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Kultur

Wie Emo durch MySpace zur letzten, wirklich echten Subkultur wurde

Unverstanden und unglücklich: Emo bestimmte das Lebensgefühl einer ganzen Generation.

VonHannah EwensÜbersetzt vonMichael Sader

Foto: Jason Rogers | Flickr | CC BY 2.0

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

Wenn du ein Millennial bist und das hier gerade liest, hattest du bestimmt mal einen guten Freund namens Tom – und du warst nicht allein. Millionen Usern wurde Thomas Anderson (aka MySpace Tom) automatisch als erster Freund auf MySpace zugeordnet, nachdem du dein Profil angelegt hast. Er war der Nerd, der ein soziales Netzwerk aufgebaut hat, das in den 2000ern dabei geholfen hat, eine ganze Subkultur entstehen zu lassen.


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Neben den Jugendkulturen um Grime und Garage war Emo die letzte echte Subkultur. Modetrends können bahnbrechend sein, aber es bleibt nur wenig von ihnen zurück. Irgendwann zwischen 2003 und 2008 durchbrach Emo unsere Computerbildschirme, packte Teenager bei ihren Unsicherheiten, befeuerte ihren rebellischen Geist und beeinflusste ihr Leben auf jede nur erdenkliche Art und Weise. Für viele, die heute zwischen 20 und 30 Jahre alt sind, bedeutet Emo nicht nur Nietengürtel, Ich-schneide-mir-die-Pulsadern-auf-und-schminke-mir-die-Augen-schwarz-Lyrics oder einen Pony, der dein komplettes Gesicht verdeckt – bei diesen Menschen wecken die drei Buchstaben Erinnerungen an ein ganzes Lebensgefühl. Und seitdem hat es keine Bewegung mehr geschafft, so einen bleibenden und weitreichenden Einfluss auf die Jugendkultur auszuüben.

Alles fing mit der Musik an. Das Genre hat seinen Ursprung in der Hardcore-Punkszene der 80er in Washington DC und fand dann durch Bands wie Mineral und American Football zum Gitarren-Sound der 90er. Aber erst Anfang der 2000er verschmolz die Popmusik mit dieser emotionalen Version des Hardcores zur Marketing- und MTV-freundlichen Musik, die der Subkultur mit Bands wie Taking Back Sunday, Brand New, Hawthorne Heights, My Chemical Romance und Fall Out Boy den passenden Sound gegeben hat.

So sehr es bei Emo um die Musik ging, so sehr wurde die Subkultur auch durch die Technologie geprägt. Die Ausgangsbedingungen waren perfekt, damit das Phänomen durch MySpace wachsen konnte. Ein Social-Media-Imperium entstand. Zum ersten Mal konnten junge Menschen mit Bands interagieren und mussten dafür nicht mal das eigene Zimmer verlassen. Musiker hatten ihre eigenen Profile auf MySpace und wirkten nahbarer als jemals zuvor. Dahinter stand eine sehr offenherzige und emotional aufgeladene Musik, die genügend Kraft hatte, um eine ganze Generation an treuen Fans an sich zu binden. Damit war ein neuer Schlag von Vorstadt-Kids geboren, die bereit waren, mit allem, was ihnen das Internet bot, zu arbeiten und kreativ zu werden.

Durch diese neue Technologie entstand nicht nur ein einmaliger Emo-Sound und -Style, sondern auch ein Zugehörigkeitsgefühl durchs Nicht-dazugehören. Emos sonderten sich bewusst vom Mainstream ab – und wurden durch das Internet weltweit miteinander verbunden. Entscheidend war damals auch, dass man sich durch MySpace seine Online-Identität nach den eigenen Vorstellungen formen konnte. Das war auch die Geburtsstunde des Selfies, so wie wir es heute kennen, und der unzähligen Filter, obwohl wir damals Fotos von einem besonders hohen Winkel bevorzugt haben. Beim Profilnamen waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt –, alles, was man wollte, war möglich, meistens wurde einfach nur "Morphine", "Switchblade" (oder hXc) drangehängt. In einer Phase, in denen unsere Identität jeden Tag neue Fragen aufgeworfen hat, war Emo für uns da – und Millionen virtueller Freunde, die genau das Gleiche durchgemacht haben wie wir.

Auch der Look war besonders. Der Pony war Pflicht und den Rest der Haare rasierte man sich raspelkurz. Make-up war nicht länger nur Frauen vorbehalten, als Pete Wentz schwarzen Kajal aufgetragen und Gerard Way pink für sich entdeckt hat. Das Geschlecht spielte dabei keine Rolle mehr, weil alle sowieso das Gleiche getragen haben: Skinny Jeans, Nagellack, gefärbte Haare, äußerst enge Band-T-Shirts, bei denen man immer Gefahr lief, dass sie die Durchblutung wichtiger Körperregionen abschnüren, und natürlich Chucks, auf denen sich jeder deiner Emo-Freunde mit Edding verewigen durfte.

Im starken Gegensatz zu anderen, vorherigen Subkulturen war Emo introspektiv und zurückhaltend. Anstatt auf die Welt wütend zu sein, wurde der Schmerz nach innen gekehrt. Das verwundert nicht weiter, immerhin war es die erste Subkultur, die durchs Internet entstanden ist und nicht eine Reaktion auf äußere Umstände. Wie uns unsere Songtexte verraten haben, waren Beziehungen wichtig, aber auch unmöglich. Unsere Mitmenschen waren kaum mehr als der personifizierte Verrat und am Ende verrät man sich sowieso selbst. Emo lehnte Schubladen aggressiv ab und keiner wollte sich selbst offen als Emo bezeichnen, obwohl es in Wahrheit natürlich das Ziel eines jeden war, als Teil dieser Szene identifiziert zu werden.

Auf seinem Höhepunkt wurde Emo so groß, dass es sich selbst zerstörte. Erwachsene, Einkäufer und Geschäftsleute entdeckten die Kaufkraft von Jugendlichen für sich und verpackten die Subkultur H&M-Divided-gerecht. Hoodies mit Reißverschluss und Skinny Jeans waren plötzlich für alle verfügbar. Zum ersten Mal nach langer Zeit öffnete sich der Einzelhandel wieder dem provokativen Geschmack der Jugendlichen. Auch Teenies, die davor nur am Rande mit Emo zu tun hatten, konnten sich plötzlich in die Ästhetik einkaufen.

Und so erging es Emo in den späten 2000ern wie jeder anderen Subkultur auch: Sie starb eines natürlichen Todes ­– der Mainstream saugte sie auf. Für die Kernschmelze von Emo sorgte aber auch die Massenwanderung zu Facebook. Selbst die Musik der Subkultur fand ein jähes Ende, als sich Bands wie My Chemical Romance und Fall Out Boy einen zeitgemäßeren Sound zulegten.


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Zu diesem Zeitpunkt wurde die Subkultur so Mainstream, dass MySpace und Emo die Vorlage dafür bildeten, wie Leute zwischen 20 und 30 heutzutage miteinander umgehen.

Es war der Anfang der Oversharing-Kultur in den sozialen Netzwerken. Bulletins waren ein bequemer Weg, um der jugendlichen Angst und den eigenen Beziehungen ein Ventil zu geben. MySpace war der Übungsplatz für das heute so weit verbreitete Personal Branding – das Phänomen, aus der eigenen Person eine Marke zu kreieren. Auf MySpace haben wir unseren Hunger nach öffentlicher Zustimmung gestillt. Am wichtigsten ist es: von anderen gemocht zu werden. MySpace bedeutete sogar den Anfang von Memes und motivierenden Sprüchen, kurz gesagt: der ganzen Tumblr-Kultur.

MySpace hat beispielhaft zeigt, wie nützlich soziale Netzwerke für die Wirtschaft sind, um von Jugendkulturen zu profitieren. Aber auch, wie wichtig die Bindung zwischen Künstlern und Fans ist – und welche Rolle dabei eine eigene Social-Media-Präsenz der Künstler spielen kann.

Was die Mode angeht, ist vieles aus der Emo-Kultur nach wie vor beliebt. Man kann sogar soweit gehen und behaupten, dass durch Emo eine ganze Generation aufgewachsen ist, die dem Alternativen offener gegenübersteht. Vieles aus dieser Zeit wird uns im Mainstream noch auf unbestimmte Zeit weiterhin begleiten: die dicken Hornbrillen, Lederjacken, Skinny Jeans und Vans. Internet-Trends wie Cyberpunk und der daraus entstandene Tumblr-Chic wurden unübersehbar durch Emo und die dazugehörige Subkultur inspiriert, auch wenn sie natürlich eigene Akzente setzen.

MySpace hat auch seinen Teil zur Open Economy des Internet beigetragen und Plattformen wie Etsy und Depop wachsen lassen, auf denen Menschen ihre neuesten Kreationen an ein weltweites Publikum verkaufen können. Auf MySpace haben Teenager zuvor Shops betrieben und Armbänder, T-Shirts und andere Accessoires ihrer Lieblings-Bands an andere Fans verkauft.

Emo wurde durch das starke Wachstum des Internets überhaupt erst ermöglicht und großgemacht. Es war die erste und letzte Subkultur, die durch das Internet entstand. Heutzutage sorgt das Netz dafür, dass es so was wie Subkulturen gar nicht mehr richtig gibt. Das Breitband beamt in Sekundenschnelle jede aufkommende Jugendkultur in jeden Haushalt dieser Welt. Sie werden nie die Chance dazu haben, in Ruhe zu wachsen und ins Offline-Leben hinüberzuwechseln. Aber wenn wir uns anschauen, wie sehr die Emo-Subkultur unsere Leben beeinflusst hat, steht fest: So schnell werden wir Emo nicht vergessen.