„die songs auf dem album? ich hasse sie alle.“

Kennengelernt haben sie sich im Musikunterricht vor über 20 Jahren. Jetzt erscheint endlich ihr Debütalbum. Wir haben mit Ed und Trewin von Phoria über Freundschaft, Perfektionismus und Arielle, die Meerjungfrau gesprochen.

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Mai 30 2016, 12:35pm

Ein bisschen blass, ein bisschen müde, ein bisschen sehr charmant—Ed, Synthesizer und am Piano, und Trewin, Sänger, Produzent und Songschreiber, sind genau so, wie man sich die Jungs einer Band aus Großbritannien vorstellt. Doch etwas ist anders im Raum. Die Aufregung? Die Nervosität, die gegen die erwartete Coolness-Attitüde ankämpft? In wenigen Tagen erscheint ihr Debütalbum. Daran haben sie lange gearbeitet, viele Jahre, um genau zu sein. Wir wollten mehr darüber wissen und haben sie zum Interview in Berlin getroffen.

Euer Debütalbum erscheint Anfang Juni, als Band macht ihr aber schon seit vielen Jahren zusammen Musikwie lange habt ihr daran gearbeitet? Und warum jetzt der Release? 
Trewin Howard: Das ist eine schwierige Frage. Die Songs, die es jetzt auf das Album geschafft haben, sind ein Best-of aus den letzten vier oder fünf Jahren. Eigentlich wollten wir es schon vor einem Jahr herausbringen, und wenn man es sich jetzt anhört, klingt es wieder ganz anders als damals. Das ist für uns wirklich faszinierend.

Warum habt ihr euch letztes Jahr gegen den Release entschieden?
Ed Sanderson: Wir schreiben so viele Songs, und irgendwie fällt es uns als Band schwer, zufrieden zu sein. Also haben wir immer weiter daran gearbeitet. Und dieses Jahr, das wir uns noch selbst geschenkt haben, war wichtig—für uns und für die Platte.

Was hat sich in diesem Jahr geändert?
Ed: Wir hatten die Chance, noch einmal ins Studio zu gehen, für sechs Monate. Und diese Zeit war sehr intensiv und hat wieder alles auf den Kopf gestellt.
Trewin: Wir wussten alle, dass dieses Debütalbum gut werden muss, richtig gut. Eben weil wir so lange darauf hingearbeitet haben. Und irgendwann hat dann ein regelrechter Perfektionismus-Wahneingesetzt, schätz ich. Das zweite Album wird mies, das wissen wir alle, deswegen muss das erste immer so richtig knallen.

Seid ihr Perfektionisten?
Ed: Nicht alle, nein. (Lacht und schaut rüber zu Trewin)
Trewin: Ich glaube, ich bin schon sehr extrem. Ich erinnere mich an den Tag, als wir noch mal alles überarbeitet haben, und Ed kurz davor war, mich aus seinem Haus zu werfen. Ich durfte nichts mehr ändern.

Aber wenn man jahrelang an einem Album arbeitet, ist es da nicht auch normal, dass man zum Perfektionisten avanciert? Habt ihr viel diskutiert und gestritten in dieser Zeit?
Ed: Ich bin jemand, der die Kunst ab einem gewissen Punkt rationalisieren kann—falls das Sinn ergibt. Ich kann mich dann zurücklehnen und sagen: Nie wird etwas perfekt sein, nie. Aber es gibt eben einen Punkt, an dem man es loslassen muss, sonst wird es irgendwann nur schlimmer.

Ihr seid seit über 20 Jahren befreundet …
Ed: Ja, wir haben uns im Musikunterricht kennengelernt, da waren wir so sechs oder sieben Jahre alt. Und dann waren wir zusammen im Orchester, haben unsere erste Band gegründet und so weiter. Ich könnte mir gar nicht vorstellen, mit Fremden in einer Band zu spielen.
Trewin: Es ist ein bisschen absurd zu beobachten, dass die größte Herausforderung selbst für sehr bekannte Bands darin besteht, dass man sich untereinander versteht und sich nicht verkracht. Das ist anders bei uns. Es ist schön, dass man Leute um sich herum hat, bei denen man nicht viel sagen muss, damit der andere einen versteht.

Inwiefern verändert sich eine Freundschaft, wenn man erwachsen wird?
Trewin: Ich glaube, man muss sich an einem gewissen Punkt fragen, welche Freundschaften einem wichtig sind und welche nicht. Welche dir etwas geben und welche dir nur etwas nehmen. Und dann konzentriere dich auf die wichtigen Leute in deinem Leben, auf die du dich verlassen kannst. Lerne sie zu schätzen.

Was denkt ihr, was ist der perfekte Ort, der perfekte Moment, um das Album zu hören?
Trewin: Wenn man ganz alleine irgendwo sitzt, auf eine Landschaft schaut und die Musik so laut aufdrehen kann, wie es nur geht. Es ist keine Partymusik, so viel ist klar.

Habt ihr noch einen Lieblingssong auf dem Album?
Ed: Ich habe zwei: „Loss" und „Yourself Still"—für mich fassen die beiden Songs alles zusammen, was wir bisher erlebt haben. Wenn man so intensiv an einem Album arbeitet, kann man die Songs irgendwann nicht mehr hören, das muss man mal so ehrlich sagen. Aber bei diesen beiden Songs ist das was anderes.
Trewin: Ich hasse sie alle. Nein, Spaß. Ich liebe sie! Es ist nur so: Ich habe das Album produziert. Ich habe also noch mehr Zeit als die anderen Jungs mit den Songs im Studio verbracht. „Emanate" ist der Song, den ich immer noch ständig anhören kann. 

In der Pressemitteilung heißt es, dass sich alle Songs mit den Themen Liebe, Kunst, Wissenschaft und dem Zwischenmenschlichen befassen. Könnt ihr mehr darüber sagen, besonders zu dem Stichwort Wissenschaft, das ja irgendwie aus der Reihe fällt …
Trewin: Wissenschaft ist das Modell, um die Welt um dich herum zu verstehen. Mehr wollen wir darüber gar nicht sagen, denn das soll jeder für sich selbst auslegen, wenn er das Album hört.

Mein Lieblingssong von euchbis jetztist „Saving us a Riot", darin heißt es: „There's a lullaby, saving us a riot, giving back the time, stilling my desire." Welches Lied würdet ihr gerne jeden Abend zum Einschlafen hören?
Ed: Ich würde mich wahrscheinlich für klassische Musik entscheiden.
Trewin: Schwierig. Es gibt so viel gute Musik da draußen, aber Patrick Watson, „Great Escape" ist ein tolles Lullaby. Oder etwas von The Cinematic Orchestra. Oder alle Songs aus Disneys Arielle, die gehen auch immer.

Und von eurem Album? Welchen Song sollte ich hören, kurz bevor ich einschlafe?
Trewin: „Loss"! Es stimmt dich nachdenklich, aber auf eine sehr angenehme Art. Versuch das mal! 

Volition erscheint am 03. Juni bei Humming Records.

Credits


Text: Lisa Leinen
Foto: Thom Undrell