Fotos: über Erika Lust

Erika Lust will, dass wir aufhören, Angst vor unserer Sexualität zu haben

"Leider leben wir immer noch in einer Gesellschaft, die uns weismachen will, dass nur die männliche Lust zählt und dass etwas mit uns falsch ist, wenn wir nicht einfach durch reine Penetration kommen."

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27 Juli 2017, 8:30am

Fotos: über Erika Lust

Seit über einem Jahrzehnt gilt Erika Lust als Vorreiterin des neuen Genres Indie-Porno, in dem sexuelles Verlangen und Fantasie durch den weiblichen Blick gezeigt wird. Allen Abgesängen von (meist) männlichen, älteren Kollegen zum Trotz, hat sie sich über die Jahre eine Fangemeinschaft aufgebaut, die die sinnliche Qualität ihrer Filme schätzt und sich nicht mehr mit dem Pornoangebot, bei dem Frauen nur für die Befriedigung männlicher Lust da sind, zufriedengeben will. 2013 gründete die Schwedin ihr Projekt Xconfessions, in der User ihre Vorstellungen einsenden können, die von Erika dann filmisch umgesetzt werden. Gerade eben hat sie ihre neuste Plattform ThePornConversation.org ins Leben gerufen, die Eltern helfen soll, ihre Kinder auf Pornografie vorzubereiten. Heute ist Erika Lust aus der Pornoindustrie nicht mehr wegzudenken und hat es sich mit jedem Film zur Aufgabe gemacht, die Stigma rund um Sex und Porno immer weiter aufzuheben.


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Anlässlich ihrer Events zusammen mit der Berlin Film Society und ihrem Talk während des Tech Open Airs haben wir die quirlige Schwedin zum Gespräch über die Verbindung zwischen Sex und Scham, die Bedeutung einer Plattform wie ThePornConversation.org und ihre Mission, Frauen in der Erotikfilmindustrie zu fördern, getroffen.

Wir müssen endlich aufhören, Sex mit Scham zu behaften
"Das Wichtigste ist, dass wir aufhören zu denken, dass Sex und Pornografie etwas Schlechtes und etwas mit Scham Behaftetes ist. Wir müssen verstehen, dass Sex und Pornografie nicht das gleiche sind. Pornografie ist eine fiktive Idee von Sex, in der Männer als penetrierende Maschinen dargestellt werden, die immer und immer weitermachen, während Frauen benutzt werden. Das hat nichts mit der Realität zu tun. Unsere Gesellschaft ist immer noch von einer Angst vor ihrer eigenen Sexualität durchfressen. Ich denke, dass guter Porno dem entgegenwirken kann. Es kann sehr hilfreich sein, anderen Menschen beim Sex zuzuschauen und zu beobachten, welche Verbundenheit zwischen ihnen herrscht; zu sehen, dass meine Gedanken, doch nicht so dunkel sind, wie ich immer geglaubt habe."

In der Mainstream-Pornografie gibt es einen Trend zu immer mehr Aggression
"Leider leben wir immer noch in einer Gesellschaft, die uns weismachen will, dass nur die männliche Lust zählt und dass etwas mit uns falsch ist, wenn wir nicht einfach durch reine Penetration kommen. Das wird durch gängige Pornos noch mehr bestärkt. Die sind einfach grottig. Sie haben schlechte Werte, vermitteln ein falsches Bild von Sexualität, sind rassistisch, sexistisch und chauvinistisch. Außerdem beobachte ich einen Trend, dass die Sprache in Pornos immer aggressiver wird – vor allem Frauen gegenüber. Die Bilder werden immer härter."

Gleichzeitig wächst die Indie-Pornoindustrie immer weiter
"Die Indie-Pornoindustrie wird immer größer. Es gibt immer mehr Regisseure, die eben nicht die typisch weißen Cis-Männern sind, die große Brüste und Ärsche lieben. Diese neue Diversität ist die Zukunft. Deshalb habe ich auch meine Plattform für andere Filmemacher geöffnet, um einen Ort zu schaffen, an dem man alle diese Filme finden kann, und produziere auch Filme von anderen Kreativen. Bruce LaBruce hat zum Beispiel einen Film gedreht, den ich auch hier in Berlin zeigen werde."

Frauen im Film müssen gefördert werden
"Wenn man Frauen die Möglichkeit gibt, Filme über Sexualität zu drehen, sieht man die Unterschiede einfach. Die Art der Bilder, der Fantasien, die Intimität, die weibliche Lust und die Verbindung zwischen den Protagonisten ist ganz anders in Mainstream-Pornos. Als ich begonnen habe, wurde mir ständig von Männer gesagt, dass ich das gleich bleiben lassen soll, weil es sowieso niemanden interessiert. Sie glauben immer doch, dass Männer mehr können als Frauen und dass man das Niveau senken muss, um auch uns einen Platz zu geben. Was einfach nicht stimmt."

Durch ihre Arbeit ist sie auch in ihrer eigenen Sexualität sicherer geworden
"Als ich begonnen habe, war ich noch nicht so sicher mit mir selbst, wie ich es jetzt bin. Zu Hause haben wir nie wirklich viel über Sex gesprochen. Meine Mutter konnte nicht so gut mit dem Thema umgehen. Heute bin ich von vielen sex-positiven Menschen umgehen, die selbstbewusst mit ihrer Sexualität umgehen, dass ich mich selbst stärker fühle. Sex braucht Zeit. Zeit um dich selbst und deinen Körper kennenzulernen, Zeit um deinen Partner und seinen Körper kennenzulernen und dann zu sehen, wie ihr zwei zusammenpasst. Außerdem dauert es, bis man gut dabei wird. Einfach ausprobieren."

ThePornConversation.org soll Eltern helfen, ihre Kinder auf Pornografie vorzubereitenThePornConversation.org ist eine Onlineplattform, die Erika vor Kurzem zusammen mit ihrem Mann Paolo ins Leben gerufen hat. Zusammen wollen sie Eltern mit Hilfe von Artikeln, Videos und Guides für verschiedene Altersgruppen aufklären, wie sie am besten mit ihren Kindern über Pornografie sprechen können: "Wir haben die Plattform gestartet, weil wir gemerkt haben, dass es viele Eltern gibt, die so tun, als würde es Pornografie nicht geben. Heutzutage tragen wir prinzipiell Pornos auf unserem Handy immer in der Hosentasche mit uns herum. Du kannst überall auf Filme zugreifen, das war vor 10 Jahren noch nicht so. Wir müssen die jüngeren Generationen darauf vorbereiten, dass sie Pornos sehen werden. Und wir müssen ihnen helfen, kritisch darüber nachzudenken."

Das nächste Event der Berlin Film Society findet am 28.07 in Berlin statt. Zu sehen gibt es Filme von Nan Goldin und David LaChapelle. Alle Informationen findest du hier.