ein exklusiver auszug aus dem interview von angelina jolie mit giles duley

Wir präsentieren einen exklusiven Auszug aus dem Interview von Angelina Jolie mit dem bekannten Fotojournalisten und Dokumentarfotografen Giles Duley, das im „Humanity Magazine“ erschienen ist. Sie sprechen darin über die Macht von Fotos und über seine...

von Humanity Magazine
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07 Februar 2017, 9:10am

Ich habe Giles Duley an dem Tag kennengelernt, an dem er mir Khouloud vorgestellt hat. Sie ist eine geflüchtete Mutter aus Syrien, die vom Hals abwärts gelähmt ist, nachdem sie von einem Scharfschützen angeschossen wurde. Sie lebt mit ihrem Ehemann und ihren Kindern in einem Flüchtlingscamp im Libanon. Ich weiß, dass jeder, der sie kennenlernt, komplett anders über Syrier und Geflüchtete denken und fühlen würde. Nur wenige werden die Chance haben, sie persönlich kennenzulernen, aber Giles Fotos stellen sie der Weltöffentlichkeit vor.

Viele Fotografen können die gleiche Kamera, das gleiche Licht oder den gleichen Frame verwenden. Was sie aber voneinander unterscheidet, ist die Seele der Person hinter der Kamera. Sie fangen andere Augenblicke ein und werden von Unterschiedlichem angezogen — die emotionale Verbindung, die sie aufbauen. Das liebe ich an Giles Fotografie. Wenn wir uns seine Fotos anschauen, können wir fühlen, was er in dem Moment gefühlt hat. Es ist nicht zu übersehen, dass er mit jeder Person auf der Welt eine tiefe Bindung eingeht. Mitgefühl entsteht dadurch, dass man selbst im Leben schon einmal Widrigkeiten erfahren hat. Giles Werke sind Werke des Mitgefühls.

Angelina Jolie: Du beschreibst dich selbst als „Geschichtenerzähler". Was inspiriert dich so sehr an Geschichten?
Giles Duley: Geschichten besitzen eine unglaubliche Macht. Ich verstehe sie nicht wirklich, aber sie verfügen über eine Magie, durch die wir die Welt verstehen. Seit den Anfängen der Menschheit erzählen sich die Menschen gegenseitig Geschichten; am Lagerfeuer, durch Höhlenmalereien, durch Bücher und Filme. Geschichtenerzählen gehört zu den Grundpfeilern unserer Kultur und unserer menschlichen Existenz. Ich stehe in dieser Tradition. Ich bin kein Journalist, ich stütze mich nicht auf Fakten und Informationen. Mich interessiert unsere Empathie für einander und die Kleinigkeiten im Leben, die uns miteinander verbinden.

Angelina Jolie: Du erzählst Geschichten, um bei deinem Publikum die Wahrnehmung und Emotionen zu schüren. Aber verändern dich die Geschichten selbst auch?
Giles Duley: Meine Geschichte lebt in den Geschichten von anderen. Diese Arbeit ist mein Leben und natürlich beeinflussen mich die Geschichten sehr. Ich kenne viele, die ich fotografiere, seit vielen Jahren. Sie sind meine Freunde. Ich kann manchmal nicht schlafen, weil ich weiß, wie es ihnen geht und weil ich auch weiß, dass ich nicht genug getan habe. Aber diese Arbeit gibt mir auch sehr viel. Die Erfahrungen und Freundschaften bringen mich zum Lachen und zum Weinen. Ich habe viel mehr bekommen, als ich gegeben habe.

Angelina Jolie: Du hast ein Jahr lang in Europa und im Nahen Osten die Flüchtlingskrise dokumentiert. Was hast du in dem Jahr gelernt, das du nicht erwartet hast?
Giles Duley: Seit mehr als zehn Jahren dokumentiere ich Auswirkungen von Konflikten auf die Zivilbevölkerung, was ich nicht erwartet habe: dass ich in Europa von diesen Geschichten berichten würde. Das klingt jetzt vielleicht banal, aber ich war auf Lesbos und habe Afghanen, Syrer und Iraker getroffen, die vor Kriegen in ihren Ländern fliehen und die an Europas Grenzen Schutz suchen. Da habe ich begriffen, wie klein und miteinander verwoben unsere Welt wirklich ist. Mich hat Europas Reaktion oder besser gesagt das Nichtstun darauf schockiert. Das war eine Schande.

Angelina Jolie: Deine Fotos sind sehr emotional. Du zeigst die Leute so, wie sind und nicht so, wie sie die Welt gerne darstellt. Sie sind keine „Opfer" oder „Flüchtlinge", sondern einfach Menschen wie wir. Warum ist es dir so wichtig, die Familien, die durch diese Konflikte betroffen sind, zu zeigen?
Giles Duley: Ich habe darüber nie groß nachgedacht, so arbeite ich eben. Für mich sind alle gleich, egal was für einen Status sie haben, welche Religion sie ausüben, aus welchem Land sie kommen. Was ich sehe, ist Menschlichkeit. Wo immer ich auch war, sind die Hoffnungen und Träume der Menschen überall die gleichen: Sie möchten ihre Familien beschützen, ihre Kinder sollen gut ausgebildet werden und Angehörige sollen medizinisch behandelt werden, wenn sie krank sind. In gewisser Weise ist die Kamera etwas komplett Demokratisches: sie urteilt nicht über andere oder steckt sie in eine Schublade. Vor der Kamera sind alle Menschen gleich.

Das ganze Interview findest du auf Englisch unter citizensofhumanity.com

Credits


Fotos: Giles Duley/UNHCR

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