So sieht das Leben junger Brasilianer fernab von Social Media aus

Die Fotografin Elsa Kostic hat sich auf ihrer Reise durch das Land der Gegensätze mit der Kluft zwischen echtem und virtuellen Leben beschäftigt — und das Ergebnis in einem neuen Fotoprojekt festgehalten.

|
29 September 2017, 12:58pm

@_breuu

Elsa Kostic ist sechs Monate durch Brasilien gereist. Besonders die ersten davon waren für die junge Fotografin schwieriger als erwartet. "Ich konnte nicht wirklich frei auf der Straße Fotos schießen, also habe ich junge Leute über Soziale Netzwerke wie Instagram oder Tinder kontaktiert, dessen Schönheit, Persönlichkeit oder Geschichte mich umgehauen hat", verrät uns Elsa über die Anfänge ihres Abenteuers. Die Fotografin hat ein Brasilien fernab der gängigen Touristen-Klischees rund um Fußball und Copacabana erlebt. Von der Vielfalt und Straßenkultur des Landes angezogen, hat sie sich auf die Suche nach Einheimischen gemacht, die ihr das echte Leben in einem Land voller Gegensätze zeigen. "Einige von ihnen haben in Favelas gewohnt und versucht, ihre Realität durch Instagram und andere Soziale Netzwerke zu verstecken. Sie haben eine Art amerikanischen Traum vorgelebt, andere haben mir schamlos ihre Realität gezeigt", so Elsa über ihr neues Fotografie-Projekt.


Auch auf i-D: Wir waren in mit Grace Neutral in Brasilien unterwegs


In diesem hat die Fotografin Porträts junger Brasilianer ihrem Zuhause gegenübergestellt. Dafür hat Elsa Screenshots von Google Maps verwendet und sich die Frage gestellt, wie Social Media selbst die verstecktesten und ärmsten Regionen beeinflussen kann, denen erst vor wenigen Jahren das Internet zugänglich wurde. "Ich habe eine Kluft zwischen ihrem echten und virtuellen Leben ausgemacht. Einige haben sich neue Identitäten aufgebaut, die das komplette Gegenteil zu ihren echten sind. Mit meinem Projekt möchte ich eine Diskussion darüber entfachen", erklärt Elsa die Beweggründe dahinter. Wir zeigen dir einige der Ergebnisse und haben die jungen Brasilianer auf Elsas Fotos gefragt, wie Social Media ihr Leben verändert hat.

Matheus, 22, São Paulo, Innenstadt

Macht Social Media dein Leben besser?
Natürlich macht es mein Leben einfacher als noch vor ein paar Jahren. So lernt man neue Leute kennen: sie fragen mich über mein Leben, nach meinen Hobbys und manchmal auch, ob wir abhängen oder was trinken gehen.

Wie beschreibst du dich offline und online?
Das ist ziemlich identisch. Wenn ich jemanden zum ersten Mal offline treffe, habe ich das Gefühl, dass eine Kluft zwischen dem herrscht, wie ich mich sehe und wie ich gesehen werde. Auf Instagram bin ich freier und kann exzentrische Kleidung tragen, weil es weniger Vorurteile gibt. Ich bin authentischer IRL.

@suehtham

Clarissa, 18, Serra Grande, Bahia

Kannst du dich in Sozialen Netzwerken freier ausdrücken?
Mir fällt es leichter, ja. Ich bin ziemlich introvertiert, wenn ich mit jemandem direkt Angesicht zu Angesicht sprechen muss.

Du lebst in einer sehr kleinen Stadt. Warum bist du auf Social Media?
Auch in kleineren Städten gibt es viel zu tun und Leute, mit denen man sich connecten kann. Ich networke und tausche mit anderen Informationen aus.

@clarissaignis

Fabricio, 20, Rocinha, Rio de Janeiro

Dealer nutzen immer häufiger Soziale Netzwerke, um Infos zu teilen und auf sich aufmerksam zu machen. Werden die Bandenkriegen in den Favelas durch das Internet schlimmer?
Natürlich wird es schlimmer! Jede Gang hat ihre eigenen gebrandeten Produkte und die Leute teilen die Fotos im Internet mit Hashtags. Es wurde zu einem Lifestyle.

Du bist Capoeira-Tänzer und möchtest den Kids in den Favelas die richtige Alternative zeigen. Nutzt du dafür auch Social Media?
Als ich jünger war, wollte ich nicht zur Schule gehen. Ich habe Zeit verschwendet und mich von den Älteren beeinflussen lassen, bis ich auf der Straße die Capoeira-Tanzschule gesehen habe — seit diesem Tag mache ich das. Sie hat mein Leben gerettet. Heute lehre ich an der Schule, reise dadurch viel und zeige auf den sozialen Plattformen, dass Kunst und Sport dein Leben bereichern können, ohne mit Risiken verbunden zu sein.

@fabricio_sabino

Antonio, 18, Maracaipe, Pernambouc

Womit kommunizierst du?
Ich bin gar nicht die krass vernetzte Person, wenn du das meinst. Am einfachsten und häufigsten benutze ich aber WhatsApp. Es geht nicht darum, anderen deine Identität zu zeigen, es ist nur einfach persönlicher. In Großstädten ist das vielleicht anders.

Merkst du Unterschiede, seitdem das Internet in kleineren Dörfern verfügbar ist?
Es ist wirklich etwas Neues. Das führt in kleineren Orten auch zu Spannungen.

Jocelma, 16, Maracaipe, Pernambouc

Hilft dir Social Media dabei, einfacher mit deiner Umwelt zu kommunizieren?
Dadurch, dass ich in einem kleinen Dorf lebe, kenne ich mehr oder weniger jeden. Ich kann mit Leuten auf Facebook befreundet sein, auch wenn ich nie mit ihnen spreche. Und so ist das im echten Leben auch.

Fühlst du überhaupt eine Verbindung zu den Big-City-Vibes in den sozialen Netzwerken?
Ich bin viel lieber draußen und da aktiv, als ständig im Internet zu sein wie die Leute in den Großstädten. Ich bin glücklich damit, was und wo ich das mache. Manchmal sehe ich zwar dadurch Events oder Dinge in den Städten, die mich interessieren, aber deswegen muss ich nicht gleich umziehen.

Robson, 24, Santa Teresa, Rio de Janeiro

Rio de Janeiro ist eine Stadt voller Gegensätze. Ist das in den Sozialen Netzwerken auch so?
Zwischen den Schichten herrschen immer noch krasse Unterschiede, aber die sozialen Netzwerke senken die Barrieren etwas ab. Ich komme aus einer Favela und habe Freunde aus der Oberschicht. Es kommt immer ganz darauf an, was du im Leben machst und aus welcher Favela du kommst. Im Internet fühle ich, dass es weniger Judgement gibt.

Versuchst du in deinem Alltag etwas gegen Vorurteile zu tun?
Ja, aber die täglichen Kämpfe dagegen sind schwierig und ermüdend — die Vorurteile haben sich tief in unsere Köpfe eingebrannt. Das Internet bietet einen tollen Ausweg, um Zugang zu freieren Dingen zu haben.

@robsqueir

Gabriel, 21, Arraial D'Ajuda, Bahia

Du bist umgeben von Natur, das kann sich sehr isolierend anfühlen. Was würdest du ohne das Internet machen?
Social Media war hier wie eine Lawine. Es hat Dinge einfacher gemacht. Aber manchmal blockiert das Internet meine Gedanken und ich habe keinen Kopf für die Natur. Ich versuche, mich nicht zu sehr davon abhängig zu machen. Die stärkste Verbindung, die man haben kann, ist mit der Natur selbst. Ich kann mir also gut vorstellen, wieder ohne das Internet zu sein.

Was hältst du von dem Leben auf Social Media?
Wir reiten heute alle die Welle. Ich bin bereit, die Regeln und die Tatsache zu akzeptieren, dass es jetzt Teil meines Lebens ist. Ich halte den Kontakt zu den Leuten, die ich kenne und die sozialen Netzwerke öffnen mir Türen zu einer anderen Welt.

@elsakostic