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welcome to berlin: v

Die dritte Teilnehmerin von Welcome to Berlin im Gespräch über Frau-Sein, das harte Leben in Berlin und ihre verschiedene Bandprojekte.

von i-D Staff
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02 Dezember 2015, 12:00pm

V ist die dritte Teilnehmerin von Welcome to Berlin. Als Teil von Welcome to Berlin, einem Projekt des Berlin Community Radios und dem Music Board Berlin, hatte sie die Möglichkeit, einen Tag in einem professionellen Studio aufzunehmen und sich selbst und ihre Musik im Zuge einer Radioshow beim BCR vorzustellen. Die Girls vom Radio waren so von ihr begeistert, dass V seitdem ihre eigene Radioshow beim BCR hat und regelmäßig sendet. 

Musikalisch lässt sich V schwer einordnen. Ihre Musik ist sehr dunkel, gefühlvoll; Ihr Auftreten ist stark und genderfluid. V hat eine wahnsinnige Ausstrahlung und ein Selbstbewusstsein, wenn man ihr gegenübersitzt und sie mit strahlenden Augen von ihren Musikprojekten erzählt. Der großartige Remix kommt dieses Mal von den letztjährigen Welcome to Berlin-Teilnehmern Easter. 

Wir haben uns mit der Australierin auf einen Kaffee getroffen und haben uns mit ihr über ihre Musik, Berlin, ihre Zeichnungen und übers Frau-Sein unterhalten.  

Bluse: Stylist Own's

Wann hast du begonnen, Musik zu machen?
Ironischerweise als ich die Kunsthochschule besucht habe. Das war in Australien, wo ich auch geborgen wurde. Wir sind, als ich klein war, oft von einer Stadt in die nächste gezogen. Ich bin in Australien, Korea und Singapur aufgewachsen. Mit 16 ging es dann zurück nach Australien. Ich spielte damals in einigen Bands, also nicht so professionell wie jetzt, sondern eher zum Spaß.

Kannst du dich daran erinnern, was es war, das dich an Musik interessiert hat?
Ich habe mich am Anfang null für Musik interessiert. Meine jüngere Schwester hat mir immer Tickets gegeben, um mir irgendwelche Bands anzuschauen. Alles änderte sich, als ich The Slits live sah. Eine Frauenband, die damals wie heute großartige Musik macht. Cut ist meines meiner Lieblingsalben. Das zweite Erlebnis, das mich zur Musik gebracht hat, war bei einer Privatparty, als ich im College war. Die Musik war wirklich laut, aber ich hörte jemanden im Haus singen. Es war die klarste Stimme, die ich jemals gehört habe. Sie gehörte meinem zukünftigen, ersten Bandmitglied Sarah. Innerhalb eines Jahres starteten wir meine erste Band. Vielleicht sollte man eher von Performance-Art-Duo sprechen. Unsere Auftritte beinhalteten Musik und alles war improvisiert und sehr experimentell. Wir kombinierten Video und Installationen. Aber ich zog bald nach London. Das war das Ende meiner ersten Band.

Wie hat dir London gefallen?
Ich habe es gehasst. Ich habe mich schwer getan, Freunde zu finden. Deshalb bin ich dann auch nach Berlin gekommen. Es war ein reiner Zufall. Ein Freund meinte: „Hey, komm doch nach Berlin!" und so kam ich hier her.

Wann war das?
Das war vor sieben Jahren. Er wohnte im Tacheles. Ich habe dann viel dort abgehangen. Sechs Monate später wurde ihm Berlin zu viel, er beschloss, die Stadt zu verlassen, und ich zog statt ihm ein. Da bin ich dann wirklich zur Musik gekommen. Ich war plötzlich Teil der DIY-Szene. Ich habe begonnen, Shows zu organisieren, selber Konzerte zu geben und habe Bands gegründet.

Hast du jemals gelernt, ein Instrument zu spielen? Oder hast du dir alles selbst beigebracht?
In meiner Kindheit und Jugend hatte ich sieben Jahre lang Akustikgitarrenunterricht. Heute ist mein Hauptinstrument der Bass. Wenn ich jetzt Gitarre spiele, fühlen sich meine Finger an, als wären sie Würste. Keine Ahnung warum.

Wie hat sich Berlin und die Berliner DYI-Szene verändert?
Es gibt immer noch eine großartige Infrastruktur für die DYI-Szene. Besetzte Häuser, ehemalige besetze Häuser, Wohnprojekte und Underground-Venues gibt es immer noch. Was sich wirklich stark verändert hat, sind die Mieten. Es ist wirklich ein Wahnsinn. Die Mieten sind, seit ich angekommen bin, um mehr als die Hälfte gestiegen. Ich habe Glück, weil ich in einem Wohnprojekt lebe und ziemlich wenig zahle. Die Wohnung fällt zwar fast auseinander, aber ich liebe es.

Allgemein ist Berlin so eine brutale, kalte und dunkle Stadt. Das Leben hier war nicht immer leicht, aber natürlich gibt es kaum einen Ort, an dem man so gut Musik machen kann wie hier. Es ist ein internationaler Hub von kreativen Leuten, die einfach ihr Ding durchziehen.  

V trägt Bobby Kolade.

Aber fühlt sich die Stadt noch so an, wie du sie damals wahrgenommen hast? 
Das ist wirklich schwer zu sagen. Viele meiner Freunde sind weggezogen. Es kommen schon immer neue Leute nach, aber irgendwie bleiben die nicht mehr so lange. Ich habe nur bemerkt, dass viele Engländer hier herziehen. Es fühlt sich so an, als ob alles noch offener wird und sich immer mehr Türen öffnen.

Wenn du Berlin so dunkel und brutal findest, warum bist du dann immer noch hier?
Ich habe so oft darüber nachgedacht, wieder wegzuziehen. Aber die Musik hält mich hier. Ich habe schon so viel Zeit in Transylvania gesteckt und ich werde nicht gehen, bevor wir noch mehr arbeiten und eine Platte aufnehmen und gute Resultate bekommen. Man kann Bands schon weiterführen, wenn man in verschiedenen Städten ist, aber so richtig funktioniert das, wenn wir ganz ehrlich sind, nicht. Du musst jede Woche proben und Zeit miteinander verbringen. Außerdem habe ich in Berlin die besten Menschen kennengelernt. Natürlich lernst du überall gute Leute kennen, aber in Berlin ist es etwas Besonderes.

Lass uns über deine verschiedenen Projekte reden. Also da gibt es V, Transylvania und Holysix, oder? Was ist der größte Unterschied zwischen ihnen und wie sind sie vielleicht auch miteinander verbunden?
Ja, das stimmt. Zwischen V und Transylvania gibt es eine starke Verbindung. Transylvania war anfänglich V. Ich hatte all diese Songs geschrieben und ich wollte nicht mehr alleine auftreten. Ich wollte eine Band. Ich liebe es, mit meinen Bandkollegen zusammenzuarbeiten.

Wie seid ihr auf den Namen gekommen?
Wir haben ewig gebraucht. Aber die Hauptgründe waren, dass es ihn erstens noch nicht gab und zweitens ist es so unglaublich dunkel. Man verbindet ihn sofort mit Dracula und das passt gut zur Musik. Außerdem kommt ein V darin vor. (Lacht)

Warum trittst du dann immer noch als V auf?
Es hat sich langsam entwickelt. Obwohl ich gerne auftrete, fühle ich mich nicht wirklich wohl, als Frontfrau gesehen zu werden. Ich will, dass wir eins sind. Deshalb haben wir den Namen geändert. V singt die Songs, die vielleicht nicht zu 100 Prozent zu Transylvania passen. 

Bluse: Stylist Own's

Und was ist mit Holysix?
Das ist wieder komplett was anderes. Die Ursprünge liegen in meinen Crust-Punk-Tagen, als ich mit meiner ersten Band Batalj auftrat. Monika, die zweite Hälfte von Holysix, hat ein Label in London namens Sixsixsixtiesrecords, das eines unserer Tapes herausbrachte. Wir haben uns so gut verstanden und sind dann ein paar Monate später zusammen mit unseren Soloprojekten durch England getourt. Irgendwann haben wir beschlossen, gemeinsam Musik zu machen. Wir haben denselben Musikgeschmack. Wir lieben beide Synts. Ich bin dann für zwei Monate zu ihr gezogen, wir haben uns mit unseren Instrumenten in ihrem Wohnzimmer einquartiert und haben nur Musik gemacht. Alles endete dann in einer UK- und Europatour. Ich war ziemlich stolz auf mich, da ich die ganze Tour selber organisierte.

Ich habe gesehen, dass eure Bühnenoutfits auch ziemlich speziell sind.
Für jede Tour basteln wir ein neues Outfit. Bei der letzten haben wir so riesige Schulteraufsetzer aus Aluminium gemacht. Die Ecken waren so scharf und bei einer Show in Deutschland sind wir durch die Besuchermengen gelaufen. Ich hab einen Typen am Arm aufgeschnitten. Er hat so geblutet. Wenn ich zurückdenke, war es wirklich schrecklich. Aber heute finde ich es auch irgendwie witzig, wie bei so vielen Dingen im Leben.

Würdest du sagen, dass du durch die verschiedenen Projekte deine verschiedenen Persönlichkeiten ausleben kannst?
Bei V und Transylvania kann ich die wirklich dunklen Seiten meiner Persönlichkeit ausleben. Beide Bands sind sehr ehrlich. Die Texte sind autobiografisch. Es geht immer um schwierige Themen, wie verlorene Liebe. Es ist keine Gute-Laune-Musik. Bei Holysix ist das anders. Monika ist eine wahnsinnig positive Person, die es schafft, das auch aus mir herauszuholen. Während der Tour dachte ich oft, dass ich eher eine Entertainerin als eine Musikerin bin. Wir tanzen, haben Kostüme an und Glitzer im Gesicht. Das ist alles anders als mein Berliner Leben. Holysix ist eine Londoner Band. Monika hat ein anderes Leben als ich.

Ist Holysix dein Zufluchtsort, wenn dir Berlin zu viel wird?
Ja, so könnte man das sagen. Berlin ist dieser super abgefuckte Ort. Ich kenne so viele Leute, die sich hier kaputt gemacht haben. Gründe dafür sind die vielen Partys und Drogen. Sie sind weit weg von zu Hause und können mit den ganzen Eindrücken nicht umgehen.

Wie bist du damit umgegangen, als du nach Berlin gekommen bist?
Ich war sehr naiv. Ich habe so viel geshoppt, vor allem in Vintageshops. Hier habe ich eine neue Welt kennengelernt. Ich lebe die Punk-Idee. Also nicht die Musik, sondern den Lebensstil. Es ist zu einfach, zu sagen, dass ich einfach Konsumismus ablehne. Ich lebe in einer anderen Welt. Ich lebe in einem Wohnungsprojekt, in dem ich kaum Miete zahle, ich habe alle meine Klamotten von Freeshops. Für nichts, was ich gerade trage, habe ich gezahlt. Ich containere regelmäßig. Ich lebe wahrscheinlich ein bisschen außerhalb der Gesellschaft. Ich hab jetzt eine klare Meinung zur Mainstreamkultur.

Die wäre?
Naja, dass sie am Arsch ist. Und unglaublich leer. Immer nur fürs Geld arbeiten, dann am Wochenende ausgehen, vielleicht ein bisschen shoppen. Ich bin gegen das Establishment. Gegen die Regeln. Wenn ich nach Australien zurückkehre, merke ich es am meisten. Ich habe mich in eine ganz andere Richtung entwickelt. Eine Richtung, die sie nicht verstehen.

Wie lässt sich dieses Außerhalb-des-Systems-Sein mit deinen Social Media-Aktivitäten verbinden? Weil dadurch bist du Teil davon.
Ich fühle mich jedes Mal wie die größte Heuchlerin, wenn ich etwas auf Facebook poste. Social Media ist einfach der einfachste Weg, um Menschen kennenzulernen. Es ist eine Falle. Würde ich meinen Account löschen, würde ich wahrscheinlich 90% meiner Kontakte in der Musikwelt verlieren. In der Punk- und DIY-Szene ist es auch schon angekommen. Es ist ganz witzig, wenn man auf Facebook zu einer Underground-DIY-Show in einer illegalen Location eingeladen wird. Es ist gruselig und es gibt Argumente dafür und dagegen, aber die Zeiten haben sich nun einmal geändert.

Reden wir über etwas sehr Reales, deine Zeichnung. Erzähle mir etwas darüber. Die Gesichter sind so ausdrucksstark. Man kann nicht sagen, ob es sich um Frauen oder Männer handelt. Was hat es mit ihnen auf sich? 
Ich zeichne schon immer. Die Gesichter sind so neutral, weil ein großer Teil meiner eigenen Ausstrahlung meine Androgynität ist. Ich ziehe mich sehr neutral an, auch weil ich die Aufmerksamkeit, die ich als Frau bekomme, nicht mag. Ich mag es, dass die Leute nicht genau wissen, ob ich ein Typ oder eine Frau bin. Vor allem auf der Bühne, da meine Stimme auch so tief ist. Als Frau gesehen zu werden, ist manchmal schwierig. Ich wurde ein paar Mal auf der Straße in Berlin angegriffen. Das war alles sehr verrückt... Aber zurück zu den Zeichnungen. Also ich male seit meiner Zeit an der Kunsthochschule. Man weiß nicht, ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt. Meine Anschlussarbeit trug den Namen Girls, Girls, Girls, 100 Girls. Ein anderes Zine, das ich einmal hergestellt habe, bestand aus 500 Frauengesichtern. Ich verdiene auch Geld damit, Leute diese Gesichter zu tätowieren.

Was hältst du vom #FreetheNipple-Bewegung? 
Ich finde es wunderbar, dass Frauen für ihre Rechte kämpfen. Ich würde wahrscheinlich selber nicht unter diesem Motto handeln, aber eine gute Freundin von mir, steht sehr dahinter. Als wir einmal auf Tour waren, habe ich gemerkt, welche Unterschiede es zwischen Männern und Frauen gibt. Es war unglaublich heiß und alle Jungs haben sich einfach ihr T-Shirt ausgezogen und sind halbnackt in einem Brunnen gesprungen. Ich habe mich so unwohl gefühlt, da auf der anderen Straßenseite Bauarbeiter standen, die mich anstarrten. Da habe ich zum ersten Mal wirklich begriffen, dass wir noch nicht so weit sind, wie wir es manchmal denken.

Wir müssen unseren Körper so akzeptieren, wie er ist und unsere Privilegien als Frauen zurückerobern. Wir sind noch den Männern noch nicht gleichgestellt. Ich merke immer, wenn ich wieder zu Hause bin, in welcher Blase wir hier in Berlin leben. Die Welt da draußen ist leider noch lange nicht so weit.

V arbeitet gerade an ihren neunen Album Black Vomit, Black Blood und ist auf der Suche nach einem Label. Bei Interesse gerne bei uns melden. 

berlincommunityradio.com

@V

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Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni
Fotos: Patrick Desbrosses
Styling: Anastazja Moser und Philip Diep
Hair & Make-up: Jana Kalgajeva
Produktion: Anastazja Moser und Alexandra Bondi de Antoni
Easter Remix: Lyrics: Text von Death Coaches: LLC, Recruitment: Vika Kirchenbauer