wie man sich als schwarze frau bei der make-up-wahl fühlt

Wer ist die deutsche, schwarze Frau? Wie identifiziert sie sich und wo befindet sie sich auf dieser Reise? Das sind nur einige wenige Fragen, mit denen sich Dominque Booker auf ihrem Blog “Positiv/Negativ“ beschäftigt. Für unsere Beauty Week 2017 teilt...

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Mai 31 2017, 12:45pm

Wenn ich an das Jahr 2000 zurückdenke, fallen mir nicht nur einige gute Musikvideos ein, meine feste Zahnspange und Fotos von mir mit den schrecklichsten Mode-Fauxpas, sondern auch die Zeiten, die ich nach der Schule in der Stadt mit meinen zwei besten Freundinnen verbracht habe, während wir eigentlich zu Hause sein sollten. In dieser Zeit stand man nicht nur stundenlang sinnlos am Busbahnhof herum, sondern tat das, was junge Mädchen eben oft und sehr gerne tun: die Make-up-Abteilung in den Drogeriemärkten unseres Vertrauens inspizieren. 

Meine Mädels stürzten sich auf die Produkte und suchten eifrig nach neuem Lidschatten, Make-up und Concealer. Ich hingegen stand immer im Hintergrund, schaute auf die Uhr und konnte es nicht abwarten, bis sie endlich fertig damit waren — dieser Trip langweilte mich immer zu Tode. Nicht dass ich Schminke uninteressant fand, aber Grün oder Hellblau waren wirklich keine Farben, die meinen Augenaufschlag optisch verbessern würden. Mascara, Eyeliner und Tonnen von Kajal waren zu dieser Zeit das Einzige, was mein Gesicht berührte. Ob diese Art von Schminke einen schöner gemacht hat, ist wieder eine andere Geschichte. Nicht zu vergessen die eigenen Augenbrauen, die man sich zu dieser Zeit sowieso zu einer verboten, grauenhaft-dünnen Linie weggezupft hatte. 

Auch auf i-D: Aktivistin Grace Neutral war in der Welt unterwegs, um herauszufinden, was Schönheit wirklich ausmacht

Meine Freundinnen waren beide hellhäutige Mädchen mit glatten, blonden Haaren, ich dagegen habe dunkle Locken und braune Haut. Optisch hatten wir außer unserer Körpergröße also keinerlei Gemeinsamkeiten. Deshalb war ich wohl auch diejenige, die den beiden zuschaute, wenn sie sich gegenseitig geschminkt oder frisiert haben. Vorherige Fehlversuche haben dabei gezeigt, dass es wohl auch besser war, mich auf das Zuschauerdasein zu begrenzen. Das Repertoire an Farbnuancen, die meinem Hautton schmeichelten, war logischerweise nicht in den Make-up-Täschchen meiner Freundinnen zu finden. Außer natürlich klarer Lipgloss, den konnten sich alle kollektiv auf die Lippen schmieren.

Schminktipps konnte ich früher auch nicht in den zahlreichen Zeitschriften finden, die man sich damals noch wöchentlich besorgte. Egal wie viele zur Auswahl standen, es war immer nur die gleiche Art von Frau zu finden: Eine Hellhäutige, die mit meiner Haut nichts gemeinsam hatte und deren Party-Make-up bei mir wohl eher wie das Make-up eines Clowns ausgesehen hätte. Die Welt des Internets war gerade erst am boomen, man fand also nicht — wie heute — unzählige YouTube-Videos, von denen man sich inspirieren lassen konnte. Auch in der Werbung oder im Fernsehen waren Frauen, die mir ähnelten kaum bis gar nicht vertreten, weshalb jegliche meiner Stylingvorbilder meist aus der amerikanischen Musikszene stammten.

Es dauerte etwa zehn weitere Jahre, bis ich mir meinen ersten Concealer gekauft habe, Lippenstift und Rouge tägliche Wegbegleiter wurden, meine Augenbrauen wieder in ihre natürlich, haarige Form zurückwuchsen und ich dunkleres Make-up nicht nur aus dem Afroshop kannte. Ich habe erst mit Anfang zwanzig begonnen, die Welt des Make-ups für mich zu entdecken. Gleichzeitig stieg auch die Produktvielfalt, die für Women Of Color von Nöten war, was die Beautyabteilung in den zuvor genannten Drogeriemärkten meines Vertrauens interessanter für mich machte. 

Produktvielfalt klingt dabei weitaus überdehnter, als es tatsächlich der Fall ist. Von Vielfalt kann man bis heute nicht unbedingt sprechen. In den Drogeriemärkten sind heute zwar tatsächlich Produkte für eine größere Spannweite von Hauttypen erhältlich; die Erkenntnis darüber, dass sich die Menschheit aus bedeutend mehr als drei oder vier Farbtypen zusammensetzt und dass alle Farben auf jedem Hauttyp anders aussehen, ist leider bis dato nur bei wenigen Marken angekommen. 

Besonders einfach zu beobachten ist dieses Problem an dem bekannten Nude-Look, einer der größten Trends unserer heutigen Zeit. Nude ist aber nicht nur hell-, sondern auch dunkelhäutig. Genauso wie ein dunkles Pink auf einer hellen Lippe anders aussieht als auf einer dunklen. Es sollte keine Rolle spielen, wie groß die Nachfrage dieser Produkte ist, sondern dass es diese Nachfrage gibt. Hin und wieder sieht man heutzutage sogar eine dunkelhäutige Frau, die an der Seite von hellhäutigeren Models ein Produkt bewirbt, aber auch diese Darstellung hält sich in Grenzen und meist spielt die Women of Color bei diesen Darstellungen nur die Nebenrolle. Ein kleiner Fortschritt ist trotz allem zu bemerken und man kann weiter hoffen, dass es nur der Anfang war.

Obwohl ich eine Künstlerin bin, sind meine Make-up-Skills bis heute alles andere als künstlerisch. So sehr ich die teilweise große Veränderung durch Make-up an anderen Frauen bewundere, habe ich für mich persönlich Schminke immer nur als kleine Aufwertung verstanden. Contouring und Fading und all diese Worte sind mir ein Begriff, werden in meinem Leben aber wohl nie Verwendung finden. Wenn ich mir im Jahr 2017 in Deutschland in die Welt der Beauty-Produkte anschaue, bin ich dankbar dafür, dass ich eine Marke gefunden habe, die mir die Möglichkeit bietet, drei verschiedene Farbtöne von Concealern zu kaufen, die ich brauche, wenn mein Teint sich verändert. Die es mir erlaubt, jeden Tag in der Woche einen andersfarbigen Lippenstift zu tragen. Und ich wünsche mir trotzdem für alle Women of Color, die sich gerne mit Make-up auseinandersetzen, dass wir eines Tages auch eine Hauptrolle in der Beauty-Industrie spielen dürfen und man uns nicht nur als Komparsen besetzt. 

positivnegativ.com

Credits


Text: Dominique Booker
Foto: Harley Weir