es war einmal: die märchenhafte geschichte von fendi und karl lagerfeld

Eines ist doch in der Modewelt mit ihrer Tendenz, dass Personen schnell kommen und noch schneller gehen, erstaunlich: Karl Lagerfeld ist seit über 50 Jahren ununterbrochen Creative Director bei Fendi. 2016 hat das italienische Label seinen 9...

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12 Januar 2017, 12:20pm

Angesichts des Wintereinbruchs im Norden Europas versteht man vielleicht ein bisschen besser, warum einige der berühmtesten Märchen auf der Welt hier entstanden sind. Ein Ausweg aus den langen und kalten Winter war schon immer die Fantasie, wie die Gebrüder Grimm in Deutschland oder Hans Christian Andersen in Dänemark gezeigt haben. Das sind die fantastischen Geschichten, mit denen Karl Lagerfeld in der Nähe der dänischen Grenze in den 1930ern aufgewachsen ist. Deutschland litt unter den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und dunkle Wolken zogen am politischen Himmel auf, die Weimarer Republik ging ihrem Ende entgegen. Der junge Karl Lagerfeld hat damals die schaurig-schönen Märchen von Selma Lagerlöf gelesen, hat seine glamouröse Mutter beobachtet und hat sich in seine Fantasiewelt geträumt. Heute ist der deutsche Designer der Kaiser dieser Welt, der Modewelt. Mittlerweile ist er 83 Jahre alt und immer noch im operativen Geschäft, ein Zeugnis seines Talents und seines Charakters, nicht ohne Grund ist er der Hohepriester der Modewelt. Lagerfeld würde das selbst nie so sagen, dafür ist er zu bescheiden. Seine Stärke ist sein Wille, Dinge zu reformieren und Neues zu wagen und nicht krampfhaft am Alten festzuhalten.

„Mich interessiert, was gerade im Moment passiert und nicht was in der Vergangenheit passiert ist. Ich schaue mir nie die Archive an. Ich hasse Archive", sagt er 2015 in einem Interview mit der Financial Times, ein Gespräch, das zu seinem 50. Jubiläum als Creative Director von Fendi stattgefunden hat. 2016 war ein wichtiges Jahr für ihn und das italienischen Modehaus. Zusammen mit Silvia Venturini Fendi, deren Familie Karl Lagerfeld 1965 den Job angeboten hat, war er mit den Festlichkeiten zum 90-jährigen Jubiläum des römischen Modehauses betraut. Während nördlich der Alpen noch das tiefste Mittelalter herrschte, blühte in Italien die Renaissance und mit ihr die Künste, eine Märchenwelt braucht man da nicht. Doch dieses Mal wandte sich Lagerfeld dann doch der Vergangenheit zu: seinen mitteleuropäischen Wurzeln und die Märchen, mit denen er großgeworden ist. „Die skandinavischen Märchen spiegeln auf gewisse Art und Weise die Stimmung in meiner Kindheit wider", so der Modedesigner über die Referenzen in der Haute-Couture-Kollektion, die Fendi im Juli letzten Jahres in Rom präsentiert hat. Passend zu der Märchensammlung Östlich der Sonne und westlich des Mondes, die 1914 in einer Ausgabe mit Illustrationen von legendären Künstler Kay Nielsen erschienen ist, hat Karl Lagerfeld eine wunderbare Kollektion entworfen, eines märchenhaften Königreiches würdig.

Eine durchsichtige Brücke über den bekanntesten Brunnen der Welt spannen zu lassen? Wenn das kein Märchen ist, dann weiß ich auch nicht, was ein Märchen sein soll.

Könnte es sein, dass Karl Lagerfeld hier einen seltenen Anfall von Nostalgie verspürt hat? Die kurze Antwort: nein. Trotz seiner Kindheitserinnerungen, war das Fendi-Spektakel kein Tribut an das Werk des Designers, sondern eine Manifestation seiner überragenden Fähigkeiten. Zwar gibt das gleichnamige Label Lagerfeld, aber sein Lebenswerk ist seine Führung von zwei der bekanntesten und ehrwürdigsten Modehäuser, Fendi und Chanel. Karl Lagerfeld hat das Überleben beider Häuser auf Jahre hinaus gesichert. Nicht unähnlich zu wirklichen Königen und Königinnen, die geboren wurden, um ihre Häuser und die Monarchie zu sichern, eben nur mit dem feinen Unterschied, dass Lagerfeld so politisch sein kann wie er will, und dass er viel besser bezahlt wird. In diesen unsicheren Zeiten in der Modewelt, in der Kreativdirektoren nur ein paar Saisons für die großen Häuser arbeiten, ist sein ununterbrochenes Stehen an kreativen Spitze von Fendi für mehr als 50 Jahre außerordentlich. Das macht ihn in einer Welt des Wechsels zum Kaiser.

Da verzeiht man es ihm sehr gerne, wenn die großen Jubiläen, wie die von Fendi oder sein eigenes, mit Grandezza begangen werden. Schließlich ist Lagerfeld bekannt dafür, dass er kein kleines Ego hat. „Ich möchte mal ein internationales One-man-Phänomen sein", sagt er mal wie ein römischer Cäsar. Für das 90-jährige Jubiläum von Fendi hat er sich etwas besonders ausgedacht und Träume wahrgemacht. Er ließ Roms berühmtesten Brunnen, den Trevi-Brunnen, mit einer Brücke aus Plexiglas überspannen. Dank einer großzügigen Spende von Fendi konnte der weltbekannte Brunnen restauriert werden und erhielt seinen alten Glanz zurück. Die Models schienen über dem Wasser zu schweben und am Ende der Fashionshow, die diesen Namen auch wirklich verdient hat, verbeugte Karl Lagerfeld sich Arm in Arm mit Silvia Venturini Fendi. „Ich habe mir in meinen wildesten Träumen nicht vorstellen können, dass so etwas möglich ist", sagte er im Anschluss. „Eine durchsichtige Brücke über den bekanntesten Brunnen der Welt spannen zu lassen? Wenn das kein Märchen ist, dann weiß ich auch nicht, was ein Märchen sein soll."

Lagerfeld würde es wohl auch nicht stören, wenn man es Megalomanie nennt. „Ich bin sehr bodenständig, eben nur nicht in dieser Welt", sagte er mal. In einem Zeitalter, in dem von einem Monarchen vor allem Zurückhaltung verlangt wird, ist Lagerfeld der Rebell. Mit 83 Jahren ist er provokativer als die meisten seiner jüngeren Designerkollegen. Er hat Fendis 90. Geburtstag in einem genialen Twist für ein Exempel genutzt: Aus der Feier für das Haus hat er eine Demonstration jugendlichen Denkens gemacht. Das führte er in der Fashionshow der Ready-to-wear-Kollektion für die Saison Frühjahr-/Sommer 2017 im September fort und hat uns gezeigt, wie Rebellion heutzutage aussehen kann: Referenzen an die Opulenz von König Louis XVI, den König, den die Franzosen kurzerhand köpften. Diese fantastisch opulente Kreationen war auch von Italien beeinflusst: „Vergessen Sie nicht, dass die Königin von Neapel die Schwester von Marie-Antoinette war," sagte er backstage. Und wie könnte man das auch?

Fendi hat 2016 bewiesen, welchen kulturellen Stellenwert das Modehaus für Rom, für Italien und für die ganze Modeindustrie hat. Es kann besser als die meisten anderen Häuser, Traumwelten umzusetzen. Und Kaiser Karl hat gezeigt, welche Funktion er in der Modeindustrie innehat. Er ist die letzte Galionsfigur der Branche—ein Titel, der ihm sicherlich zu sentimental ist. „Warum sollte ich mit dem Arbeiten aufhören?", hat Lagerfeld mal einen Journalisten gefragt. „Wenn ich damit aufhören werden, dann werde ich tot sein. Alles hat ein Ende." Das beste Beispiel für seinen Ethos war die Reaktion auf die Dankesworte von Fendi CEO Pietro Beccari bei dem Dinner nach der Haute-Couture-Show: „Wir müssen jetzt an den 100. Geburtstag denken!"

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Credits


Text: Anders Christian Madsen
Fotos: Matteo Montanari
Übersetzung aus dem Englischen: Michael Sader
Styling: Emilie Kareh
Haare: Marki Shkreli / Tim Howard Management verwendet Marki Hair Care
Make-up: Georgi Sandev / Streeters verwendet M.A.C. 
Fotoassistenz: Leonardo Ventura, Melanie Smith
Digitaltechnik: Diego Sierralta
Stylingassistenz: Omar Thomas
Producer: Gaby Schuetz
Produktion: Select Services
Model: Selena Forrest at Next
Selena trägt Fendi.