Das war der krönende Abschluss der Saison Spring/Summer 18

Eine Änderung im Showkalender hat dafür gesorgt, dass am letzten Tag all die großen Namen ihre Shows hatten.

von Susie Lau; Fotos von Mitchell Sams
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Okt. 5 2017, 9:53am

Chanel, Miu Miu, Louis Vuitton

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Wenn der Tag mit einer Show vor einem 15 Meter hohen Wasserfall beginnt und neben den Ruinen einer Festung aus dem 12. Jahrhundert endet, kommt man nicht um den Gedanken umhin, dass die französischen Modehäuser sich hinter den Kulissen gerne gegenseitig übertrumpfen. Man kann sich aber mit noch so ausgefallenen Sets und Orten historischer Bedeutung versuchen auszustechen — am Ende geht es immer noch um Mode.

Chanel

Die Botschaft war in dieser Woche trotzdem vor allem eine: Markentreue gehört der Vergangenheit an. Es ist kein Zufall, dass man regelmäßig von finanziellen Problemen und Uneinigkeit inmitten der Führungspositionen der traditionellen Marken hört, und was war die Antwort darauf? Kompromisslose, ausgefallene Mode. Denn die #BasicBitch wird das Rennen nicht gewinnen, wenn es darum geht, einen Social Media-geprägten Kunden zu beeindrucken, der sich das Beste aus allen Bereichen heraussucht.

Chanel

So erwartete uns bei Chanel eine atemberaubende, 15 Meter hohe Nachbildung der Verdonschlucht mit rauschenden Wasserfällen. Chanels Bilanzgewinn ist im vergangenen Jahr zwar um 35% gesunken, trotzdem hat sie das nicht davon abgehalten, sich selbst bei einer weiteren komplizierten Kulisse zu übertreffen.


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Und auch die Kleider der neuen Kollektion waren ähnlich anspruchsvoll. Wasser ist eine starke Naturgewalt, die Karl Lagerfeld in fließende Stoffe übersetzt hat. Als die Wasserfälle losströmten und den Grand Palais mit einem tosenden Rauschen fluteten, liefen die Models in ikonische Chanel-Stoffe gehüllt — dem mit Lurex versetzten Jeansstoff, den dünn gewebten Tweeds mit Fransen und der zarten Gossamer-Spitze — über den Laufsteg.

Chanel

Natürlich war das aber noch nicht alles: Die Plastik-Elemente ließen nicht lange auf sich warten und erinnerten uns ein wenig an die Weltraumzeitalter-Mode eines André Courrèges oder Pierre Cardin. Durch den Einsatz unkonventioneller Materialien passten sie perfekt zum Thema der rebellischen Jugend. Schon allein der Glanz des durchsichtigen PVCs über den kostbaren Chanel-Teilen war eine Art Auflehnung gegen Konventionen.

Miu Miu

Im Gegensatz dazu wurde bei Miuccia Pradas Miu Miu auf Stimmung und Gefühle gesetzt, statt in aufwendige Kulissen zu investieren. Anita Bitton und Prada haben ein Line-Up auf den Laufsteg geschickt, bei dem über die Hälfte der Looks von nicht-kaukasischen Models getragen wurden. Im Jahr 2017 sollte das nicht mehr außergewöhnlich und besonders erwähnenswert sein, aber die Statistiken zeigen, dass der Großteil der Models in den Shows immer noch weiß ist.

Miu Miu

Nach der Prada-Show in Mailand fragte ein amerikanischer Journalist Miuccia Prada, ob sie hoffe, dass die Kollektion die sinkenden Gewinne des Modehauses steigern würde, auf was sie nur schroff antwortete: "Ich möchte nicht nach Verkaufszahlen beurteilt werden. Mein Leben und mein Job sind mehr als das." Miuccias Mission ist es, eine Frau zu zeigen, die mehr zu bieten hat, als gutes Aussehen. Ihre vielfältigen Models waren unter anderem auch ein Zeichen dafür, dass sie sich nicht einfach fügt, sondern ihre eigene Vision und Meinung hat — und diese auch nach außen hin zeigt.

Louis Vuitton

Bei Louis Vuitton wurden wir an einen der ikonischsten Orte in ganz Paris geladen. Um in den Showroom zu gelangen, mussten wir durch die Pyramide neben dem Louvre hereinkommen und uns den Weg durch die unterirdischen Flure bahnen, vorbei an den Mauern des Festungsgrabens aus dem 12. Jahrhundert. Von modernem Glas zu antiken Gemäuern: das war der Weg, den Ghesquière in seiner neuesten und bisher wahrscheinlich auch befreiendsten Kollektion für Louis Vuitton beschritten hat. In dieser Saison hat sich Ghesquière der Zeitreise zugewendet, in der sich Jahrhunderte wie wenige Minuten angefühlt haben. Mäntel und Blusen lagen durch Schnürungen und offene Rücken locker am Körper, die verzierten Dekolleteés der Reifröcke à la Marie Antoinette wurden übernommen und auf Blusen mit Stehkragen und Rüschen an den Ärmeln übertragen.

Wohingegen Ghesquière mit seinem Stranger Things-T-Shirt, mit dem der Designer die bevorstehende zweite Staffel der Serie feiert,mit einem Fuß fest im Hier und Jetzt steht. Für Louis Vuitton ist sein Talent, Kleider zu designen, die gleichzeitig zeitlos und modern sind, ein wahrer Segen. Mit seiner Kollektion hat der Designer ganz klar jeden Zweifel bezüglich seiner Zukunft beseitigt und gezeigt, warum Paris immer noch die unangefochtene Mode-Metropole Nummer eins ist.

Louis Vuitton

Louis Vuitton