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erwin wurm und seine mutti kommen nach berlin

Heute Abend wird „Erwin Wurm. Bei Mutti“ in der Berlinischen Galerie eröffnet. Erwin Wurm hat nicht nur sein Elternhaus, sondern auch zahlreiche, ungesehene Zeichnungen mitgebracht. Wir haben uns die Ausstellung vorab für dich angeschaut und erzählen...

von Lisa Leinen
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14 April 2016, 1:55pm

© Erwin Wurm, VG BILD-KUNST Bonn, 2016 , courtesy: Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg, Paris

Die spanische Schulklasse, die an diesem Vormittag durch die Räume der Berlinischen Galerie streift, hat verstanden, worum es dem Künstler Erwin Wurm geht: Teil der Kunst werden, sich drauf einlassen, damit spielen, und amüsiert darüber lachen können. Zwei Jungs stecken ihre Köpfe in die kleine Hundehütte, von Wurm als „Beichtstuhl" betitelt, die auf dem weißen Boden steht, eine kleine Gruppe tänzelt um die rote Ledercouch herum, bis sich schließlich alle darauf fallen lassen und der Klassenclown den Kopf durch das Loch im Polster steckt. Die rote Ledercouch ist eine der elf „One Minute Sculptures", die Wurm seit nunmehr fast 20 Jahren präsentiert. Dabei positioniert er diverse Gegenstände, wie Stühle, Pullover, Bücher oder Tennisbälle, auf einem weißen Podest. Darauf zu finden sind dann kleine Zeichnungen und Anweisungen, welche Position man einnehmen muss, um als Performance-Akt Teil seiner Kunst zu werden—wenn auch nur für wenige Sekunden. Mit der Radikalisierung des Skulpturbegriffs wurde Erwin Wurm berühmt. Das weiß die spanische Schulklasse vielleicht nicht, aber das ist vielleicht auch gut so.

Erwin Wurm, Open your trousers, put flowers in it and don't think ... (One Minute Sculpture), 2002, © Erwin Wurm, VG BILD KUNST, Bonn 2016, courtesy Studio Erwin Wurm

Währenddessen erklärt der österreichische Künstler im Nebenraum, wie wichtig ihm seine Zeichnungen sind. Dass sie der Ursprung zu allem seien, sein Notizbuch, das er nun mit der Öffentlichkeit teil. Es sind kleine Zeichnungen, die meisten tragen provokante, aber durchaus charmante Titel wie „Open your trousers, put flowers in it and don't think …"—Viele der gezeichneten Gesichter und Körper seien Mitarbeiter, Menschen aus seinem täglichen Umfeld. Oder eben er selbst. „Man kann bei sich selbst am meisten Peinlichkeiten abfragen", witzelt er mit charmantem Wiener Dialekt. Die Zuhörer—jung wie alt, Studenten wie Kunsthistoriker—schmunzeln und klatschen leise. 

Auch seine neuen Werke, die er gewohnt direkt „Neue Werk" betitelt hat, zeigen Alltagsgegenstände wie einen Kühlschrank, eine Wanduhr oder ein Telefon, die er in so großem Stil deformiert und verbeult hat, dass sie surreal im Raum stehen, und plötzlich alles andere als alltäglich erscheinen. Diese Gegenstände seien in den letzten Monaten entstanden und er habe die Materialien mit seinem Körper verformt, erleutert Wurm. 

In einem weiteren Teil der Ausstellung geht es—wie so oft in seinen Arbeiten—um den Körper, als zentrales Thema, als Ausgangspunkt. Auch diesen kann man deformieren, das wissen wir alle. Wurm hat für „Von Konfektionsgröße 50 zu 54 in acht Tagen" einen strikten Plan zur Modifizierung erstellt: Viel schlafen, wenig Bewegen, Verstopfungstee trinken, sogar nahrhafte Rezepte hat er dazu geschrieben. Das genaue Protokoll kann man sich nun auch hier in Berlin anschauen.

Besonders eindrucksvoll ist die Arbeit „Narrow House", ein detailgetreuer Nachbau seines Elternauses, verkleinert auf eine Breite von nur 1,10m. Und dennoch erscheint es riesig und beindruckend, wie es so im Eingangsraum der Ausstellung steht. Nun sind wir also wirklich „bei Mutti" angekommen. Im Wohnzimmer hängen die alten Familienfotos, im Badezimmer stehen noch die Hausschuhe, in der gemütlichen Küche würde man gerne Platz nehmen—wenn man denn könnte. Die Wände scheinen bereits nach wenigen Minuten noch näher zu kommen, als sie eh schon sind. Und selbst ohne klaustrophische Ängste, hat man schnell das Bedürfnis, nach draußen zu stürmen und nach Luft zu schnappen. „Das Haus, mein Elternhaus, das steht immer noch genau so in meiner Heimat. Dieses Kunstwerk beschäftigt sich mit der Enge der Provinz, und dem Gefühl, dort ausbrechen zu wollen", erzählt Wurm, während er gelassen an den Eingangstreppen in seine Vergangenheit lehnt. Dann spricht er von den Differenzen mit seinem Vater, weil der nicht verstanden hat oder verstehen wollte, dass der Sohn Künstler werden wollte. 

Wurm, der damals als Rebell von zu Hause ausgebrochen ist, hat sein rebellenhaftes Gemüt nicht verloren—ist aber vielleicht jetzt mehr angekommen. Und vielleicht auch für alle ein bisschen zugänglicher, zumindest den ganzen Sommer lang.

„Erwin Wurm. Bei Mutti" eröffnet heute Abend in der Berlinischen Galerie. 

Erwin Wurm, Narrow House, Pilane 2015, © Erwin Wurm, VG BILD-KUNST Bonn, 2016, Foto: Studio Wurm

Erwin Wurm, Narrow House, Pilane, Innenansicht, 2015, © Erwin Wurm, VG BILD-KUNST Bonn, 2016, Foto: Studio Wurm

Erwin Wurm, Leopoldstadt, 2004, © Erwin Wurm, VG BILD-KUNST Bonn, 2016 , courtesy: Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg, Paris, Foto: Studio Erwin Wurm

Erwin Wurm, Phone, 2015, © Erwin Wurm, VG BILD KUNST, Bonn 2016, courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Paris, Salzburg, Foto: Eva Würdinger

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Credits


Text: Lisa Leinen
Fotos: Studio Erwin Wurm & Eva Würdinger