Moskau ist vielfältiger, als du bisher vielleicht gedacht hast

Wir haben Jugendliche aus der ganzen Welt getroffen, die Moskau ihr Zuhause nennen und zeigen euch die Vielfalt der russischen Hauptstadt.

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Juli 3 2018, 1:49pm

Moskau war und ist schon immer ein Magnet für Menschen aus der ganzen Welt gewesen. Mit über zwölf Millionen Einwohnern verfügt die russische Metropole über eine große Vielfalt unterschiedlicher Kulturen. Die Menschen kommen aus dem Ausland und aus den unendlichen Weiten der russischen Föderation.


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Obwohl Russland oft als ein völlig weißes Land dargestellt wird (was die konservative russische Regierung nach Kräften fördert und offizielle Staatsideologie ist) repräsentiert Moskau das wahre und multikulturelle Gesicht Russlands. Auch wenn es nach wie vor viele Vorurteile und Probleme im Alltag gibt, kämpft eine neue Generation Kreativer in Moskau für eine offene und freie Gesellschaft. Wir haben einige davon getroffen und uns mit ihnen über die Vor- und Nachteile der Metropole und ihr Anders-Sein unterhalten.

Gladstone, 26, Schauspieler

"Ich wurde in Tiraspol in Moldawien geboren und bin mit 16 Jahren nach Moskau gezogen. Ich liebe die Dynamik dieser Stadt. Der Stil, das Essen, meine Freunde und unser kleiner Kreis aus Künstlern. Ich liebe die Tretjakow-Galerie und das Garage Museum of Contemporary Art. Die Leute in Moskau können oft unhöflich, wütend und kleinlich sein, aber ich habe das Glück, von offenen Menschen umgeben zu sein. Die Unterdrückung von Minderheiten ist ein großes Problem in unserer Gesellschaft. Die Russen als dominierendes Volk sind den anderen Ethnien im Staat gegenüber nicht sehr freundlich gesinnt. Es gibt eine gesellschaftliche Hierarchie und einen Mangel an gesellschaftlicher Mobilität. Man wird zum Beispiel nur selten Nicht-Weiße finden, die an der Moskauer Universität Ökonomie lehren. Dafür sieht man aber viele Nicht-Weiße, die die Straßen putzen. So sieht Rassismus in Russland im Jahr 2018 aus."

Maya, 18, Studentin

Ich wurde in Jakutsk geboren und bin vor zwei Jahren nach Moskau gezogen. Meine Eltern kommen aus der Republik Sacha (Jakutien) Die Sprache und Mentalität der Jakuten waren in meinem Leben sehr präsent. Es ist falsch, die eigene Herkunft zu ignorieren oder zu verstecken. Wie soll man Respekt vor anderen haben, wenn man nicht weiß, wer man selbst ist? Ich liebe Moskau für seine großen Vielfalt an Orten und für seine Kultur.

Aytal, 20, Student

"Ich bin in Jakutien geboren und aufgewachsen und lebe seit einem Jahr in Moskau. Meine Nationalität ist mir sehr wichtig. Es gibt viele Möglichkeiten hier und auch viele Menschen, die einen inspirieren. Hier ist immer etwas los."

Amina, 28, Marketing Managerin

"Ich bin in Moskau geboren und aufgewachsen. Mein Vater kommt aus Nigeria und meine Mutter aus der Republik Tuwa in Südsibirien. Sie haben sich während ihres Studiums in Moskau kennengelernt. Mein Vater ist Muslim und meine Mutter Buddhistin. Die Republik Tuwa ist eine der Regionen Russlands, in der Buddhismus zu einer der traditionellen Religion zählt. Ich bin oft in Tuwa und habe länger in Nigeria gelebt, daher kenne ich beide Kulturen sehr gut. Je älter man wird, desto mehr schätzt man seine eigene Herkunft. An Moskau mag ich nicht, wie viel Aufmerksamkeit ich auf mich ziehe. Ich war mir dessen gar nicht so bewusst, erst nachdem ich in New York gelebt habe, wo ich keinem aufgefallen bin, hat es angefangen, mich hier zu stören."

Rokhas, 28, Model und Künstlerin

"Ich wurde in Kuba geboren und habe bis fünfeinhalb dort gelebt. Dann beschloss meine Mutter, mit mir und meiner Schwester nach Russland zu gehen, um ein besseres Leben zu führen. Die wirtschaftliche Situation in Kuba war damals ziemlich schlecht. Ich kannte die russische Sprache nicht und hatte eine schwere Zeit im Kindergarten. Es war nicht nur die Sprachbarriere, sondern auch die Vorurteile der anderen Kinder wegen meiner Hautfarbe. Ich bin dankbar für diese Erfahrungen, weil sie einen echten Kämpfer aus einem machen. Ich lebe jetzt seit fünf Jahren in Moskau. Ich kann nicht sagen, dass ich die Stadt liebe – dafür gehen mir die ständigen Bauarbeiten und der Lärm zu sehr auf die Nerven –, aber Moskau steckt voller Möglichkeiten. Als kreativer Mensch gefällt mir die scharfe Konkurrenz in der Stadt. Man kann sich hier nicht einfach zurücklehnen, weil es sofort jemanden geben wird, der deinen Platz einnimmt."

Elya, 27, arbeitet im Café Enthusiast

"Ich lebe seit 11 Jahren in Moskau und es ist meine zweite Heimat geworden. Meine Familie stammt aus Jakutien. Moskau ist anders: reich und multidimensional, mit vielen Museen und Theatern. Ich liebe die Verschmelzung architektonischer Stile in der Stadt und all die versteckten Innenhöfe. Moskau ist seit Kurzem auch viel sauberer und historische Gebäude werden restauriert. Natürlich gibt es auch Nachteile wie die ständigen Bauarbeiten und zu wenige Parks."

Aida, 23, Videoproduktion und Psychologie-Studentin

"Ich bin mit 16 nach Moskau gezogen. Meine Familie stammt aus einer kleinen Industriestadt in der Region Wolgograd. Ich mag solche Orte nicht so sehr, wegen der Leute – ich kann mit ihrem Lebensstil nichts anfangen. Aber meine Familie ist anders. Ich wurde im Geist der großen weiten Welt erzogen. Moskau ist attraktiv wegen der vielen Möglichkeiten. Ich mag die Leute und es gibt immer Orte für Kultur und Unterhaltung. Die Architektur mag ich dagegen nicht wirklich und die Außenwerbung ist geschmacklos."

Vitaliy, 34, Mitinhaber von ZHITZ in Georgien und Designer bei OPEN! Design

"Ich wurde in der Stadt Chu im berühmten Chui-Tal geboren und lebe seit 18 Jahren in Moskau. Ich mag die Größe der Stadt und die Tatsache, dass es immer an allem mangelt. Das gibt mir viel Freiraum zum Improvisieren. Es gibt immer etwas zu tun und etwas zu verbessern. Ich mag den Multikulturalismus, die Musik und die Kunstszenen der Stadt. Ich mag die Hektik dagegen weniger – und die Tatsache, dass viele Menschen hier nur des Geldes wegen kommen. Moskau wird von Behörden und Unternehmen regiert und das historische Erbe oft zerstört."

Anka, 29, Gründerin und Creative Director von Indexflat Store

"Ich wurde in Tiflis, Georgien geboren, aber meine Familie ist 1994 nach Moskau gezogen. Meine ganze Familie ist georgisch, abgesehen von einer russischen Großmutter auf der Seite meines Vaters. Als Kind habe ich alle Schulferien in Georgien verbracht. Ich habe einen georgischen Nachnamen und liebe die georgische Sprache. Georgien ist für mich als kleines Land mit einem großen kulturellen Erbe sehr wichtig. Ich liebe Moskau, die Architektur, das Essen, die Musik und natürlich die Menschen um mich herum. Das einzige, das ich nicht mag, ist der Himmel im Winter.

Credits


Fotos: Eugene Shishkin
Casting: Sveta Mart

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.