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gedanken über zeit und raum von kara-lis coverdale

i-D Staff

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Die kanadische Musikerin hat Ende März ein Wochenende im Berliner Kraftwerk bei „The Long Now“ im Rahmen des Festivals MaerzMusik verbracht und teilt mit uns ihre Gedanken über das Phänomen Zeit.

Wenn ich durchs Kraftwerk laufe, denke ich meistens an die Zeit und wie wir uns durch sie bewegen. Ich frage mich, ob die Zeit geradlinig verläuft. Ist sie begrenzt? Ist sie weit? Kurz? Röhrenförmig? Ich beschließe letztlich, dass sie ein großes Loch ist.

Alvin sitzt und nimmt den Klang seiner Stimme im Raum auf, so weit bis sie unkenntlich wird. Ich stelle mir vor, dass das — hypothetisch gesehen — den Klang einer Seele repräsentiert, die sich durch den Raum bewegt und entwickelt. Oder ist es der Klang von Alvin selbst, der durch ein nie endendes Loch fällt? Vielleicht wie in einer Spirale? Das war Alvin, der zwischen einem Medium und einem Raum in der Unendlichkeit gefangen ist. Ich werde mir plötzlich über die Grenzen des Stückes bewusst; dass wir einer Erinnerung aus der Vergangenheit beiwohnen und sie neu durchleben. Ich weiß das, weil wir jetzt poly-medial sind. Ich denke über Container in Containern in Containern nach. Wir sind jetzt Trans-Container. Ich bewege mich selbst zu klanglichen Artefakten der Evolution. Sie sind verführerisch und rhythmisch. Ich denke daran, wie aus einem Material ein anderes wird, während ich gleichzeitig an technische und chemische Veränderungen denke. Ich denke daran, wie mehrere Stimmen zu einer verschmelzen, auch wenn die an verschiedenen Orten in ihrem Kontinuum sind. Als Alvin gleichzeitig vor uns mutiert und vor uns verschwindet, verwandeln sich Sätze zu Linien, Linien werden zu Wellen, Wellen zu Pulsen, Pulsen zu Tönen und Töne zu Luft. Das Leben im Raum verläuft nicht linear.

Wenn Elektrizität reisen könnte, würde sie immer den kürzesten Weg nehmen. Man kann also sagen, dass Dinge, die unter Strom stehen, bequem oder effizient sind, wenn man es so betrachtet. Strom tötet. Weil er töten kann, schüchtert er ein. Er ist gefährlich. Er versetzt uns in Staunen. Er beinhaltet Neues, Freude und die Vergangenheit. Er sorgt für Emotionen. Er ist der beste Freund, auf den wir angewiesen sind. 

@kara-lis-coverdale

Credits


Texte und Fotos: Kara-Lis Coverdale