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warum die kritiker sofia coppolas „marie antoinette“ unrecht getan haben

„Marie Antoinette“, Sofia Coppolas extravaganter und umstrittener Film über das Leben der berühmt-berüchtigten französischen Königin ist vor zehn Jahren in den Kinos angelaufen. Aus diesem Anlass blicken wir zurück, wie und warum die Kritiker den Film...

von Emily Manning
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27 Oktober 2016, 1:20pm

Ich weiß nicht, wann genau Marie Antoinette im Kino unserer Kleinstadt angelaufen ist, aber ich weiß noch genau, dass ich sofort ins Kino gegangen bin, als es so weit war. Ich war 14 Jahre alt—genauso alt wie die Königin, als sie in einer der besten Szenen des Films der französischen Regierung mitten im Wald übergeben wurde und ihr die Kleider und alle Besitztümer abgenommen wurden, inklusive ihres Mops. Ich war damals gerade seit einem Monat auf der Highschool und wie die junge Österreicherin am französischen Hof habe ich keinen an diesem merkwürdigen neuen Ort gekannt oder eine von den hier geltenden Regeln—wie man sich hinzusetzen hat, wie man sich anzuziehen hat, mit wem man zu reden hat und wie man mit ihnen zu reden hat. Aber im Gegensatz zu Marie Antoinette hat mir die franko-österreichische Allianz nicht beim nächsten Mathetest geholfen und ich musste auch keinen Thronnachfolger auf die Welt bringen.

Auch wenn über 200 Jahre blutige Geschichte zwischen mir und der echten Antoinette (und Millionen von Manolos und Macarons zwischen mir und Coppolas Vision von ihr) liegen, hatte ich doch das Gefühl, dass ich in dem Film etwas von mir in ihr wiederentdecke. Ein Film, der nach den Worten von Filmkritiker Roger Ebert, „von der Einsamkeit des Frau-Seins und dem Leben in einer Umgebung, die zwar weiß, wie sie einen benutzen muss, aber nicht weiß, wie man einen schätzt und versteht, handelt." Viele Erwachsene haben nichts von sich in dem Film entdecken können.

Das zehnjährige Jubiläum des Films erinnert uns daran, wie sehr sich die Gesellschaft in den zehn Jahren seit dem Kinostart verändert hat. 2016 fängt die Welt an, die Tragweite zu begreifen: was es bedeutet, ein Mädchen zu sein, und dass es eine ziemliche Herausforderung ist. Besonders in der Kreativwelt. Daraus entstanden ist die Richtung „Girlhood" und all die verschiedenen Nuancen, Erfahrungen und Erwartungen, die damit einhergehen. Diese Richtung hat sich als Goldgrube für das digitale Zeitalter herausgestellt. Die visuellen Codes und die gelebte Komplexität haben Petra Collins Fotografie, Molly Goddards Designs und Deniz Gamze Ergüvens Debütfilm Mustang beeinflusst. Girlhood inspiriert eine neue Generation, genauso wie Leslie Gore in den 60ern, Laurie Simmons in den 70ern und, ja, die junge Coppola mit ihren ersten beiden Filmen The Virgin Suicides und Lost in Translation. Für die Regisseurin selbst bildet Marie Antoinette den Abschluss in dieser Trilogie, in der sie die Isolation, Ausgrenzung, Verwirrung und Ernüchterung erkundet, die das Erwachsenwerden von Mädchen in der heutigen Welt kennzeichnet. Eine Welt, die die vielen Emotionen und komplexen Fragen von Mädchen mit einer unbarmherzigen Lektion darüber, was sie zu tun und zu lassen haben, begegnet. Wie Sam Adams in Salon argumentiert hat: „Die gleichen Punkte, für die Lost in Translation für seine verträumte Atmosphäre gefeiert wurde, sorgten bei Marie Antoinette für Kritik, dass sie zu verwöhnt und ausschweifend sei. Doch diese Ambivalenz hat mehr mit den Sympathien der Kritiker für die melancholische Romanze in Lost in Translation und ihre Feindseligkeit gegenüber dem femininen Firlefanz in Marie Antoinette zu tun, als mit einem wirklichen Unterschied zwischen den beiden Filmen."

Ich weiß noch, dass mein Vater, den ich mit ins Kino geschleppt habe, nicht so begeistert vom New Romantic inspirierten Soundtrack war, ein wahrer Teenie-Geniestreich von der Regisseurin. Was mir damals noch nicht so bewusst waren, waren die giftigen Reaktionen der Presse nach der Veröffentlichung des Films. Alles, worüber gesprochen und geschrieben wurde, waren die Buhrufe beim ersten Screening in Cannes. Ebert hat später richtiggestellt, dass nicht mehr als fünf, vielleicht zehn Leute gebuht haben. Coppola hat später in einem Interview mit einem Journalisten erklärt, dass „es auch Beifall gab." „Die Kritiken sind nicht nur gemixt, sondern in zwei Lager geteilt", hat Dana Stevens in ihrer Kritik für Slate geschrieben. „Wie Lakritz auch, so ist Marie Antoinette etwas, das man entweder hasst oder liebt. Und beide Reaktionen scheinen damit zu tun zu haben, wie man zur Regisseurin und ihrer offensichtlichen Identifizierung mit der Ehefrau von Ludwig XVI. steht."

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Fast jede Kritik, die über den Film geschrieben wurde, hat auf die ein oder andere Weise Parallelen zwischen der Filmemacherin und ihrer Figur gezogen. Das sollte keinen überrascht haben. Die Regisseurin hat von Anfang klargemacht, dass sie Antoinette entdämonisieren wollte: „Mein Ziel war es, mit dem Design die Essenz von Marie Antoinettes Gedankenwelt widerzuspiegeln. Die Pastellfarben, die Atmosphäre und die Teenagermusik stehen dafür, wie ich die Welt aus der Perspektive Marie Antoinettes wahrgenommen habe", erklärt sie in einem Interview. Coppolas Film basiert lose auf der gefeierten Biografie Marie Antoinette über die die letzte französische Königin. „Ich weiß, dass ich darstellen kann, wie sich ein Mädchen in der Pracht des Schlosses, der Kleidung, der Partys, der Rivalen und beim Erwachsenwerden fühlt", hat Coppola in einem Brief an die britische Autorin geschrieben, nachdem sie das Angebot angenommen hat, das Drehbuch zu schreiben und Regie zu führen. Sie könne sich mit Antoinette identifizieren, weil sie aus einer großen Familie komme und um ihre Identität kämpfen musste.

Diese Familie—eine von Hollywoods mächtigsten Dynastien—und die Annahmen über Sofias Identität schwingen bei jeder Besprechung von einem ihrer Filme mit. „Sofia Coppola ist die Veruca Salt unter den amerikanischen Filmemachern", so Stevens. „Sie ist das privilegierte kleine Mädchen aus Charlie und die Schokoladenfabrik, deren reicher Vater sicherstellt, dass seine Tochter das Goldene Ticket gewinnt, um die Fabrik besuchen zu dürfen, und der unzählige Schokoladentafeln kaufen lässt, die dann seine Mitarbeiter industriell auspacken müssen, bis das Ticket gefunden ist." Wenn die geneigte Leserschaft die Absätze über den Preis der Marc-Jacobs-Tasche, die er nach Coppola benannt hat, und ihre Rolle in dem letzten Teil der Pate-Reihe von ihrem Vater 1990 geschafft hat, tauchen die Argumente auf, die auch die anderen Kritiker gegen den Film in Stellung gebracht haben. Darunter die historischen Ungenauigkeiten, die den Film so einzigartig machen und die dafür sorgen, dass man sich mit der Figur so identifizieren kann. „Ich möchte, dass er glaubwürdig ist und dass man nicht aus der Geschichte geworfen wird", sagte Coppola der New York Times. „Ich nehme lieber einen High Heel, der vielleicht 50 Jahre später erfunden wurde, der mich aber mehr anspricht. Ich bin kein Fetischist, was historische Genauigkeit angeht. Ich mache mein eigenes Ding."

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Ihr eigenes Ding bedeutet in dem Fall, dass sie den Film mit einem Soundtrack aus Siouxsie and the Banshees, Adam Ant, The Cure und Bow Wow Wow unterlegt, Converse All Stars und Blahniks pastellfarbene High Heels einsetzt. Dazu gehört auch—wie sie es in The Virgin Suicides und Lost in Translation bereits getan hat—die isolierte und isolierende Welt, in der ihre Figur existiert, zu erkunden. In diesem Fall ist es der französische Hof im 18. Jahrhundert, die hermetisch abgeriegelte Spaß-Enklave, und kein Haus in der Vorstadt in den 70ern. Wie das Elternhaus der Lisbon-Schwestern ist es ein Ort, der von widersprüchlichen Regeln zu Verhalten, lakonischem Hedonismus, immensem Beurteilen und Erwartungen, extremen Nachfragen nach der sexuellen Aktivität (in Dunsts Fall eher die Abwesenheit davon) und ein tiefsitzendes Unbefriedigt-Sein stillschweigend ertragen werden muss. „Nein, der Film dreht sich nicht um die tatsächliche Politik zur damaligen Zeit", schrieb Ebert. „Das liegt daran, dass wir uns gänzlich in Maries Welt befinden. Und die ist beschränkt auf die Welt von Versailles, die die ganze externe Realität ausblendet. Es ist eine selbstregulierende Insel, wie Xanadu in Citizen Kane, auf der es keine Politik, keine Realität, keine Armut und keine Gesellschaft gibt." Genau dieser Punkt war bei den Kritikern am umstrittensten.

Der Fokus von Marie Antoinette auf die komplizierten Strukturen der inselartigen Umgebung der Hauptfigur und deren Auswirkungen auf deren Identität hat nur wenig Raum gelassen für die blutige Revolution, in der die echte Königin im wahren Leben so verstrickt war. Ein Kritiker hat es damit verglichen, als ob man einen Film über George W. Bush machen würde, ohne den Irakkrieg zu erwähnen. In seiner offen sexistischen Kritik hat Anthony Lane Coppola dafür verspottet, dass „sie die innere Gefühlswelt der Heldin einfangen wollte. Ihre was? Das wäre so, als ob eine Kosmetikerin die innere Gefühlswelt deines Nagels einfangen will." Agnès Poirier vom Liberation hat den Film „einen Skandal", eine „Schande" und „schockierend" genannt, weil er leer sei, einen Standpunkt vermeide; weil die Person, die ihn gemacht habe, keine Neugier für die Frau habe, die sie porträtiere, und für die Zeit, in der ihr tragisches Leben spiele.

Sofia Coppola vorzuwerfen, dass sie keine Neugier für die Frau habe, die sie porträtiert, oder noch schlimmer, wie es Stevens schreibt, dass sie nichts weiter geschaffen habe, als ein Mittel, um Kirsten Dunts Grübchen als unwiderstehlich zu präsentieren und um zu zeigen, dass Lavender und Türkis gut zusammenpassen, ist erstaunlich. Der Film zeigt ein Mädchen, deren Gebärmutter ein Spielball geopolitischer Interessen ist, die ständig von anderen Frauen beurteilt wird, deren Versuche, mit den Leuten in ihrer Umgebung ins Gespräch zu kommen, ununterbrochen abgeschmettert werden, um das strikte Hofprotokoll einzuhalten, deren Gedanken und Gefühle nicht nur als unwichtig angesehen werden, sondern sie gehören nicht mal ihr. Also umgibt sie sich mit all dem materiellen Glanz, der vor ihr liegt. Und das führt zu Tod, Hunger, Leid, Gewalt und schließlich zur Revolution. Coppolas Film ist nicht leer, aber sehr herausfordernd. Der Film fordert unser Verständnis, wenn nicht sogar Mitgefühl für so eine Person ein. Wir müssen über den ruinösen Reichtum der Königin blicken und das Mädchen dahinter entdecken, das sich nicht so sehr von denjenigen Mädchen unterscheidet, die es in dieser Welt gibt. Im Jahr 2016 sind wir vielleicht besser auf diese Herausforderung eingestellt.

Credits


Text: Emily Manning
Foto: via Flickr Creative Commons