5 bücher für den lesehunger zwischendurch

Keine Lust auf dicke Schmöker und das lange Warten auf die nächste Folge deiner Lieblingsserie? Wir hätten da ein paar Vorschläge mit wenig Seitenzahlen.

von Kai Hilbert
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26 Mai 2017, 2:50pm

Da ist es wieder, das kleine Verlangen, das mehr einer Lust oder Laune gleicht als einem Magenknurren. Jetzt ein Snack für zwischendurch. Aber bitte nicht zu viel, dicke Schinken sind gerade nicht so meins. Eher Appetit auf ein Häppchen, na du weißt schon: was Schnelles für den lauen Sommerabend. Mit Büchern verhält es sich oft wie mit Essen. Geistige Nahrung und so. Gerade im Sommer, wenn man viel draußen unterwegs ist, rennen die wenigsten mit einem 5-Gänge-Menü durch die Stadt. Aber genug der Essens-Metaphern — lehn dich zurück (ob im Liegestuhl, im Park oder in der U-Bahn), hier kommen fünf Bücher inklusive Seitenanzahl für den Lesehunger zwischendurch:

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Der Fluch des schnauzbärtigen Banditen (144 Seiten), Irena Teodorescu
"Es gibt Dinge, von denen ich nichts weiß" beginnt die Erzählerin. Doch sie weiß allerhand. Genug jedenfalls, um uns die Geschichte ihrer Familie zu erzählen, die Geschichte vom Fluch des schnauzbärtigen Banditen. Alles beginnt vor vielen, vielen Jahren mit zwei Männern. Der eine Bandit, der andere Kunde beim Barbier. Der eine ein verkappter Robin Hood der rumänischen Provinz, der andere ein gewiefter Wolf im Schafspelz mit dem richtigen Riecher. Der junge Gheorghe Marinescu lockt den Banditen in einen Hinterhalt, bringt ihn um und sichert sich und seiner Familie Vermögen und Wohlstand. Doch in seinen letzten Zügen verflucht der Bandit die Marinescus bis ins Jahr 2000, auf dass jeweils der Erstgeborene eines weiteren Stammbaumastes früh das Zeitliche segnet. So nimmt die Saga der Familie mitsamt ihren zahlreichen Versuchen dem Fluch zu entgehen ihren außergewöhnlichen Lauf.

Auch Stammbäume tragen faule Früchte. Irena Teodorescu hat eine Familie erschaffen, der es an intriganter Rachsucht und schrullig-schillernder Arroganz nicht fehlt. Gekonnt paart sie schwarzen Humor mit einer Prise klamaukiger Melancholie, ohne dabei je in Slapstick abzudriften. Ein rasanter Ritt durch die rumänische Pampa, der einen Fast aus dem Sattel wirft.

Die Bäckereiüberfälle (80 Seiten), Haruki Murakami / Kat Menschik
Ein Vakuum erfüllt das Innere der beiden Freunde. Ein Vakuum hervorgerufen durch den Mangel an Nahrung, den Mangel an Fantasie. Mit Messern bewaffnet ziehen sie los, um ihren verzehrenden Hunger zu stillen. Doch sie haben die Rechnung ohne den Bäcker gemacht. Dieser schlägt einen Handel vor: Brot für den Magen gegen gemeinsames Hören von Wagner. Jahre später breitet sich der Hunger jedoch erneut aus. Bloß ist es dieses Mal der Hunger der Ehefrau eines der Brötchen-Banditen. Das schreit nach einem weiteren Überfall... Zwei in sich greifende Kurzgeschichten, die von Existenz und Verlangen handeln - der Plot simpel, die Ideenwelt weit gefächert.

Was passiert also, wenn sich einer der größtes Autoren unserer Zeit mit einer so talentierten Illustratorin wie Kat Menschik zusammentut? Richtig, es entsteht ein Buch von großer inhaltlicher und optischer Schönheit. Die beiden ergänzen sich auf kongeniale Weise und stillen den Hunger in uns, sodass wir nicht losziehen müssen, um Bäckereien zu überfallen.

Der kleine buddhistische Mönch (94 Seiten), César Aira
Der kleine buddhistische Mönch träumt von nichts Sehnlicherem, als eines Tages Korea verlassen und Europa und Amerika bereisen zu können. Da dieses Ziel aber unerreichbar scheint, begnügt er sich damit, alles über Geschichte und Kultur jener Orte und ihre Sprachen zu lernen. Diese Tatsache kommt ihm gelegen, als er vor dem Eingang eines Luxushotels fast von einem stattlich aussehenden, französischen Ehepaar umgerannt wird (der kleine buddhistische Mönch ist wirklich sehr klein). Napoléon Chirac ist Fotograf, seine Gattin Jaqueline Bloodymary Teppichmuster-Designerin. Der Mönch bietet sich den beiden als Fremdenführer an, denn Chirac will Tempelanlagen fotografieren und der kleine buddhistische Mönch ist nicht bloß klein und spricht fließend französisch, nein, er ist eben auch ein buddhistischer Mönch, der seine große Chance wittert. In diesem wunderbar verschrobenem Büchlein erhalten wir Antwort auf folgende Fragen: Gibt es suizidale Pferde? Warum verarschen Hexen Bahnfahrende? Sinken in Korea die Blubberbläschen im Schampus, statt aufzusteigen? Und wird sich der Mönch seinen großen Traum erfüllen können?

César Airas surreal-exzentrische Novelle strotzt vor Einfallsreichtum, Wortwitz und philosophischen Einstreuungen. Ganz am Anfang lässt sich der folgende Satz lesen: "Der kleine buddhistische Mönch war ein lebender Beweis für die Redensart 'klein aber oho'." Das trifft auch auf dieses Buch zu, von dem die altehrwürdige Patti Smith zu berichten weiß, es sei "wie ein Traum, der beim Aufwachen verschwindet."

Klein und Wagner (94 Seiten), Hermann Hesse
Klein sitzt im Zug. Er ist auf der Flucht. Der bis dato ehrbare und wohlschaffende Beamte muss fort und seine Familie zurücklassen. (Muss er?) Feststeht: Er kann nicht zurück. Ausstaffiert mit gefälschtem Pass und Revolver flieht er vor der Realität. (Oder flüchtet sie vor ihm?) Da sitzt er nun in seinem kleinen Hotelzimmer mit einem Haufen veruntreutem Geld. Wer ist der Mann im Spiegel? (Wer ist der Mann, der in den Spiegel schaut?) Auf einem Spaziergang trifft er auf eine hübsche, junge Dame. Teresina ruft in ihm all die unterdrückten Wünsche seines Lebens hervor, die mit seinen Vorstellungen von den Werten eines gutbürgerlichen Lebens kollidieren. Auf der Suche nach seinem wahren Selbst verliert er sich jedoch immer mehr im Strudel seiner Gedankenwelt, in dem er zuletzt wortwörtlich zu ertrinken droht.

Das hört sich jetzt erstmal alles recht finster an, doch wie für Hesse üblich, gibt es kein Gut ohne Schlecht, kein Hübsch ohne Grässlich, kein Hell ohne Dunkel. Das Aufeinanderprallen zweier Welten in einer Person und Hesses unnachahmliche Weise zu erzählen, lassen den armen Tropf Friedrich Klein in einem merkwürdig anmutenden Licht erstrahlen.

Krähengekrächz (64 Seiten), Monika Maron
Der Ruf der Krähe könnte kaum schlechter sein: seit jeher böses Omen, Überbringer schlechter Nachrichten, Kumpane teuflischer Bösewichte. Monika Maron arbeitet an einem neuen Roman, in dem Krähen eine zentrale Rolle einnehmen sollen. Doch um adäquat über diese Tiere schreiben zu können, muss sie sie erst erforschen, ihnen näher kommen, eine Beziehung herstellen. Auf den Streichzügen der Autorin durch ihre Heimat Berlin schließt sie langsam Freundschaft mit den Vögeln, wird sich ihrer erstaunlichen Intelligenz bewusst. Die Nachbarn beäugen sie schon skeptisch, diese schwarz gekleidete Frau mit ihrem schwarzen Hund und ihrer Gefolgschaft schwarzer Vögel, die durch die grauen Straße Kreuzbergs wandert. Doch bekanntlich liegen den Menschen Trugschlüsse anheim: "Inzwischen sehe ich die Menschen als Sonderfall der großen Tierfamilie und kann mich nicht einmal entscheiden, ob die menschliche Besonderheit eher ein Glück oder Unglück ist."

Monika Maron schreibt ihre Beobachtungen und Erfahrungen nieder. Es entsteht ein wundervoller Essay, der lebensphilosophische Fragen aufwirft, eine Liebeserklärung an ein völlig unterschätztes Geschöpf und Autorin sowie Leser erkennen: "Wer sich einmal auf die Krähen eingelassen hat, ist nirgends mehr auf der Welt allein. Sie sind überall."

Credits


Text: Kai Hilbert
Foto: mariadelajuana via FlickrCC BY-SA 2.0

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