ja, wir sind noch zu retten.

Anlässlich der Deutschlandpremiere von „Tomorrow“, haben wir mit Aktivist und Filmregisseur Cyril Dion zum Gespräch getroffen.

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27 Mai 2016, 8:10am

Wir können es nicht mehr hören. Die Stimmen, die uns auf allen Kanälen folgen und uns finden. Man möchte ihn nicht mehr sehen. Den ausgestreckten, urteilenden Zeigefinger, der einem permanent vor's Gesicht gehalten und wie eine Pistole auf die Brust gesetzt wird. Wir trennen unseren Müll falsch. Wir essen ohne die Zutaten zu Hinterfragen. Wir sharen lieber cars als Fahrradwege. Und blicken betroffen und ein bisschen schuldbewusst auf eine Zukunft, die keine mehr ist. Denn wir haben den Planeten Erde zerstört. 

Stop.

Aktivist und Regisseur Cyril Dion und Schauspielerin und Drehbuchautorin Mélanie Laurent fanden es war an der Zeit, die internationale Bevölkerung darüber aufzuklären, dass wir eben nicht zwangsläufig vor dem Zusammenbruch unserer Zivilisation stehen. In zehn Ländern haben sie Initiativen und Menschen mit alternativen wirtschaftlichen und ökologischen Ideen besucht, die relevantesten Fragen unserer Zeit gestellt (und beantwortet) und mit den Erkenntnissen einen Film geschaffen, der die Perspektive ändert, der animiert statt demotiviert. Tomorrow zeigt, dass unser morgen voller Lösungen, nicht Problemen ist. Und es ist an der Zeit, dass der Zeigefinger zur Abwechslung mal auf genau diese gerichtet wird. 

Seit wann haben Sie mit Mélanie Laurent zusammengearbeitet? Die Initiative zu diesem Film ging ja von Ihnen auswar es da in gewisser Weise schwierig, die Arbeit mit jemandem zu teilen?
Wir haben 2013 angefangen, zusammenzuarbeiten. Zweieinhalb Jahre, nachdem ich angefangen hatte, das Konzept zu schreiben. Wir sind befreundet und ich bewundere ihre Arbeit als Regisseurin. Ich dachte mir, sie könnte dem Film Feingefühl und Poesie verleihen. Und das hat sie auch! Natürlich war es zuerst nicht einfach, zwei Kapitäne an Bord zu haben, aber nach ein paar Wochen hatten wir es raus, wie wir die Arbeit am Set aufteilen. Ich habe sie gebeten, den Schnitt zu übernehmen, und das hat sie getan. Darin war sie wirklich klasse.

Wie haben Sie während der Recherche die richtigen Leute gefunden, die Sie interviewen und zeigen wollten? Nach welchen Initiativen und Ansätzen haben Sie ursprünglich gesucht?
Ich kenne viele dieser Initiativen tatsächlich seit Jahren. Ich habe zu all diesen Themen eine NGO mitgegründet, ein Magazin und eine Buchreihe. Wir hatten also eher die Qual der Wahl. Ich wollte Orte auswählen, deren Errungenschaften groß genug sind, um selbst Leute zu überzeugen, die nicht an Ökologie glauben. Dann habe ich nach inspirierenden und bewegenden Menschen gesucht. Das lief fast wie bei einem Casting.

Gab es selbst für Sie, der sich jetzt schon lange mit diesen Themen auseinandersetzt, noch Überraschungen?
Eigentlich nicht. Wir hatten Angst, von Orten oder Menschen enttäuscht zu werden. Manchmal besteht ja ein Unterschied zwischen Kommunikation und Wirklichkeit ... Aber das war hier nicht der Fall. Alle Menschen, die wir getroffen haben, waren eher noch großartiger als wir dachten. Und das war entscheidend.

Wie viel konnten Sie vor den eigentlichen Dreharbeiten planen und voraussehen? Was ist unterwegs passiert und wurde in die Handlung integriert?
Alles stand vorher schon im Drehbuch und war genau vorbereitet, es gab keine größeren Überraschungen. Tut mir leid, Sie da enttäuschen zu müssen.

Was ist der größte Irrglaube unserer Gesellschaft?
Da gibt es mehrere. Zunächst mal die Vorstellung des grenzenlosen Wachstums. Nichts in der Natur kann unendlich wachsen. Deshalb müssen wir in einer Vielzahl von kleinen, vernetzten Systemen denken statt in riesigen Strukturen. Dann die Vorstellung, wir könnten nicht auf fossile Brennstoffe verzichten. Das können wir, wie zahlreiche Orte auf der Welt beweisen. Dann der Glaube, dass einzig die chemische Landwirtschaft die Menschheit ernähren könne. Mit Permakultur ist es möglich, mehr zu produzieren und die Natur dabei zu schützen und sogar wieder zu erneuern. Wir könnten diese Liste noch lange fortsetzen ...

Was kann ich heute tun, um etwas zu verändern? Gibt es so etwas wie eine „Grundanleitung zur Weltverbesserung"?
Es gibt zweifellos eine Menge solcher Anleitungen, ja! Auf der Website zu unserem Film findet sich auch eine. Grob gesagt, sind das Dinge, die jeder in seinem Alltag tun kann: biologisch und lokal essen, Fleisch und Fisch reduzieren (oder aufgeben), einen Stromanbieter mit erneuerbarer Energie wählen, zu einer ethisch orientierten Bank wechseln, recyceln, wiederverwenden, weniger kaufen, Unternehmen boykottieren, die Menschen vertreiben oder die Natur zerstören. Und darüber hinaus gibt es noch wirkungsvollere Dinge: Jeden Tag in allem, was man tut, die Welt aufbauen, die man bewohnen möchte. Den Beruf ausüben, der einen begeistert und für den man begabt ist, und zwar möglichst immer zum Nutzen der anderen.

Wie haben Sie schließlich diese besondere dramaturgische Form entwickelt, mit Ihnen als Erzähler und Mélanie als neugierige Fragestellerin, die von Freude statt von Angst geleitet wird?
Wir haben uns bemüht, so ehrlich wie möglich unsere wirklichen Unterhaltungen wiederzugeben. Wir wollten unsere Geschichte erzählen, die eines Jungen, der diese Themen ziemlich gut kennt und seine Freundin (und selbst deren Freunde) auf der Suche nach Lösungen rund um die Welt führt. Wir haben nichts erfunden. Und vielleicht konnte sich das französische Publikum deshalb mit uns identifizieren und hat sie so berührt.

Können Sie uns die Struktur der Kapitel erklären?
Ich wollte zeigen, dass alles miteinander verknüpft ist. Dass wir die Probleme nicht isoliert behandeln können. Die Kapitel erzeugen eine eigene Dramaturgie: Zum Ende jedes Kapitels stoßen wir auf eine neue Schwierigkeit und müssen wieder los. Somit hatten wir eine nicht-lineare Erzählung. Und dann erlauben die Kapitel dem Zuschauer auch, seine Gedanken zu sortieren. Er erhält so viele Informationen, dass es hilfreich ist, wenn er sich zwischendurch sagen kann: „Gut, das war jetzt die Landwirtschaft, kommen wir jetzt zur Energie." Wir haben mit der Ernährung angefangen, weil das unser wichtigster Bedarf ist. In dem Maße, wie wir da Lösungen finden, begreifen wir, dass das größte Hindernis für einen Wandel die Erdölindustrie ist, die ein enormes Gewicht im Nahrungsmittelsektor besitzt. Sehr schnell haben wir gesehen, dass wir technisch gesehen längst zu 100 % auf erneuerbare Energien umsteigen könnten, aber dass es den Staaten und Städten zu teuer ist, weil sie zu verschuldet sind. Daher wollten wir verstehen, wie wir Wirtschaftssysteme errichten können, in denen die Ökologie wirtschaftlicher ist als Verschmutzung und Vernichtung. Und die gibt es! Aber dazu wären Gesetze nötig, die die Unternehmen zur Energiewende zwingen, damit fossile Energien nicht mehr konkurrenzfähig sind. Und im Moment hat die Finanzwelt die Kontrolle über unsere Demokratien übernommen. Also tauchen wir in dieses neue Kapitel ein, in dem wir auch faszinierende neue Modelle entdecken. Aber damit die funktionieren, müsste sich jeder Bürger verantwortlich fühlen, müsste wissen, worum es geht und sich einbringen ... Womit wir schließlich bei der Bildung landen.

Wie können Sie die Wirkung Ihres Films bemessen?
Das ist schwierig! Wenn ich ein Unternehmer wäre und nach Indikatoren suchen würde, würde ich sagen, es wäre die Anzahl der Zuschauer, der Länder und der Aktionen, von denen uns Zuschauer anschließend berichten. In Frankreich haben wir mittlerweile die Ein-Millionen-Grenze überschritten und der Film wurde in 30 Länder verkauft. Und wir erhalten Hunderte von Nachrichten zu Aktionen. Das ist sehr viel!

Haben Sie sich selbst nach oder während des Films verändert?
Wir sind beide Vegetarier geworden. Und das hat natürlich unsere Sichtweise auf die Welt verändert. Heute glaube ich, das Wichtigste ist, seinen Platz in der Welt zu finden und frei und autonom zu werden. Und zu meinem großen Glück habe ich endlich den Eindruck, meinen Platz gefunden zu haben. 

Nachdem ich Tomorrow gesehen habe, erscheinen mir jetzt alle Dokumentationen unsinnig, die demotivieren, mit dem Finger auf andere zeigen und auflisten, was alles schiefläuft, anstatt zu zeigen, wie es besser gehen kann. Warum sind Sie die ersten, denen es gelingt, zu diesem schweren Thema einen so positiven und „leichten" Film zu drehen?
Das frage ich mich auch! Jahrelang habe ich darauf gewartet, dass jemand diesen Film macht. Es schien mir einleuchtend, dass er nötig ist und dass die Leute ihn angucken würden, weil sie ihn brauchen. Aber weil da nichts kam, hab ich angefangen, ihn selbst zu schreiben. Für mich beweist das eine Sache: Wenn du eine starke Idee, einen Traum hast, warte nicht lange, sondern leg einfach los!

Tomorrow ist ab dem 02. Juni deutschlandweit in den Kinos zu sehen. 

tomorrow-derfilm.de

Einige Aufnahmen aus Tomorrow:

Vandana Shiva, indische Aktivistin und Wissenschaftlerin sowie Gründerin von Navdanya, einer Stiftung, die indischen Gemeinden hilft, landwirtschaftliche Samenbanken einzurichten.

Aufruf zum Boycott der Supermarktkette „Tesco"

Rob Hopkins, Ausbilder für Permakultur, Gründer der Bewegung „Städte im Übergang" in Totnes, erklärt die Vorteile von lokalen Währungen.

Nick Green, Mit-Initiator und Gärtner der öffentlichen Gemeinschaftsgärten von Todmorden, Großbritannien.

Das Team bei Dreharbeiten in Totnes, Großbritannien.

Der Trailer zum Film: 

Credits


Text: Zsuzsanna Toth 
Übersetzung: SUBS Hamburg/Andrea Kirchhartz
Fotos: Tereza Mundilová (Porträt) und via Pandorafilm