris wurde zum Zentrum dieses Aufeinanderprallens. Die französische Hauptstadt ist der einzige Ort, an dem die Hype-Kultur und Haute Couture harmonisch nebeneinander existieren können. "Es ist eine Bewegung, aber so ist auch die Stimmung in der Mode generell", sagte uns Demna 2016 und beschreibt die Ästhetik und Silhouette der neuen Ära. Die Hype-Kultur und die Haute Couture sind zwei sehr unterschiedliche Welten, aber gleichzeitig auch ihre jeweiligen Spiegelbilder: Sie sind die heiligen Hallen der Modewelt, die voller Geheimnisse und Codes stecken, die nie erklärt werden.

"Es gibt gerade viele Antworten auf die Frage, was Luxus und Underground bedeuten", erklärte der Designer weiter. "Vetements war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Jeder ist auf den Zug aufgesprungen. Dieses neue Generationen-Ding war unumgänglich, unabhängig von Vetements. Das Label war einfach schneller. Paris stagnierte für so lange Zeit. Jetzt kommt Anna Wintour zu den Fashionshows von Vetements oder Jacquemus. Das ist fantastisch und zeigt, dass sich wirklich etwas verändert hat."


Auch auf i-D: Welche Leute stecken eigentlich hinter Vetements?


Die Veränderung, für die Vetements steht, war der Aufstieg von dem, was in der High-Fashion-Welt davor immer nur belächelt und als unterste Schublade angesehen wurde. Bei Balenciaga führt Demna diese Bewegung nun in eine andere Richtung: Er verpasst dem Luxus eine gehörige Portion Realität. In beiden Welten gab und gibt es Nachahmer, doch Demna bleibt nie der Alte. Während die Copycats in die Räume vorgestoßen sind, die Demna & Co. geschaffen haben, waren die Urheber mit ihrem postsowjetischen Chic und ihrer Kollaborations-Maniebereits längst weitergezogen. Sie haben den Modekalender auf den Kopf gestellt und ihre Shows dann veranstaltet, wenn es ihnen gerade gepasst hat.

Als Vetements immer größer wurde, hat sich Demna dem Trend des Promi-Designer entzogen und seinen Bruder Guram als Sprecher der Brand vorgeschickt. Damit ist das Label wieder zu seinen Wurzeln zurückgekehrt: Es wurde wieder zu dem geheimnisvollen Design-Kollektiv, das es immer war. Der Hype hat den Kreis geschlossen, um wieder an den Anfang zu gelangen.

Der Zeitgeist hat sich um Vetements und Balenciaga gruppiert: hässliche, große Sneaker, Band-T-Shirts, die 500 Euro kosten (als ironisches Zeichen der Verbundenheit) und die Meme-ifikation der Mode für Instagram-fähigen Content. In den Händen von allen anderen würden sich diese Elemente hohl und leer anfühlen, doch nicht so bei Demna. Dass überall luxuriöse Streetwear aus dem Boden gestampft wurde, ist eine Hommage der Nachahmer an das Original.

Streetwear fühlt sich auch deswegen so revolutionär an, weil sie demokratisch und offen ist. In einer Zeit, in der das alte Establishment zusehends zerfällt, erobert die Streetwear-Szene die Musik, Party-Kultur, Zine-Welt und den Lifestyle-Bereich – genau wie die richtige Modewelt. Doch Demna steht für die größte dieser Entwicklungen: Er hat dieses neue Gefühl demokratisiert, indem er mit seiner Designsprache die gesamte Modeindustrie grundlegend verändert hat. Deswegen spricht selbst sie heute Demnas Sprache.