Honey Dijon gibt trans-Kultur eine Stimme

Dijon erklärt, was Mode mit Selbstachtung zu tun hat und warum wir mehr Sex auf der Tanzfläche brauchen.

von Mahoro Seward
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04 November 2019, 7:53am

Wenn du je eines der Sets von Honey Dijon gehört hast, weißt du, dass ihr Zugang zum DJing grenzenlos ist. Ihre emotionale-ernsthafte Mischung hat sie zu einer der derzeit beliebtesten DJs in der Modebranche gemacht. Dijons Stil bricht mit Genre-Grenzen und beschränkt sich nicht länger auf ihre musikalische Karriere: Bereits im Mai verkündet sie, dass sie zusammen mit Comme des Garçons an der neuen Modemarke, Honey Fucking Dijon, arbeiten würde.

"Jean-Michel Basquiat war nicht nur Maler, sondern auch DJ und Musiker. Damals hat noch niemand hinterfragt, wie sich Menschen zwischen verschiedenen kreativen Disziplinen bewegen, es wurde einfach angenommen, dass du das tust", erzählt Dijon i-D. "Wenn du ein_e Kreative_r warst, warst du ein_e Kreative_r." Die in Berlin lebende DJ verwandelte ihre erlebte Marginalisierung in kompromisslose Stärke. "Ich weigere mich, in Grenzen oder Limitationen zu denken. Wenn die Welt dir aus allen Richtungen nein sagt, denkst du: 'Scheiß drauf! Ich mache einfach, was ich will'", sagt sie. "Die Leute haben immer Angst davor, 'nein' zu hören, nicht akzeptiert zu werden, und ich denke, die Frage, die man sich stellen muss, ist: Von wem akzeptiert werden?"

Anlässlich des Launches von Honey Fucking Dijon haben wir uns mit Dijon getroffen und über Identitätsverwirklichung, Mode und ihre kulturelle Funktion gesprochen.

Wie kamst du eigentlich in Kontakt mit Mode?
Mode ist bereits seit meiner Kindheit Teil meines Lebens. Mein Vater interessierte sich sehr dafür, wie er sich kleidete und brachte meinem Onkel – er war Schneider in Chicago – häufig Teile, zum ändern. Wenn ich dort war, hatte er immer Kopien von GQ und Vogue herumliegen. Es war faszinierend für mich. Ich war wie Alice, die durch den Spiegel trat. Plötzlich umgeben vom Jet Magazine mit Grace Jones auf dem Cover, aber auch einfach von Schwarzen Menschen. Schwarze waren schon immer besonders um ihr Aussehen bemüht, es ist eine Möglichkeit, Macht zurückzugewinnen, sich schön zu fühlen, auch wenn die Welt dir nicht sagt, dass du es bist. Das war mein Eintritt in die Modewelt.

Wenn man unterdrückt wird, dient Mode häufig dazu, eine Identität auszudrücken, die man sonst nicht ausleben darf.
Es ist eine Geste der Selbstachtung, in dem Moment wo die Welt es nicht tut. Als ich mit dem Clubbing anfing, war Kleidung eine Möglichkeit zu kommunizieren, welcher Subkultur ich angehörte, welche Musik ich hörte, in welche Clubs ich ging: worauf ich kulturell ausgerichtet war. Aufgewachsen in der damals aufblühenden House-Kultur, in Chicagos schwarzer Schwulenszene, gab es ein Gefühl für Mode, als Mittel zur Verwirklichung der Identität, was ich so nirgends sonst finden konnte. Da die House-Musik von heute so kommerziell geworden ist, verbinden sie die meisten Menschen mit einem bestimmten Sound. Als ich jedoch House erlebte, war es ein Multi-Genre. Beeinflusst von Acid House von dem, was in New York mit den New Wave- und No Wave-Sounds entstand, und Electro-Pop aus Großbritannien.

Es gab all diese Einflüsse aus der Popmusik – Prince, frühe Madonna-Platten, frühe Punk-Platten von The Clash. Und Disco! Alle diese Elemente verschmolzen und beeinflussten, wie sich die Menschen kleideten. Die Kids zogen los, um Kleidung von europäischen Modedesignern wie Gaultier oder Gianni Versace zu stehlen, sie im Club zu tragen und hemmungslos vollzuschwitzen. Ein Paar Reiterstiefel, ein paar Reiterhosen und ein Versace-Pullover kennzeichneten dich als 'House'. Ebenso wie der Iro auf dem Kopf, der überdimensionale Blazer mit Sicherheitsnadeln und ein Bodysuit als Fortsetzung des Disco-Looks.

Es scheint, als würdest du aus einem sehr breiten Spektrum an Referenzen schöpfen, wenn es um Mode, aber auch um Musik geht ...
Das liegt daran, dass ich in so vielen verschiedenen Umgebungen war. Ich war bei Schwarzen schwulen Feten, war mit weißen schwulen feiern, bei Familienpicknicks, auf Undergroundpartys, Kellerpartys, in großen New Yorker Locations, großen englischen Clubs: ich war in jeder Art von Tanzraum, den du dir vorstellen kannst. Das beeinflusst, wie ich als DJ Musik präsentiere.

Wie hat das deinen Zugang zu der Modekollektion beeinflusst?
Ich sehe keine kulturelle Verbindung in der aktuellen Mode, kein Gefühl der Rebellion, auch nicht bei den Bewegungen für trans-Sichtbarkeit, #MeToo oder Black Lives Matter. Früher, zum Beispiel während der Frauenbewegung, kleideten sich Frauen freizügig um zu zeigen, dass sie keine Angst vor ihrer Sexualität hatten. In der Schwulenbewegung der frühen 90er Jahre, drückten sich die Menschen durch Shorts, Kampfstiefel und Caesar-Haarschnitte aus. Es gab immer eine visuelle Bildsprache, ein Gefühl für Kleidung, die auch ihren Wert als kulturelle Währung hatte. Heute habe ich das Gefühl, geht es nur noch darum, Produkte herzustellen, sie zu konsumieren und damit den eigenen Status zu untermauern.

Mit Honey Fucking Dijon wollte ich Mode schaffen, die kulturelle Aktualität und eine Beziehung zu dem hat, was ich als DJ mache. Alle Designs, zum Beispiel die Taschen, mussten einen Zweck haben. Sie mussten auch multifunktional sein – das USB-Gehäuse kann als Brieftasche fungieren, das Plattenetui als kleine Reisetasche und das Kopfhöreretui als einfache Clutch. Ziel war es, dass alle meine Sachen benutzen oder tragen können. Ich wollte etwas kreieren, das gut aussieht, Spaß macht und vor allem nützlich ist, sodass es nicht als verstaubtes Museumsstück in der Zimmerecke endet.

Was hat dir die Zusammenarbeit mit Comme des Garçons ermöglicht?
Ich wollte Musik, Mode und Kunst verbinden, indem ich mit queeren Designer_innen of colour zusammenarbeite. Es war eine Möglichkeit, meine Kultur in Mode zu übersetzen – was mir bisher fehlte. Es sind immer noch weiße, heteronormative Menschen, die darüber entscheiden, wie trans aussieht, wer in den Kampagnen erscheinen und über die Laufstege laufen darf. Trans-Menschen, queere Menschen und Schwarze Menschen erschaffen jeden Tag Dinge für sich selbst. Wir sollten längst in kreativen Positionen sitzen und auch hinter den Kulissen agieren, anstatt nur als Gesicht für die Kampagne von jemand anderem herzuhalten. Selbst wenn wir eigene Räume schaffen, werden sie kolonisiert und kommerzialisiert.

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Ich wollte auch das Thema der Grenzenlosigkeit in Bezug auf deine Arbeit ansprechen. Du bist ein ziemliches Universaltalent, arbeitest als DJ, Designerin, bist eine soziale Figur ...
Was für mich immer ganz komisch ist! Wenn du eine Schwarze trans-Person bist, dann bist du nie Teil von etwas. Du musst lernen, mit verschiedenen Arten von Menschen zu kommunizieren, um zu erklären, wer du bist. Ich habe mich immer wie eine Außenseiterin gefühlt, da ich mich nirgends einfügen konnte. Es gibt so viel Trans- und Homofeindlichkeit in der Schwarzen Kultur, so viel Transfeindlichkeit und Rassismus in der schwulen Kultur, einen Mangel an Vielfalt und Sichtbarkeit von Frauen, Schwarzen und trans-Personen in der Mode. Ich habe mich nie vollständig zugehörig gefühlt.

Die Tatsache, dass ich bezogen auf Hautfarbe, Geschlecht und sexueller Orientierung immer an einer Schwelle stehe, ist fundamental. Ich musste in all dem meinen eigenen Platz finden. Ich konnte anfangen mich in diesen Welten zu bewegen, als ich erkannte, dass es kein Spiegelbild von mir gibt. Somit war die einzige Person, die ich sein konnte, ich selbst. Ich denke, das ist, was die Leute sehen, wenn ich durch die verschiedensten Räume navigiere: Ich bin nur ich selbst und verändere mich nie für eine Situation, egal wie bürgerlich, underground oder unbedeutend sie ist.

Wenn du auf das heutige Publikum schaust, was fehlt?
Sex! Es ist nicht sexy, den DJ anzustarren oder das Telefon hochzuhalten, um den Moment zu dokumentieren. Die Menschen tanzen Schulter an Schulter und nicht von Angesicht zu Angesicht, wie bei einem Konzert. Den Partys fehlen Sex und Sinnlichkeit. Deshalb versuche ich, Partys zu kreieren, die diese Energie zurückbringen, denn am Ende des Tages sind Musik, Sex, Mode und Kunst alles kreative Ausdrucksformen.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kolleg_innen aus der UK-Redaktion.

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