Diese Fotografin fängt die Energie der Berliner Jugend ein

Im Laufe des Jahres stellen wir dir Fotografen vor, auf die wir bei einer unserer unzähligen Tumblr- und Instagram-Entdeckungstouren gestoßen sind und die mit ihren Arbeiten das Leben von jungen Deutschen dokumentieren.

von Alexandra Bondi de Antoni; Fotos von Bahar Kaygusuz
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27 Februar 2017, 12:25pm

Bahar Kaygusuz ist 26 Jahre alt, aus Berlin-Kreuzberg und die zweite Fotografin in unserer neuen Reihe, in der wir dir über das Jahr verteilt, regelmäßig Fotografen, die wir auf Tumblr, Instagram und Co. entdeckt haben, in Interviews vorstellen, um ein Bild der deutschen Jugend zu schaffen – in ihren eigenen Fotos erzählt und dokumentiert. Durch Zufall sind wir über die Bilder der jungen Berlinerin gestoßen und waren sofort von der Ehrlichkeit und Nähe, die die Fotos vermitteln, beeindruckt.


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Von ihren Freunden, Obdachlosen und Junkies am Kotti – jeder hat einen Platz vor Bahars Linse, wodurch wahnsinnig starke Porträts entstehen. "Ich versuche, mich meinem Gegenüber auf eine bestimmte Weise zu nähern und dabei vor allem Emotionen einzufangen und auszudrücken. Das können Gemütszustände des Glücks, der Beklemmung oder gar der Ungerechtigkeit sein, aber auch bestimmte Züge an Menschen, die mir an ihnen wichtig sind: Verletzlichkeit oder Unnahbarkeit, Schönheit oder Hässlichkeit. Fotografie ist für mich das künstlerische Mittel, Züge an Menschen zu zeichnen", erzählt sie. Was das Verrückteste war, das ihr beim Fotografieren jemals passiert ist, und wie es zu ihrer Böcklerpark-Serie gekommen ist, hat sie uns im Gespräch verraten.

Kannst du dich an dein erstes Foto erinnern, das du gemacht hast?
Als ich 15 war, habe ich von meinem Vater eine Digitalkamera geschenkt bekommen. So eine richtig schöne Kompaktkamera der frühen 2000er. Das war kurz bevor jeder eine Handykamera hatte. Aufgewachsen im Plattenbau am Böcklerpark in Berlin-Kreuzberg war ich damals die einzige Besitzerin einer solchen Kamera in meinem Umfeld. Das erste Foto, das ich damals geschossen habe, war dann ein Selbstporträt.

Wer sind die Leute, die du fotografierst?
Von Anfang an habe ich die Kamera immer bei mir gehabt und die Personen, die mir täglich begegnet sind, fotografiert: Freunde, Verwandte, aber auch Obdachlose oder Junkies am Kottbusser Tor. Mit der Zeit habe ich dann begonnen, Serien zu bestimmten Themen zu schießen, zum Beispiel meine alten Nachbarn im Plattenbau oder Graffitisprayer, bei denen der Körperkult in Form von Tätowierungen häufig eine große Rolle spielt. Ob Buchstaben, Piktogramme oder verschlüsselte Botschaften, meist werden auf diese Weise Stolz und Zusammenhalt ausgedrückt. Mein Professor an der Ostkreuzschule für Fotografie sagte mir übrigens von Anfang an, dass die Bilder dieser Serie eine sexuelle Auseinandersetzung von mir mit den Porträtierten seien. Anfangs habe ich das immer geleugnet, aber wenn ich mir die Bilder heute ansehe, muss ich zugeben, dass da wohl doch etwas dran war [Lacht].

Eines deiner Projekte, das mich sehr fasziniert hat, ist Böcklerpark. Kannst du mir mehr darüber erzählen?
Alle Fotos dieser Serie sind in dem Häuserblock entstanden, in dem ich aufgewachsen bin. Hierhin zurückzukommen, in mein Zuhause, das ich bereits mit 17 Jahren verlassen habe, war mit vielen guten, aber auch schwierigen Erinnerungen verbunden. Ich musste mich sehr überwinden, gleichzeitig war es auch eine Art Selbsttherapie für mich. Am Ende hatte ich vor allem mit der Gastfreundlichkeit meiner alten Nachbarn zu kämpfen: Ständig wurde ich auf Kaffee eingeladen, musste erzählen, wie es mir geht und was ich mache, dabei wollte ich doch eigentlich nur fotografieren.

Kannst du dich an eine besondere Geschichte hinter einem der Fotos erinnern?
Für meine Böcklerpark-Serie habe ich eine Nachbarin fotografiert, die früher bei uns Kindern immer als Hexe verschrien war, weil sie sich kaum gezeigt hat und wenn, dann nur um uns anzumeckern. Erst als ich fast zwanzig Jahre später in ihre Wohnung gekommen bin, um dieses Foto von ihr zu schießen, habe ich sie besser verstanden. Sie ist vor vielen Jahren für einen Mann nach Deutschland gekommen, in den sie ihr Leben lang verliebt war, der allerdings hier mit einer anderen Frau verheiratet war und für den sie als Frau nie richtig existiert hat. In ihrer Wohnung stand ein einzelnes Bild dieses Mannes und immer wenn ich in ihre Augen auf dem Bild blicke, sehe ich den Schmerz, die Sehnsucht, aber auch die Liebe, die sie empfindet. Leider ist sie nicht lange nach der Aufnahme des Bildes verstorben, weshalb dieses Bild stets eine ganz besondere Bedeutung für mich haben wird.

Welchen Reiz hat Schwarz-weiß-Fotografie für dich?
Ich liebe das Minimalisierte an Schwarz-weiß-Fotografie. Der Betrachter lässt sich dabei einfach mehr auf das eigentliche Motiv ein, während ich als Fotograf besser das Bild einrichten und mein Gegenüber inszenieren kann, so dass ich Blicke auf einen bestimmten Punkt zu laufen lassen kann.

Woran arbeitest du gerade? Welche Pläne hast du für die Zukunft?
Ich führe aktuell meine Porträtserie der Graffitisprayer weiter, für die ich bereits Bilder in Berlin, New York, Kopenhagen und Paris geschossen habe. Als nächstes plane ich eine Reise in den Ostblock, um die Bilder dann gesammelt in einem Buch zu veröffentlichen.

@Bahar Kaygusuz

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