diese künstlerin verarbeitet ihren frust und ihre traurigkeit in teuflischen illustrationen

Dadurch hat die junge Künstlerin Polly Nor mittlerweile fast 400.000 Instagram-Follower gefunden.

von Niloufar Haidari
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30 Januar 2017, 11:30am

A Real Woman

Polly Nor ist Illustratorin und kommt aus dem Nordwesten Londons. Sie ist vor allem im Netz für ihre bunten Zeichnungen von nackten Frauen und Teufeln bekannt. Ihre Arbeiten zeigen, was weibliche Sexualität und Frausein im Internet-Zeitalter bedeuten — und das mit ihrer ganz eigenen Art von Humor. Mittlerweile hat sie fast 400.000 Instagram-Follower, einen Online-Shop und hat mit Andy Baker an einem animierten Musikvideo zusammengearbeitet. Sie ist gerade dabei ihr erstes eigenes eigenen Buch fertigzustellen, entwirft ihrer ersten Modekollaboration und hat bald ihrer ersten Soloausstellung. Wir wollten mehr über sie wissen und haben der jungen Kreativen ein paar Fragen gestellt.

Wie sieht dein kreativer Prozess aus?
Ich setze mich hin und versuche, das zu visualisieren, das ich gerade in dem Augenblick fühle. Meistens zeichne ich die Grundzüge meiner Charaktere noch wirklich mit einem Bleistift, danach dann das ganze Bild, scanne es ein und male es digital aus.

Wie würdest du deine Ästhetik beschreiben?
Ich arbeite mit viel Farbe, besonders mit Pastelltönen und kräftigen Grüntönen. Für die Teufelinnen verwende ich viel Rot. Die Popkultur inspiriert mich und die Arbeiten wirken oft surrealistisch. Ich habe sehr lebendige Träume und ich wache auch meistens fertig auf, weil ich in der Nacht davor so viel wirres Zeug geträumt habe. Das versuche ich dann, auf meine Arbeiten zu übertragen. Deshalb mixe ich Alltagsszenen mit unlogischen und manchmal nervenaufreibenden Situationen.

Was sind die drei Emotionen, die deine Arbeiten am meisten beeinflussen?
Frustration, Angst und Traurigkeit. Wenn alles so vor sich dahinplätschert, ist es schwieriger etwas zu zeichnen.

Was ich besonders toll an deinen Zeichnungen finde, ist die Vielfalt der jungen Frauen, die du zeigst. Ist das eine bewusste Entscheidung?
Ja, die zeichne ich bewusst so, weil ich eine große Vielfalt bei den Charakteren wichtig finde. Außerdem ist es so doch viel interessanter. Ich stelle mir vor, wer sie sind, was ihre Geschichte ist, was sie denken und wie sie sich fühlen. 

Too Good for You

Wer inspiriert dich?
Mich haben junge Mädchen schon immer interessiert. Als Kind habe ich sie überall gezeichnet und gemalt. Meine Vorbilder waren damals Miss Van und Fafi. Beide sind bekannt für ihre süßen und sexy weiblichen Graffiti-Charaktere. Mittlerweile sind sie nicht mehr so meins, aber damals war ich von ihnen regelrecht besessen. Frida Kahlo hat heute einen größeren Einfluss auf mich. Durch sie habe ich mich inspiriert gefühlt, durch meine Kunst meine eigenen Gefühle zu zeigen. Ich bin ein großer Fan von Nina Chanel Abney, Andy Baker, Monika Kim Garza, Celeste Mountjoy, Chris The Simpsons Artist, Juno Calypso, Brecht Vandenbrouke, Tschabalala Self und Claudia Maté.

Wofür stehen die Teufel?
Für mich sind sie ein Produkt der Vorstellungskraft der jeweiligen Figur. Ich nutze sie, um die innere Unruhe der Frau zu zeigen, sozusagen eine teuflische Repräsentation ihrer Frustrationen, ihrer Ängste und ihres Verlangens.

Deren Bedeutungen sind ja ziemlich mehrdeutig und unterscheiden sich von Illustration zu Illustration. Man weiß nicht, ob der Teufel eine eigene Figur ist oder doch die junge Frau ist — Ist sie eine böse Person mit guten Absichten oder eine gute Person mit einer bösen Seite. Ist diese Dichotomie etwas, das deine Arbeiten beeinflusst?
Ich glaube, dass jeder diese beiden Seiten und Widersprüche in sich trägt. Mich interessiert, wie man seine eigene Identität sieht. Social Media spielt dabei eine große Rolle. Die Art und Weise, wie sich junge Menschen in den sozialen Netzwerken eine Idealvorstellung ihrer selbst zimmern. Sie verwenden andere Namen, posten Selfies mit Filtern und zeigen sehr ausgesuchte Highlights ihrer zwischenmenschlichen Begegnungen. Damit bauen wir eine Parallelidentität unserer Selbst auf. Diese Gedanken und diese Angst dahinter beeinflussen mich besonders. Ich konzentriere mich dabei auf die Seiten unserer Persönlichkeit, die wir nicht so gerne im Internet zeigen: die dreckigen, die chaotischen und die unvollkommenen Aspekte, die uns aber erst zu Menschen machen.

Stuck on You

Selbstliebe scheint ein wichtiges Thema in deinen Arbeiten zu sein, sowohl in Bezug auf Masturbation (The Devil Wears Nada) über Akzeptanz bis hin zu Intimität (Don't Care What They Think). Kannst du uns darüber etwas mehr erzählen?
In unserer Kultur wird die weibliche Sexualität nach wie vor übersehen. Die Mainstreammedien sagen Frauen ständig, dass sie attraktiv aussehen müssen, wie sie im Bett sein müssen oder wie sie andere befriedigen sollen. Aber nur ganz selten stehen mal unsere tatsächlichen Gefühle, unsere Fantasien im Vordergrund. Für mich ist es deswegen auch wichtiger, die Gedanken und das Verlangen der Charaktere in den Vordergrund meiner Zeichnungen zu stecken, anstatt mir Gedanken darum zu machen, ob sie attraktiv wirken. Ich zeichne die Figuren am liebsten, wenn ich alleine zu Hause bin und keiner da ist, der sie beurteilt. Dann kann ich die Seiten zeigen, in der es um sie geht, wo sie ihre Grundbedürfnisse und Trieben stillen können und nicht an andere denken müssen.

Leute tätowieren sich deine Zeichnungen auf ihren Körper. Wie findest du das?
Ich finde es cool, dass sich Leute so sehr mit meinen Zeichnungen verbunden fühlen und sie sie sich tätowieren lassen. Das ist das größte Kompliment, das man bekommen kann. Es sind aber so viele in letzter Zeit geworden, dass sie nicht mehr alle auf Instagram posten kann.

Was möchtest du dieses Jahr erreichen?
Ich möchte endlich mal chillen! Die letzten Jahre waren großartig, aber ich hatte auch so viel zu tun. Ständig arbeite ich oder denke an die Arbeit, das ist nicht mein natürlicher Zustand, weil ich normalerweise unglaublich faul bin. Meistens richte ich Out-of-office im E-Mail-Programm ein und schalte die Benachrichtungen auf dem Handy ab. Außerdem habe ich die Faustregel, dass ich nach 22 Uhr nicht mehr im Internet hänge, die ich aber jeden Tag wieder aufs Neue breche.

@pollynor

Credits


Text: Niloufar Haidari
Illustrationen: Polly Nor