wie du ganz tief in die moskauer subkultur abtauchen kannst

Im Gespräch erklären uns „Flaneur“-Herausgeberin Ricarda Messner und Chefredakteur Fabian Saul, warum die Angst vor Russland im Westen so groß ist und wie eine bipolare Katze die neue Ausgabe beeinflusst hat.

von Alexandra Bondi de Antoni
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09 November 2016, 10:16am

Wenn der bekennende Mode- und Kulturliebhaber an Russland denkt, werden ihm wahrscheinlich Namen wie Gosha Rubchinskiy oder Lotta Volkova in den Kopf kommen. Russland ist hip, die osteuropäische Ästhetik wird überall auf der Welt gefeiert und noch nie zuvor waren kyrillische Zeichen so omnipräsent wie heute. Doch das Land hat mehr zu bieten als coole Streetwear und hippe Skinny-Boys. Die Macher von Flaneur wollten in ihrer neuen Ausgabe genau das zeigen und den Moskauer Underground einem breiteren Publikum zugänglich machen. 

Deshalb sind sie für zwei Monate nach Moskau gezogen, um zu erkunden, was die russische Metropole so alles zu bieten hat. Im Gespräch erklären uns Herausgeberin Ricarda Messner und Chefredakteur Fabian Saul, was sie vorgefunden haben, warum die Angst vor Russland im Westen so groß ist und wie eine Katze mit bipolarer Störung die neue Ausgabe beeinflusst hat. 

Wie hat sich die Arbeit an der Ausgabe im Vergleich zu den anderen unterschieden?
Fabian: Zunächst einmal war die physische Konfrontation mit dem Stadtraum in Moskau eine neue Erfahrung, auf die wir auch konzeptionell reagieren mussten. Im Unterschied zu den bisherigen Ausgaben, ließ sich die Straße als Mikrokosmos, wie wir sie in den letzten Ausgaben vorgefunden haben, nicht behaupten. So haben wir das Hyperlokale, das Flaneur auszeichnet, auf die kosmologische Rhythmik der Stadt übertragen und einen Orbit, den Boulevard Ring, gewählt. Das Schöne dabei ist, dass in dieser Idee des Orbits, das den Kreml umkreist, schon eine starke Behauptung steckt, und wir so von vornherein die Straße als fiktiven Ort, also als Materialisierung einer Idee, in den Vordergrund stellen konnten. Und unsere konkrete Arbeit vor Ort war dann auch von der Erschöpfung geprägt, die sich aus der Aufreibung zwischen der orchestrierten Fiktion der Stadt einerseits und der physischen Bewältigung des Stadtraums andererseits ergibt.
Ricarda: Ich denke im Nachhinein hat sich wieder bewiesen, wie universell anwendbar unser Konzept ist, im gleichen Moment hat sich aber auch gezeigt, wie offen man sich jeder Stadt wieder von Neuem nähern muss. Die Athen-Ausgabe beziehungsweise die Straßenwahl war sehr stark von einem intimen Nachbarschaftsgefühl geprägt. Hier war uns schnell klar, dass wir einen anderen Weg gehen müssen.

Was ist das Verrückteste, das euch in den zwei Monaten vor Ort passiert ist?
Fabian: Wir haben im Norden des dritten Rings in einem Apartmentblock aus den 90er Jahren mit einer bipolaren Katze namens Memfis gewohnt. Der Weg in unser Apartment führte—so wie das in den 90ern üblich war—durch drei Sicherheitstüren. Über Wochen mussten wir uns Memfis mit Strategien, Taktik und vor allem Zuneigung nähern, da er uns ansonsten keinen Schlaf gelassen hätte. Im Laufe der Zeit wurde Memfis immer mehr zu einem Symbol für den spirituellen Charakter der Ausgabe, bei der es oft darum ging, die Zeichen um uns herum zu deuten und dabei auch das Unbewusste und den individuellen aber auch den kollektiven Traum mit einzubeziehen, also das tatsächlich Verrückte. Es gibt auch einen Text in der Ausgabe von Grashina mit dem Namen LOOPPOOL, in dem sie diese Erfahrung verarbeitet. 

Fabian, du warst länger als Ricarda vor Ort. Kannst du mir von einer Begegnung erzählen, die du im Zuge der Produktion gemacht hast und die dir im Gedächtnis geblieben ist?
Fabian: An einem der letzten Abende in Moskau, an dem die Erschöpfung der beiden Monate in Moskau schon spürbar war, hatte ich das große Vergnügen den Künstler Pavel Pepperstein zu einem Shabbat-Abend in einem Keller, in dem früher sein Vater, der große Maler Viktor Pivovarov, sein Atelier hatte, zu treffen. Die unmittelbare emotionale Nähe zu den Menschen und das gegenseitige Vertrauen einerseits und die vielfältigen Schichten von Geschichten an diesem Ort andererseits haben die zwei Monate in Moskau an einem Abend zusammengefasst.

Die ganze kreative Welt scheint Russland gerade wieder für sich entdeckt zu haben mit Leuten wie Gosha Rubchinskiy, Lotta Volkova und Co. Wie sehen die Kreativen vor Ort diese Entwicklung?
Fabian: Ich denke, dass der Enthusiasmus über diese Entwicklung groß ist, aber auch, dass vieles von dem eben nicht in Russland passiert, sondern in Paris, New York und anderswo. Und das heißt nicht, dass in Moskau nichts stattfindet, aber das meiste von dem, wird jenseits von Russland fast gar nicht wahrgenommen. Gosha Rubchinskiy ist zwar wichtig für Russland, aber der Fluchtpunkt seiner Arbeit ist nicht Moskau, sondern anderswo.

In einem Interview mit uns hat Gosha Rubchinskiy einmal Folgendes gesagt: „Die Leute haben immer ein wenig Angst vor Russland. Vielleicht sollte der Westen aufhören, sich zu fürchten und lernen zu lieben." Was sagt ihr dazu? Denkt ihr, dass Russland in den westlichen Medien immer noch als so seltsamer, mystischer Ort gesehen wird? Wenn ja, warum?
Fabian: Vieles von dem, was die Angst vor Russland betrifft, hat seinen Ursprung in den Bildern des Kalten Kriegs. Moskau ist dort immer ein kalter Ort, dabei stimmt das allein ja schon nicht, denn Moskau hat ebenso heiße Sommer wie etwa New York. Dazu gehört auch, dass die westliche Kultur der politischen Opposition unseren Blick auf Russland bestimmt. Da geht es um Putin einerseits und die, die gegen Putin sind, andererseits. Es scheint mir manchmal so, als würde Russland als ein Land behandelt werden, dem die Demokratie abhanden gekommen sei. Dabei vergisst man, dass es tatsächliche Demokratie zu keinem Zeitpunkt der russischen Geschichte gegeben hat. Die innere Logik des Landes ist anders und das macht Angst, denn es ist nicht berechenbar mit unseren Maßstäben. Was das Mystische angeht, so sehe ich da eher ein vages Gespür für die romantische Literatur einerseits und die spezielle Verbindung von Orthodoxie und altem Glauben in Russland andererseits. Aber auch hier überwiegen die märchenhaften Bilder, bei denen es interessanterweise auch immer Winter ist.
Ricarda: Furcht und Angst existieren meistens vor etwas Unbekanntem. Es wäre eine Lüge, wenn wir auch behaupten würden, keine Diskussionen im Vorfeld geführt zu haben, ob wir mit der Ausgabe nach Moskau gehen sollen oder nicht. Nach einer einwöchigen Recherchereise mit Grashina im Februar, bei der wir auch die ein oder andere Befürchtung ablegen konnten, haben wir erst die finale Entscheidung getroffen. Sich seine eigene Meinung vor Ort zu bilden und nicht aus der Ferne Situationen zu beurteilen, ist meiner Meinung nach ein guter Ausgangspunkt.

Was ist euer Beitrag zu dieser Diskussion und welches Bild von Russland wollt ihr zeigen?
Fabian: Das wirklich Befreiende an Flaneur ist, dass sich diese sehr journalistische Frage für uns so nicht stellt. Flaneur ist multiperspektivisch und subjektiv. Die literarische Fiktion, selbst das Surreale, hat in diesem Kontext die gleiche Gültigkeit wie eine historischer Narrative, die schon etabliert ist. Und natürlich ist genau das in Zeiten zunehmender Wiederbelebung von nationalistischen Ideen und ethnischen Abgrenzungen auch eine Befreiung von den Hierarchien, die das, was erzählt wird, und das, was erzählt werden darf, bestimmen. Das Flanieren als zeitlose Kulturtechnik fordert weder zur Rebellion gegen die Narrative auf noch muss sie alles neu erfinden. Es ist vielmehr eine sanfte Rebellion des Fragmentarischen, an dessen Ende die Pluralität von Wahrheiten steht.
Ricarda: In erster Linie sind wir ein literarisches/künstlerisches Magazin. Seit der Athen-Ausgabe ist uns aber definitiv bewusst geworden, dass wir unmittelbar auch politisch agieren, wenn wir an Orte gehen, die gerade in einer besonderen Situation stehen. Athen 2015 hatte den Höhepunkt der europäischen Wirtschaftskrise erreicht und uns wurde im Vorfeld des Öfteren gesagt, das unsere Produktion vor Ort sich als nicht so einfach erweisen könnte. Das Gegenteil war der Fall. Definitiv war Moskau produktionstechnisch schwieriger zu lösen. Aber ich denke, wir wollen zeigen oder zumindest einen Beitrag leisten, dass in Zeiten von politischen und wirtschaftlichen Krisen und angespannten Beziehungen zwischen Ländern gerade solche kulturellen Projekte entscheidend sind. Umso wichtiger ist es auch, dass Fabian und Grashina immer zwei Monate vor Ort sind und sich Zeit nehmen, um lokal mit den Leuten enge, empathische Beziehungen zu etablieren, sodass nicht nur über den Ort berichtet wird, sondern mit diesem gearbeitet wird. Und da wir natürlich ein unabhängiges Magazin sind, gibt es bei uns keine Einschränkungen für den Inhalt, stets mit der Aussage, dass wir eigentlich am Ende des Tages niemals ein vollständiges Bild, sondern einen fragmentarischen Moment zeigen werden und in erster Linie das Bild von den Leuten vor Ort skizzieren lassen.

Ich finde es schön, dass ihr Kreative zu Wort und Bild kommen lässt, die einem nicht sofort bekannt sind. Wer sind die Leute, die bei dieser Ausgabe mitgewirkt haben?
Fabian: Die meisten Begegnungen ergeben sich durch einen Domino-Effekt, bei dem eine Begegnung zur nächsten führt. Das kann dann ein noch unbekannter Künstler sein oder jemand schon etabliertes; jemand, der auf der Straße lebt oder zu ihr zurückkehrt; jemand, der nicht mehr dort lebt, aber in seinen Erinnerungen. Das spielt zunächst keine Rolle. Es gibt auch viele wichtige Begegnungen, die nie zu einem Beitrag werden. Auch das ist sehr wichtig für unsere Arbeit: dass nicht jedes Treffen mit einer Intention verbunden ist.
Ricarda: Wir verfolgen allgemein eine No-Name-Politik. Uns ist es wichtig, dass die Arbeiten konzeptionell Sinn ergeben.

Was nehmt ihr von der Produktion mit?
Fabian: Vor allem, dass die physische Raumerfahrung und ganz konkret die Erschöpfung ebenso wichtig für das Literarische ist wie ein belebender intellektueller Impuls.
Ricarda: Eine Entscheidung, die wir im Laufe der Moskau-Ausgabe getroffen haben, ist, dass wir fortan nur einmal im Jahr erscheinen möchten beziehungsweise können. Die intensive Auseinandersetzung mit Orten, vor allen Dingen, wenn diese eine derartige Komplexität mit sich bringen, bedarf auch einen Moment der Ruhe und Verarbeitung für uns intern. Das ist wichtig, wenn wir Flaneur weitergehend auf diesem Niveau herausbringen möchten. 

flaneur-magazine.com

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni
Fotos: Flaneur Magazine

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