kunst und fetisch: über das werk und den einfluss von tom of finland

„Und wenn wir eins von Toms Arbeiten lernen können, dann doch wohl Grenzen zu überschreiten und Tabus zu brechen.“ – Der Künstler und Kurator Lennart Münchenhagen im Gespräch über seine neue Gruppenausstellung in Hamburg, in der er Arbeiten von Tom of...

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März 23 2016, 10:15am

von links nach rechts: Lennart Münchenhagen, Diana (Stele Silver), beschossene Keramik und Stahlrohr, 2014, ca. 80 x 10cm auf Sockel / Tom of Finland, 1977 pencil on paper 13.75 x 7,75 inches / Lars Hinrichs, UNTITLED (BUG), 2016, AQUARELLE, 33 X 25 CM

Als die finnische Post das Lebenswerk des revolutionären Erotic-Art-Künstlers Tom of Finland (1920 - 1991) im Jahre 2014 mit einer Sonderbriefmarke ehrte, soll der Sankt Petersburger Politiker Witali Milonow, einer der starken Befürworter des restriktiven russischen Anti-Schwulen-Gesetzes, verlangt haben, Briefe nach Russland damit besser nicht zu frankieren. Denn Tom of Finlands Illustrationen von echten Männern visualisierten erstmalig einen neuen, besonders kräftigen Männertyp, dessen Ästhetik von Arbeitern, Matrosen, Polizisten und Soldaten geprägt ist. Doch trotz oberschenkelgroßer Oberarme und gewaltiger Brustkörbe, die in enge Motorradkombis gepresst sind, wirken diese martialischen Testosteron-Batzen gleichzeitig stets freundlich, ja geradezu neckisch.

Seine Vorliebe für Uniformen und stilisierten Drill entwickelte Tom of Finland bereits während des Zweiten Weltkriegs, wo er sich als junger Mann, bevorzugt bei Fliegeralarm, in den Kellern Helsinkis herumtrieb und sich mit gleichgesinnten Soldaten der Wehrmacht vergnügte. So lassen sich in nicht wenigen seiner Zeichnungen „Knobelbecher" entdecken.

Auch später mied er die bekannten Treffpunkte der Schwulenszene, deren Besucher er als „verweichlichte Paradiesvögel" empfand. Stattdessen suchte er nach Stiefeln, nach Leder—nach idealisierter Männlichkeit. In den 1950ern fand er all das jedoch noch vornehmlich in seiner Fantasie, der wir heute sein umfangreiches ?'uvre zu verdanken haben, das bereits in den 1970ern in Hamburg, Los Angeles und New York ausgestellt und gewürdigt wurde.

Nun kehren Tom of Finlands Werke in die Hansestadt zurück: Vom 01. April bis zum 14. Mai werden sie in der Ausstellung Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit im Elektrohaus zu sehen sein. Wir haben mit dem Künstler und Kurator Lennart Münchenhagen über sein Ausstellungskonzept, den subversiven Umgang mit Hierarchien und das Brechen von Konventionen gesprochen.

Britta Thie, Translantics 

Wie kamst du dazu, eine Tom-of-Finland-Ausstellung in Hamburg auf die Beine zu stellen?
Es gab vor Kurzem eine Tom-of-Finland-Ausstellung im Artist Space in New York, die vom MOMA unterstützt wurde, und die jetzt im Sommer nach Helsinki in die Kunsthalle weiterzieht. Noch während meines Kunststudiums kam die Sammlung Tangermann 2015 auf mich zu und schlug mir vor, eine Ausstellung in Hamburg zu organisieren. Dass wir die Werke im Elektrohaus zeigen und nicht in den Deichtorhallen oder der Kunsthalle, verdeutlicht auch worum es Tom of Finland in seinen Zeichnungen geht: den subversiven Umgang mit Hierarchien.

Rachel Hughes

Wie wird die Ausstellung aussehen?
Ich wollte mit anderen Künstlern zusammenarbeiten und eine Gruppenausstellung in einer Off-Location wie dem Elektrohaus konzipieren. Mir kam der Titel Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit sofort in den Sinn, was bereits erahnen lässt, dass wir in drei Teilen arbeiten. In jedem Abschnitt wird Tom mit seinen Werken präsent sein, wobei das begleitende Umfeld jedoch immer ein anderes sein wird. Es wird dann abwechselnd Sachen von Norbert Bisky, William S. Burroughs, Rummelsnuff, Bjarne Melgaard, Britta Thie, auch von mir selbst, und anderen zu sehen geben. Im Metropolis Kino zeigen wir zusätzlich auch noch Querelle von Rainer Werner Fassbinder. 

Terence Koh, DAVID DAVID IT´S A COLD WINTER LET´S REST FOREVER TILL WE FALL ASLEEP, 2007, Plaster, Paint on Plinths (Two Parts) Dim Var.

Das klingt erstmal nach einem bunten Haufen. Was verbindet die Arbeiten der Künstler mit Tom of Finland?
Auf jedem zweiten Bild von Bjarne Melgaard steht Fassbinder drauf. Die Ästhetik in Querelle erinnert stark an die Zeichnungen von Tom. Melgaards Persönlichkeit natürlich auch und Rummelsnuff sowieso; der sieht auch im echten Leben aus, als hätte Tom ihn gemalt. Britta Thies Arbeiten setzen sich mit Stereotypen, Selbstdarstellung und sozialen Netzwerken auseinander. Darum ging es Tom auch immer. Ich sehe in allen Arbeiten verbindende Elemente, bei denen es um Emanzipation und Befreiung geht. Wer nur „Sex, Sex, Sex" erwartet hat, den muss ich leider enttäuschen. [Lacht]

Du betonst, dass es dir nicht ausschließlich um Sex und Fetisch geht, was ist dir persönlich stattdessen wichtig?
Ich glaube, dass die Zeichnungen von Tom of Finland unsere ganze Gesellschaft geprägt haben. Manchmal fragt man sich, ob es noch politische Kunst gibt oder ob Kunst einen politischen Einfluss ausüben kann. Hier sehen wir meiner Meinung nach ein echtes Beispiel dafür, dass Kunst zur Befreiung—sei sie sexuell oder rein politisch—beitragen kann. Toms Fetisch-Zeichnungen haben das bürgerliche Bild auf Homosexualität verändert. Wobei das natürlich nicht nur positive Effekte hat.

Lennart Münchenhagen, Diana (Stele Gold), beschossene Keramik und Stahlrohr,  2014, ca. 80 x 10cm auf Sockel 

Verfolgst Du in irgendeiner Weise einen pädagogischen Anspruch nach dem Motto „Hey Kids, Fetisch ist Kunst"?
Nein, bloß nicht! Ich bin selbst kein Teil der schwulen Fetischkultur und deshalb absolut der falsche Ansprechpartner für pädagogisch aufbereitete Analysen des Schwulseins und seinem Wandel in den letzten Jahrzehnten. Mir geht es um das Künstlerische, die emanzipatorische Kraft von Kunst und die Querverbindungen zwischen den einzelnen Künstlern. Ich will hier keine Lehrbücher aufschlagen, weil man mit einem solchen Ansatz nie weit kommt. Die Leute sollen sich einfach angeregt fühlen, Grenzen zu sprengen.

BM/P 43, Bjarne Melgaard, Untitled (Fashion Drawing), 2014, Buntstift auf Papier, 45 x 35,5 cm, 67 x 57,5 cm, gerahmt

Wenn wir über Politik oder Sex sprechen, dann spielt Macht immer eine große Rolle. Wie deutest du die brachiale Symbolik in Toms Arbeiten?
Die Arbeiten von Tom haben zwar immer ein eindeutiges Machtgefüge, aber wenn man die Gesichter der Akteure genau betrachtet, dann erkennt man eine gewisse Heiterkeit und Genuss. Alles passiert einvernehmlich. In einem Bild wird zum Beispiel ein Polizisten von einem Motorradfahrer verführt. Alleine diese kleine Symbolik dreht die allgemein geltenden Machtverhältnisse einfach um. Das hat schon etwas Revolutionäres. Solche Fantasien funktionieren gerade deswegen, weil es in der Realität strikte Hierarchien gibt, und der Polizist, der dich auf der Landstraße zur Verkehrskontrolle herauswinkt, vermutlich in den seltensten Fällen Sex mit dir haben will.

Gabriella Rioux

Das Elektrohaus liegt in St. Georg, einem Stadtteil, der zwar für seine schwule Szene bekannt ist, gleichzeitig aber auch das muslimische Zentrum der Stadt bildet. Entsteht da nicht ein Spannungsverhältnis zwischen euch und der Moschee gleich um die Ecke?
Ich habe beschlossen, Kontakt mit der islamischen Gemeinde aufzunehmen und ganz offen mit dem Thema an sie heranzutreten. Dass aus der Moschee gegenüber auch viele die Ausstellung anschauen werden, glaube ich weniger. Ich denke aber, dass St. Georg ein Symbol für die respektvolle Koexistenz ist. Es gibt da auch Toms Saloon, den Tom in den 70ern gegründet hat und der nicht weit von einem Gebetshaus liegt. Zu Anfeindungen kommt es eigentlich nie. Und wenn wir eins von Toms Arbeiten lernen können, dann doch wohl Grenzen zu überschreiten und Tabus zu brechen.

Tom of Finland Untitled, 1976 Collection Ulrich Tangermann, Hamburg 

Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit eröffnet am 01. April 2016 im Elektrohaus in Hamburg. Zu sehen sind Arbeiten von Tom of Finland, Norbert Bisky, CALL, Reiner Werner Fassbinder, Britta Thie, Lars Hinrichs, Bjarne Melgaard, Rummelsnuff, Sophie Schweiger, Gerrit Mencke und Lennart Münchenhagen.

elektrohaus.net

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Credits


Text: Lorenz Hartwig
Fotos über den Kurator