so lebt europas alte elite

Die amerikanische Fotografin Tina Barney hat für ihr Projekt „The Europeans“ die europäische Oberschicht fotografiert und Gemeinsamkeiten zwischen den Ländern entdeckt.

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Apr. 24 2017, 10:42am

Es ist fast einen Monat her, dass die britische Premierministerin Theresa May formell den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union eingereicht hat. Dieses historische Ereignis wird nicht nur das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland nachhaltig prägen, sondern wirft auch ein aktuelles Licht auf die uralte Frage: In welchem Verhältnis steht England zu Europa? Ist es Teil davon oder nicht?

Die Nachkriegsgeschichte zwischen dem United Kingdom und Kontinentaleuropa war nie einfach. Als Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Frankreich, Italien und Westdeutschland 1957 die Vorläuferorganisation der EU, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), gründeten, verhielten sich die Briten ablehnend, ganz nach dem Motto: „Uns geht es gut, Jaques. Danke, nein." Großbritannien hatte den Krieg gewonnen und hatte sein Commonwealth. Im Selbstverständnis war Großbritannien anders.

Diese Sicht beruhte auf Gegenseitigkeit: Für die Kontinentaleuropäer war das Inselreich anders. Als der britische Premierminister Harold Wilson Anfang der 60er dann doch Interesse an der EWG zeigte, sagte Charles de Gaulle „Non". Für ihn sei „Großbritannien eine „Insel", die von sehr originellen Gewohnheiten und Traditionen geprägt sei.

Der Rest ist Geschichte. 1973 war es dann so weit: Großbritannien wurde Teil der europäischen Institutionen, die wir heute EU nennen. Letztes Jahr haben die Bürger Großbritanniens für den Austritt gestimmt. Trennt Kontinentaleuropa und Großbritannien mehr als nur der Kanal? Sind die Kulturen unterschiedlich? Oder gibt es doch Gemeinsamkeiten zwischen den Anglosachsen und den Kontinentaleuropäern?

Diese Frage hat sich auch die amerikanische Fotografin Tina Barney in ihrem epischen Werk The Europeans gestellt. Während einer acht Jahre dauernden Tour durch Österreich (1996), Italien (1996-98), England (2001), Frankreich (2002), Spanien (2003) und Deutschland (2004) hat sie die Oberschicht auf beiden Seiten des Kanals fotografiert und dabei länderübergreifende, kulturelle Gemeinsamkeiten festgehalten. Die Fotoserie ist eine Studie über die Klasse der Erben, der Erbstücke und der Von und Zus. Es ist eine Studie darüber, was genau Europäer zu Europäern macht, aus dem Blickwinkel einer Amerikanerin.

Wie kam es zu dem Projekt The Europeans?
Damals habe ich mich bei der American Academy in Rom als Visiting Artist beworben, wurde genommen und habe Freunde gefunden, die zufällig Italiener waren und mir geholfen haben, die Leute zum Fotografieren zu finden. Der Rest ist durch den Dominoeffekt entstanden. Ich hatte nie gedacht, dass daraus ein achtjähriges Projekt entstehen oder ich sechs Länder besuchen würde. Ich dachte, dass es nur eine einmalige Angelegenheit sein würde. Als ich die Menschen besucht habe, war das so faszinierend. Die Italiener haben mir gesagt: „Meine Schwester ist mit einem Österreicher verheiratet. Oder meine Schwester oder mein Bruder mit einem Spanier oder einer Spanierin". Da habe ich begriffen, dass zwischen diesen Ländern Verbindungen existieren.

Hast du viel Zeit mit den Motiven verbracht oder ging alles schnell?
Sehr schnell. Es gab Leute, bei denen ich übernachtet habe. Aber meistens waren die Besuche so kurz wie bei Jobs für Editorials. „Hallo, wie geht es Ihnen?", dann ins Zimmer, das Licht aufgebaut, das Foto gemacht und wieder weg. Eine einmalige Sache. Ich habe diese Menschen nie wiedergesehen. Das werde ich für den Rest meines Lebens wahrscheinlich auch nicht.

Die Fotos sind sehr formell. Warum?
Das war auch schon bei meinem Bildband Theatre of Manners so, damit hat alles angefangen. Ich war frustriert und habe versucht, in meinen Fotografien eine interessante Struktur zu schaffen. Ich hatte das Gefühl, dass ein Foto ein langweiliges, flaches Stück Papier war. Ich habe mich offensichtlich bei den holländischen Malern aus dem 17. Jahrhundert inspirieren lassen und noch mehr von den Italienern. Ich dachte mir: „Warum soll ich das nicht auch bei einem Foto versuchen?" Das Foto so anordnen, damit eine Narrative und damit ein interessanter visueller Raum entstehen kann. Die Leute und Settings waren durch ihre Formalität so einschüchternd. Jeder weiß, dass die Amerikaner viel lockerer sind. Mir wurde sehr schnell klar, dass ich diese Leute keine Anweisungen geben konnte. Ich konnte nichts weiter machen, als zu zeigen, wie sie sind.

Warum interessieren sich immer noch Leute für die Fotos?
Die Leute sind besessen von Fernsehserien wie Dallas oder The Tudors und dergleichen. Die Fotos zeigen ein Leben, das für Amerikaner kein Ideal eines adligen Lebens darstellt. Ich kann es mir nur so erklären.

War Europa für dich eine Einheit oder waren es einzelne Länder?
Das ist eine interessante Frage. Ich glaube, es gibt Dinge, die in diesen Ländern sehr ähnlich sind. Meistens hat das mit einem ähnlichen Geschmack zu tun, das war ja schon immer so. Die Leute reisen und denken sich: „Oh, das mag ich. Das werde ich auch machen". Bei allen gab es eine gelbe Wand. Was auch ähnlich ist, sind die Idee des Familiensitzes und der Respekt vor dem Vater, der Mutter und dem ältesten Sohn.

Hast du ein Lieblingsfoto?
Es gibt ein Foto mit dem Titel The Granddaughter und eines mit The Young Lady. Das eine ist in Deutschland, das andere in Frankreich entstanden. Oder das Foto The Hands, das von dem Jungen mit einem blau-weißen Shirt und seinem Vater. Diese Kinder haben irgendwas. Kinder in diesem Alter sind ja meistens unzugänglich, aber wenn man das richtige Thema hat, kann man Orte sehen, die man im echten Leben nicht so ohne Weiteres sieht. Meistens sieht man solche Orte durch die Augen der Kinder. Das ist toll.

Credits


Text: Matthew Whitehouse
Fotos: Courtesy of Tina Barney and Paul Kasmin Gallery