​wie geht die kunst mit politischen und gesellschaftlichen problemen um?

Wir waren bei der Eröffnung der Biennale in Venedig und haben uns den deutschen Pavillon näher angeschaut. Mit Arbeiten von Jasmina Metwaly, Philip Rizk, Olaf Nicolai, Hito Steyerl und Tobias Zielony geht es in der Fabrik, wie der Pavillon dieses Jahr...

von Moritz Gaudlitz
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11 Mai 2015, 10:00am

Hito Steyerl, Factory Of The Sun

Vergangene Woche wurde Venedig zum 56. Mal zur Hauptbühne der internationalen Kunstwelt. Unter dem Titel „All The World's Futures" präsentiert Kurator Okwui Enwezor, wie auch die Kuratoren der Länderpavillons eine Biennale, die höchst politisch und sehr abwechslungsreich ist. Wie geht die Kunst mit den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Problemen und Themen um? Wie wird Technologie und zugleich geistiges Wissen eingesetzt, um eine Veränderung zu erzielen? Wie schafft es die Kunst, über menschlichen, sozialen und politischen Entwicklungen zu stehen und Exkurse darüber entstehen zu lassen.

Der deutsche Pavillon diente schon oft als künstlerischer Raum der nationalen Geschichte und Identität. Dieses Jahr ist er inhaltlich und in seiner Architektur modifiziert worden. Durch den Haupteingang des monumentalen Baus kann man nicht eintreten. Nur über eine sehr enge Seitentreppe steigt man hinauf. Hinauf auf eine Ebene, die es eigentlich nicht gibt. Ein Spanplatteneinbau, eine Raum-in-Raum Konstruktion, hat aus dem mächtigen Pavillon eine Kunstwerkstatt mit verschiedenen Produktionsstätten gemacht. Das Erdgeschoss wird zum Keller und das Dach zu einer von Kunst bespielten Ebene, die man nicht begehen kann. „Fabrik" heißt der Pavillon in diesem Jahr, den der Fotohistoriker Florian Ebner vom Museum Folkwang kuratiert. Die Künstler Jasmina Metwaly, Philip Rizk, Olaf Nicolai, Hito Steyerl und Tobias Zielony verwandeln den Pavillon in eine Fabrik von produzierenden Bildern, die die Wirklichkeit verändern will. Und sie alle tragen zur politischen Dimension der Biennale bei. Denn hier geht es um Eisernes und Aktuelles der Politik: Waffen, NSA, Deutsche Bank und Flüchtlinge.

Tobias Zielony Installationsansicht 

Tobias Zielony präsentiert im Zwischengeschoß des Pavillons seine Arbeit The Citizen. Auf großformatigen Fotografien zeigt er afrikanische Flüchtlinge, die in Deutschland angekommen sind und versuchen, als politische Subjekte in Deutschland wahrgenommen zu werden. Die Fotos hängen an den Wänden und greifen das Layout von Zeitungen auf, Texte fehlen zwischen den Bildern. Diese befinden sich in großen Schaukästen in der Mitte des Raumes, verfasst von afrikanischen Autoren und Journalisten. Daneben stapeln sich gedruckte Zeitungen, die die Besucher mitnehmen können. Anders als eben Zeitungen und andere fotojournalistische Medien, zeigen Zielonys Arbeiten zwar die Realität über Flüchtlinge in Deutschland und nicht nur an den Außengrenzen der „Festung Europa", die Aussagekraft der Bilder, wie auch die räumliche Gestaltung des neu geschaffenen Raumes sind jedoch nicht bahnbrechend.

Jasmina Metwaly und Philip Rizk „Draw It Like This"

Die beiden in Kairo lebenden Künstler Jasmina Metwaly und Philip Rizk zeigen in zwei Nebenräumen des Pavillons eine Film- und Soundinstallation sowie eine skulpturale Arbeit. In Draw It Like This erzählen die beiden Künstler die Privatisierung einer ägyptischen Fabrik nach. Mit einer neoliberalen Haltung kritisieren sie in einem Film die Übernahme der Arbeiterfabrik durch private Investoren. Dafür luden sie Arbeiter auf eine Kairoer Dachterrasse ein und improvisierten ein Szenario mit den Akteuren. Für die skulpturale Arbeit im Seitentrakt wurden Bodenfließen des Kairoer Dachs verlegt. Die Fließen bilden die Grundrisse der imaginären Fabrik ab.

Hito Steyerl Installationsansicht

Um die Arbeit von Hito Steyerl zu sehen, muss man Treppen steigen. Und das, obwohl sich ihre Videoinstallation Factory Of The Sun im Erdgeschoß des Pavillons befindet. Erdgeschoss, Keller, Links, Rechts, Mitte? Man weiß es nicht, denn bereits bei Betreten des Raumes verliert man die Orientierung. Nur dass man aber nun im Herzstück, im Zentrum des Pavillons angekommen ist, das weiß man. Ein großer, schwarzer Raum, der durch ein blaues Neon-Leuchtraster zum Motion Capture Studio wird. Man befindet sich in einem 3-D-Rendering-Raum, in dem auf einer großen Leinwand, ein 23-minütiger 3D-Videospiel-Techno-Virtual-Reality-Tanzfilm läuft. Und dann geht es auch noch um Dronen der Deutschen Bank? Was genau in dieser wahnsinnigen Bilderflut und dem technisch einwandfreien Videospiel-Film-Hybrid passiert, vergisst man, da das Licht im Raum zum Träger der Information, von Körpern und Werten wird. Und auch wenn man es sich in einer der Sonnenliegen vor der Leinwand bequem macht, deren Banalität in diesem virtuellen Raum offensichtlich ist, taucht man schnell ein in den starken Bilderwahnsinn und erkennt sich selbst als virtuelles Wesen, als Videospielcharakter in einer transparenten, von NSA und Drohnen überwachten Internetwelt. Steyerls Arbeit ist anspruchsvoll und signifikant für eine Welt, in der digitalen Absurditäten und die ständige Überwachung Überhand nehmen.

Olaf Nicolais Giro 

Treppe hinauf, Treppe wieder hinunter, man verlässt den Pavillon mit jeder Menge Fragen. Muss ich mich für die Flüchtlinge verantwortlich fühlen? Bin ich Schuld an der Privatisierung der Fabrik in Kairo? Der deutsche Pavillion überflutet uns mit Bildern, viel Politik, vielen Räumen und wenig Zusammenhang. Und bei aller Ironie findet parallel auf dem Dach des Pavillons ein weiterer Beitrag statt: Olaf Nicolais Arbeit Giro. Drei Personen halten sich unsichtbar auf dem Dach des Pavillons auf und treten nur manchmal an den Rand des Gebäudes: Um Bumerangs zu werfen, die auf dem Dach produziert werden. Es wird nach der ideellen Flugbahn gesucht. Wie in der Politik. Man bemerkt sie nur am Rande. Auch wenn scheinbar ideelle Wege gefunden werden, steht man am Ende doch wieder am Anfang. 

@Biennale 

Credits


Text: Moritz Gaudlitz 

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