5 Bücher darüber, warum Freundschaften nicht ewig halten

Was wurde eigentlich aus "Best friends forever"? Was aus "Wir gegen den Rest der Welt"? Selbst die besten Freundschaften halten nicht für ewig, obwohl man sich wünscht, es sei anders. Diese Bücher bringen dich darüber hinweg.

von Kai Hilbert; Fotos von Alexandra Bondi de Antoni
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18 Juli 2016, 8:40am

Shotgun Lovesongs, Nickolas Butler
Nicht im Traum wäre ihnen eingefallen, dass ihr Bund eines Tages nicht mehr derselbe sein könnte, langsam an Kraft verliert, auseinanderbricht. Henry, Ronny, Kip, Lee und Beth sind in der Farmerstadt Little Wings aufgewachsen. Nach den gemeinsam verbrachten Jugendjahren, geschmiedeten Plänen und dem ganzen großartigen Unsinn, der jene Zeit ausmacht, treibt das Leben die fünf Freunde auseinander. Henry und Beth, die bereits zu Schulzeiten ein Paar gewesen sind, heiraten, bleiben in Little Wings, sind Eltern zweier Kinder. Ronny, einstmals Rodeo-Reiter, nach einem schweren Unfall dem Alkohol verfallen, ist auf die Hilfe seiner Freunde Henry und Beth angewiesen. Lee und Kip zieht es hinaus in die Welt. Lee als gefeierter Musiker, Kip als erfolgreicher Geschäftsmann. Doch der Erfolg von Lees Album Shotgun Lovesongs stillt weder die Sehnsucht nach dem Leben, das sein bester Freund Henry lebt, noch die Sehnsucht nach seiner großen Liebe, die ihn zurück nach Little Wings treibt. Als auch Kip in die Heimatstadt zurückkehrt, um dort zu heiraten, ist die Clique von damals wieder vereint. Doch unter der Oberfläche brodelt es. Wird die Einigkeit aus vergangenen Tagen den Sehnsüchten, Geheimnissen und unterschiedlichen Lebensentwürfen der einzelnen Protagonisten standhalten können?


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Nickolas Butler hat einen wundervoll unaufgeregten Roman über Freundschaft, Heimat und Musik geschrieben, der sich in den aus verschiedenen Perspektiven erzählten Kapiteln so einfühlsam und ehrlich entfaltet, wie man es selten gelesen hat. Fun Fact: Für den Charakter des Lee diente Justin Vernon, Frontmann von Bon Iver, als Vorbild. Butler ging mit ihm zur Schule.

Vom Ende einer Geschichte, Julian Barnes
Gibt es eigentlich etwas Besseres, als mit seinen besten Freunden herablassend auf die Welt der Erwachsenen zu blicken? Kaum. Tony und Adrian tun das und scheuen nicht davor zurück, die Elterngeneration an den Pranger zu stellen. Doch Anprangerung fällt weitaus leichter, als selbst Verantwortung zu übernehmen und sich mit seiner eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Diese Lektion werden die zwei Freunde zeit ihres Lebens zur Genüge am eigenen Leib erfahren. Für das Studium trennen sich ihre Wege, den hochbegabten Adrian treibt es nach Cambridge, Tony studiert in Bristol, wo er mit Veronica zusammenkommt. Die Beziehung steht jedoch unter keinem guten Stern und kurz nachdem sich Tony von Veronica trennt, erhält er einen Brief, dass sie nun mit Adrian zusammen sei. Tony, von Eifersucht zerfressen, antwortet ebenfalls schriftlich mit übelsten Beleidigungen. Nach Abschluss des Studiums erfährt Tony vom Suizid seines alten Weggefährten. Doch erst Jahre später, als Veronica ihm die Kopie einer Seite aus Adrians Tagebuch zuspielt, holt Tony die Vergangenheit wieder ein. Der Inhalt stellt Tonys bisheriges Leben völlig auf den Kopf, wirft Fragen der Verantwortlichkeit auf und stellt letztlich Tonys eigene Version in Frage. Zu einem Zeitpunkt, an dem bereits alles zu spät schien, bietet sich Tony die Möglichkeit, Frieden mit seinem einstigen Freund zu schließen. Doch um dies zu schaffen, muss er ein dunkles Geheimnis lüften und sich selbst – so wie er und Adrian es einst während der Schulzeit mit ihrer Elterngeneration taten – an den Pranger stellen.

Julian Barnes entfaltet sprachlich virtuos ein tiefpsychologisches Panorama der Befindlich- und Eitelkeiten, Freund- und Feindschaft, Verantwortung und Verurteilung, Selbsttäuschung und Intrige. Es wundert nicht, dass er für Vom Ende einer Geschichte mit dem angesehenen Man Booker Prize ausgezeichnet wurde.

Die Gierigen, Karine Tuil
Freundschaft und Liebe liegen manchmal nahbeieinander und zuweilen kann sich dies als gefährliche Mischung entpuppen. Samuel, introvertiert und vom Dasein als Schriftsteller träumend, ist Adoptivsohn jüdischer Eltern und mit der selbstbewussten, schönen Nina zusammen. Der dritte im Bunde ist Samir, Sohn einer muslimischen Witwe, aufgewachsen in den für Armut und Kriminalität bekannten Banlieues. Die drei sind zwanzig und voller Ideale, die sie in einer gemeinsamen Zukunft verwirklicht sehen wollen. Doch als Samuel nach Israel reist, lässt sich Nina auf eine Affäre mit dem charismatischen Samir ein. Vertrauen und Freundschaft zerbrechen, Samir verlässt Frankreich. Zwanzig Jahre später: Samuel und Nina haben sich versöhnt und leben als Sozialarbeiter und Model für Haushaltskataloge in ärmlichen Verhältnissen, als sie im Fernsehen ein ihnen nur allzu bekanntes Gesicht erblicken. Es ist Samirs, der mittlerweile erfolgreicher Staranwalt in New York City ist. Um dies zu werden, hat er seine muslimische Herkunft verleugnet und sich Samuels jüdische Identität und zudem dessen tragische Lebensgeschichte angeeignet. Der vor Eifersucht vergehende Samuel bringt Nina dazu, den Freund von einst nach Paris zu locken, um sich an ihm rächen zu können.

Zugegeben, hier geht es um weit mehr als um eingeschlafene Freundschaften. Karine Tuil zeichnet das Abbild einer gierigen Gesellschaft und zeigt in diesem komplexen Gewirr der Eitelkeiten auf, wie aus Freunden Rivalen und aus Rivalen Feinde werden können. Sprachlich gewandt, gesellschaftlich relevant und verdammt spannend.

Der wiedergefundene Freund, Fred Uhlmann
Hans Schwarz ist sechzehn Jahre alt und Sohn eines jüdischen Arztes. Konradin von Hohenfels ist ebenfalls sechzehn Jahre alt und entstammt einer wohlhabenden Adelsfamilie. Gemeinsam besuchen sie ein exklusives Elite-Gymnasium. Als Konradin 1932 zur Klasse hinzustößt, passiert etwas Seltsames. Hans, aus der Mittelschicht stammend, normaler Kerl, durchschnittliche Noten, konnte sich nie so recht ins Gefüge der Reichen und Blaublüter integrieren. Während die Mitschüler um die Gunst des Grafen von Hohenfels buhlen, ist Hans es, der es schafft, Konradin mit seinen Literaturkenntnissen nachhaltig zu beeindrucken. Zwischen den beiden entsteht eine innige Freundschaft. Beide vertrauen sich alles an und Konradin ist häufiger und gern gesehener Gast im Hause Schwarz. Hans auf der anderen Seite kommt jedoch selten in den Genuss, Konradin besuchen zu dürfen und wenn, dann trifft er die hohen Herrschaften Eltern nie an. Ein erster feiner Riss, der noch zu übersehen ist, entsteht zwischen den beiden. Das ändert sich allerdings rapide als sich die politische Lage zusehends zuspitzt. Nach der Machtübernahme der Nazis zeigt sich Konradin begeistert von Hitler, in der Schule kommt es immer häufiger zu antisemitischer Hetze. Langsam dämmert Hans es, warum er im Hause Hohenfels nicht willkommen ist. Nachdem die Kumpel von einst vorerst auf Distanz zueinander gehen, zerbricht die Freundschaft schließlich vollends. Hans emigriert nach New York, wo ihn erst dreißig Jahre später ein Brief erreicht, der ihn seinen alten Freund wiederfinden lassen soll.

Das Buch, das stark biografische Züge Uhlmans trägt, erzählt von Freundschaft, von der Vergiftung derer, davon, dass selbst die stärksten Freundschaften nicht vor den äußeren Umständen gefeit sind und letztlich vom schmerzlichen und sich doch immer lohnenden Versuch der Versöhnung.

Narziß und Goldmund, Hermann Hesse
Der junge Goldmund ist nicht begeistert, als sein Vater ihn als Schüler einer Klosterschule hinter dicken Mauern abliefert. Goldmund ist hübsch, er ist klug und er ist verdammt widerspenstig. Das Klosterleben wäre für ihn nicht zu ertragen, wäre da nicht Narziß, streng gläubiger, immerzu beherrschter und pflichtbewusster Lehrgehilfe der Schule. Obwohl komplett gegensätzlich, freunden sich die beiden an, gehen völlig in der Bewunderung für den jeweils anderen auf und beginnen dadurch sich selbst immer weiter zu ergründen. Doch Goldmunds Natur zieht ihn die Welt hinaus. In den Jahren, die Goldmund als Landfahrer und Vagabund zubringt, es Narziß im Kloster bis zum Abt schafft, passiert viel, was die beiden in ihren konträren Lebensentwürfen und Persönlichkeiten gleichsam verunsichert und festigt. Als die beiden lange Zeit später auf unerwartete Weise wieder aufeinandertreffen, brennen sowohl in Narziß als auch in Goldmund Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach der Diskrepanz und Verbindung zwischen dem rastlosen Sinnesmenschen und dem besinnlichen und zugleich unerfüllten Geistesmenschen. Beiden wurden Opfer abverlangt, beide beneiden den jeweils anderen. Narziß, der im Kloster nie die Lebendigkeit der Welt, Goldmund, der nie die Geborgenheit einer Heimat erfahren hat; beide wissen, dass sie die Antworten auf ihre Fragen nur in ihrem Negativ finden werden.

Hermann Hesse hat mit Narziß und Goldmund einen Klassiker geschaffen, der Generation um Generation in seinen Bann zieht. Angesiedelt in einem zeitlosen Mittelalter warf er mit sprachlicher Meisterhaftigkeit essentielle Fragen um Freundschaft und Werdegang auf, die bis heute nicht an Schönheit und Aktualität eingebüßt haben.

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