die sängerin hinter the japanese house erklärt, wann denken besser als fühlen ist

Wir haben die junge Londonerin vor ihrem Auftritt im Berliner Auster Club für ein Interview der etwas anderen Art getroffen und mit ihr über Ängste, das Schicksal und darüber, warum sie sich kein Kaninchen als Haustier zulegen würde, gesprochen.

von Max Migowski
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17 November 2016, 8:25am

Es ist ein kalter, typisch trister und herbstlicher Montagabend in Berlin. The Japanese House spielt ein Konzert im Kreuzberger Auster Club. Nicht mal eine Woche zuvor hat die Band rund um Frontfrau Amber Bain ihre neueste EP Swim Against the Tide veröffentlicht. Der Sound lässt sich schwer beschreiben, oder gar einem bestimmten Genre zuordnen, ist aber durchweg von poetisch-verträumten Elektropop-Elementen gekennzeichnet. The Japanese House schwappte durch das Internet an die Oberfläche. Der wohl bekannteste Track der Band, „Still", wurde allein auf Spotify schon knapp acht Millionen mal gestreamt. Schon als ich am Veranstaltungsort ankomme, hört man Ambers unverkennbar tiefe Stimme, wie sie „Dreams" von Fleetwood Mac singt. Nach dem Soundcheck sitzen wir in einem keinen Raum und, wenn auch anfänglich noch ein wenig reserviert, blüht die Anfang 20-Jährige schnell auf und holt uns erst mal ein Bier aus dem Kühlschrank. 

Amber, wann ist das Unbekannte für dich spannend, wann angsteinflößend?
Das Erste, woran ich denke ist Weihnachten. Wenn du nicht weißt, was dich für Geschenke erwarten und ob sie dir gefallen [Lacht]. Aber eigentlich mag ich das Unbekannte nicht. Ich will lieber immer wissen, was mich erwartet.

Was würdest du tun, wenn du komplett furchtlos wärst?
Wahrscheinlich würde ich mehr Fliegen. Ich habe erst vor Kurzem Höhenangst entwickelt, ich habe keine Ahnung warum. Ich bin oft unterwegs und muss dann auch hin und wieder in ein Flugzeug steigen, aber es ginge noch häufiger, wenn ich diese Höhenangst nicht hätte.

Was muss einem öfter als nur einmal im Leben passieren?
Von einem Song zu Tränen gerührt werden.

Was würdest du dir gerne für den Rest deines Lebens erhalten?
Meinen Verstand [Lacht]. Ich habe aber nichts Materielles, was mir so wichtig wäre. Tatsächlich eher simple Sachen wie meine Freunde, meine Familie und meine Güte.

Warum könnten andere neidisch auf dich sein?
Ich bin sehr gut darin, den Worm zu tanzen. Eine Fähigkeit, durch die ich in der Vergangenheit viele neidische Blicke geerntet habe [Lacht]. Und natürlich meine anderen Moves. Aber mal im Ernst, ich glaube, man könnte nur dafür auf mich neidisch sein, dass ich die Möglichkeit habe, mit meiner Band Musik zu machen und herumzureisen.

Welche Vorurteile haben andere dir gegenüber?
Dass ich noch kein vollwertiges Album veröffentlicht habe. So gibt es weniger Musik, nach der man mich verurteilen oder in eine Schublade stecken kann. Und dass ich einen Künstlernamen benutze. Somit bleibe ich irgendwie anonym und es macht die Leute da draußen (hoffentlich) etwas neugierig.

Wenn wir schon bei deinem Künstlernamen sind: Was steckt hinter deinem?
Als ich noch jünger war, habe ich ein Mädchen kennengelernt. Zur gleichen Zeit habe ich gerade eine Experiment durchgeführt. Ich mich eine Woche als Junge ausgegeben. Das Mädchen hat mir dann irgendwann einen Liebesbrief geschrieben und als ich ihr steckte, dass ich selber ein Mädchen bin, hat sie angefangen zu weinen. Das alles ist auf einem Trip nach Devon passiert, wo meine Eltern und ich im sogenannten „Japanese House" übernachtet haben. Und so ist der Name entstanden.

Wann ist Denken besser als Fühlen?
Pragmatische oder lebensverändernde Entscheidungen sollte man immer mit dem Kopf treffen. Klausuren und Prüfungen sollte man logischerweise auch eher durch Denken lösen als anders [Lacht].

Stand dir dir deine Selbstkritik schon mal im Weg?
Ja, na klar. Ich denke jeder Kreative kam schon mal an den Punkt, an dem er seine Arbeit nicht mehr sehen konnte, alles hinterfragt hat und hinschmeißen wollte. Mir geht es andauernd so, das kommt und geht. Glücklicherweise habe ich immer wieder den Weg zurückgefunden und nie wirklich aufgehört mit dem, was ich mache.

Welche negativen Erfahrungen hast du in etwas Positives verwandeln können?
Jede Art Schmerz, zum Beispiel Liebeskummer, hat mich oder inspiriert immer noch mich, und darauf basieren meine Songtexte. Der Song „Still" ist entstanden, weil mir mit 15 das Herz gebrochen wurde.

Wenn du ein anderes Geschlecht hättest, würde sich in deinem Berufsleben etwas ändern?
Offen gestanden, nein. Vor allem am Anfang hat das keine Rolle gespielt, da ich lange keine Fotos oder andere Informationen von mir veröffentlicht hatte. Und durch meine tiefere Stimme sind sowieso die meisten davon ausgegangen, dass ich ein Mann bin. Deshalb wurde ich mit diesem Problem noch nie konfrontiert. Ich weiß aber natürlich, dass es ein Problem ist, mit dem sich viele meiner Kolleginnen schon persönlich auseinandersetzen mussten. Ich habe einfach das Glück, dass Leute mich ohnehin eher für androgyn halten.

Wovon warst du vor zehn Jahren noch vollkommen überzeugt, jetzt aber nicht mehr?
Meine Werte und Vorstellungen haben sich nicht verändert,seitdem ich 11 bin [Lacht]. Das einzige Sache ist, dass ich immer ein Kaninchen wollte. Inzwischen weiß ich, dass ich das nicht mehr brauche. Ich kann mit ihnen nichts anfangen, sie sind einfach nur langweilig. Meerschweinchen sind noch viel schlimmer [Lacht].

Welcher Weg ist der richtige: der einfache oder der schwere?
Ich habe immer den einfacheren Weg bevorzugt. In der Schule wollte ich nie mehr machen als nötig. Mein einziges Ziel war es zu bestehen, überdurchschnittlich gut in irgendetwas zu sein, hat mich nie interessiert.

Aber gerade in deiner Branche bekommt man doch immer wieder zu hören, wie hart und langwierig der Kampf um den Erfolg ist und was man alles opfern muss. Ging es dir denn nicht so?
Nein, tatsächlich hatte ich immer das Glück, dass ich machen konnte, was ich will. Meine Songs schreiben und veröffentlichen, auf Tour gehen. Alles ist ein ganz natürlicher Prozess. Aber klar, das geht wohl den wenigsten so. Deswegen weiß ich diese Freiheit auch sehr zu schätzen.

Wenn ich nicht mehr zurückschaue, bin ich dann auf dem richtigen Weg?
Keine Ahnung, ich weiß nicht.

Warum nicht?
Leute handeln und auf diese Handlung folgt dann das Nächste. Ich glaube nicht daran, dass es einen richtigen oder falschen Weg gibt.

Damit dann direkt zur nächsten Frage: Glaubst du, dass alles im Leben vorherbestimmt ist?
Auf gar keinen Fall. Ich habe zwar keinen Beweis dafür, aber mir kann auch, soweit ich weiß, keiner einen Gegenbeweis liefern. Mal abgesehen davon, will ich es auch einfach nicht. Das Leben wäre doch total langweilig und irgendwo sinnlos, wenn alles schon einen vorab festgelegten Ablauf hätte, oder?

Du glaubst also nicht daran, dass das Schicksal seine Finger bei dir im Spiel hatte?
[Lacht.] Nein, das glaube ich nicht und ich glaube auch nicht, dass es mein Schicksal war, Musikerin zu werden. Wer weiß, vielleicht ende ich auch mal als Tischlerin oder Hundezüchterin. Ich bin alles, aber keine Zynikerin. Ich möchte keine  Vorstellungen zerstören, jeder soll an das glauben, an das er eben glauben will. Aber ich glaube schlichtweg an das, was ich mit meinen fünf Sinnen erfassen kann.

Lieber lieben oder geliebt werden?
Ganz klar lieben.

Du bist immerhin Musikerin. Du verdienst dein Geld damit, dass Menschen dich lieben, deine Musik kaufen. Willst du nicht lieber geliebt werden?
Das stimmt schon, aber man wäre doch trotzdem total einsam, wenn man selber nicht lieben könnte, oder? Und für wen würde ich denn dann das ganze Geld wieder ausgeben? 

Die Fragen wurden aus der Aesk-Interview-Box entnommen. 

@thejapanesehouse

Credits


Text: Max Migowski
Foto:  via Tumblr

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