Foto: Juule Kay

Der i-D Guide für ein minimalistischeres Leben

Warum weniger tatsächlich mehr ist.

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10 Mai 2017, 9:35am

Foto: Juule Kay

Meine Liebe zum Minimalismus kam nicht von heute auf morgen. Auch wenn ich gerne meine skandinavischen Wurzeln dafür als Erklärung heranziehe, war es ein Prozess — viel mehr eine Erkenntnis — , die sich nach und nach in mir breit gemacht hat. Erst letzte Woche hat mich Google an meine Teenager-Vergangenheit als Modebloggerin erinnert, als einige Fotos aus der Blütezeit meiner mittlerweile verbotenen, damals noch äußerst trendbewussten Outfitwahl (das dachte ich zumindest zu diesem Zeitpunkt), auf meinem Bildschirm aufgeploppt sind.

Noch vor drei Jahren besaß ich den gleichen Fundus an Klamotten wie Carrie in Sex and The City. Jeden Tag klingelte mindestens zweimal der Postbote mit einem neuen Päckchen voll kostenloser Kleidung — ein wahrgewordener Mädchentraum für die einen, für mich ein immer größer werdendes Bauchweh. Je öfter ich Post bekommen habe, desto mehr fühlte ich mich von meinem eigenen Kleiderberg erdrückt. Ich bin mir dieses Privilegs durchaus bewusst, versteht mich nicht falsch, und trotzdem konnte ich mich ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr darüber freuen, geschweige denn mit diesem Lifestyle identifizieren. Nicht nur mein Stilbewusstsein (dem Himmel sei Dank!), sondern auch ich selbst habe mich weiterentwickelt.

Mittlerweile besitze ich nur noch 30 Teile und kein einziges Regal in meiner Wohnung, in das ich Dinge stopfen kann, die ich eigentlich überhaupt nicht brauche. Ich überlege mindestens dreimal, ob ich etwas wirklich haben möchte und bewahre mich damit selbst vor den größten Fehleinkäufen meiner Mittzwanziger und einem Stand auf dem Mauerparkflohmarkt. Ich mag dieses Gefühl, mein ganzes Leben in zwei Kartons packen zu können, um mich morgen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu entschließen, die Stadt zu verlassen, um irgendwo neu anzufangen — wenn auch nur in der Theorie. Und weil wir alle wissen, dass die größte Veränderung zuerst in unseren Köpfen stattfindet, habe ich fünf kleine Denkanstöße, die — Spoiler! — nicht unbedingt von heute auf morgen einen neuen Minimalisten aus dir zaubern werden, dich aber möglicherweise dein eigenes Konsumverhalten reflektieren lassen.

Qualität vor Quantität
Im Ausverkauf zu shoppen oder ein paar neue Tops in deinem Lieblings-Vintage-Laden zu kaufen, beschert dir die größten Glückshormone, aber das macht Schokolade auch. Nur weil etwas wenig kostet, heißt das nicht, dass es nicht wie die Coachella-Blumenkränze in den letzten Ecken deines Kleiderschranks verschwinden wird. Im Grunde genommen haben wir doch alle Lieblingsteile, die wir an einer Hand abzählen können, und diese schmeißt so schnell keiner vom Thron, erst Recht nicht das neue Fünf-Euro-Top von der Fast-Fashion-Kette deines Vertrauens.

Investiere lieber in Momente anstatt in Materielles
Wer sich jetzt auf das Argument stützt, dass das Vintage-Top vom letzten Roadtrip durch Amerika, aber "unheimlich bedeutungsvoll" ist, der mag Recht behalten. Ich bin mir aber sicher, dass es mit diesem Gedanken wohl auch zur Kategorie Lieblingsteile zählt. Viel wichtiger ist doch die abenteuerliche Fahrt durch die Wüste, die Brise im Haar und die Menschen, mit denen du unterwegs warst. Was ich also eigentlich damit sagen möchte: Gib' dein Geld lieber für einzigartige Erinnerungen aus, die schnappt dir so schnell keiner weg — im Gegensatz zum neuen Designerstück bei TK Maxx.

Skandinavisches Design zu lieben, heißt nicht gleich Minimalist zu sein
Wir wissen wohl alle, dass der hohe Norden weiß, was schönes Design bedeutet, keine Frage. Von HAY bis Menu beherrschen sie das Minimalismus-Alphabet im Schlaf und sogar die erschwinglichste Airbnb-Wohnung dort oben ist schöner als die eigene. Doch nur weil der skandinavische Lifestyle auf reduziertes Design setzt, lebst du nicht gleich minimalistisch, wenn du dir ein Dutzend neuer Skandi-Faves kaufst. Such dir ein paar schöne Stücke aus, die dir nicht nur gefallen, sondern die du dir auch noch in zehn Jahren in deiner Wohnung vorstellen kannst.

Konzentriere dich auf das Wesentliche
Wenn ich eines gelernt habe, dann mich auf die Dinge zu konzentrieren, die mir wirklich wichtig sind und mein Konsumverhalten zu überdenken. Mittlerweile habe ich mich sogar radikal auf eine Farbpalette meiner Kleidungsstücke reduziert. Und das nicht, weil #allblackeverything unheimlich hip ist, sondern weil alles aus meinem Kleiderschrank plötzlich zusammenpasst, ich mir morgens keine Gedanken mehr darum machen muss, was ich heute nur anziehen könnte und Kofferpacken das einfachste der Welt geworden ist.

Minimalismus kennt viele Bereiche, fang bei einem an
Ob Mode, Einrichtung, Essen oder dein Social-Media-Konsum — minimalistische Ansätze finden sich in so ziemlich allen Lebensbereichen. Fang klein an und überstürze nichts. Schau in deinen Kleiderschrank und überlege dir, was du die letzten Monate nie getragen hast (die Ausrede "Da findet sich bestimmt mal irgendein Anlass" zählt nicht), verbringe eine halbe Stunde weniger auf sozialen Netzwerken oder wirf endlich die alte Kommode aus deinem Zimmer, die dir dein Ex-Freund geschenkt hat. Du bestimmst das Tempo und spätestens bei diesen kleinen Entscheidungen wirst du merken, was du wirklich brauchst und was du getrost aussortieren kannst.

Mit weniger zu leben, heißt nicht gleich, weniger kreativ sein zu können
Nur weil du einen geordneten Kleiderschrank und eine aufgeräumte Wohnung hast, heißt das noch lange nicht, dass dein Kopf und dein Desktophintergrund weniger chaotisch sind. Chaos kann etwas wirklich Schönes sein und ist zudem wohl einer der reizendsten Gegensätze zu einem minimalistischen Lebensentwurf und das eigentliche Futter für Kreativität. Nur weil du weniger besitzt, heißt das nicht, dass du auch weniger kreativ sein kannst. Ein weiser Tumblr-Spruch hat mir einst verraten, dass Leere ein Ort der Möglichkeiten sei. Natürlich würde ich jetzt gerne ein vertrauenswürdigeres Zitat an dieser Stelle bringen wollen, aber im Grunde genommen beschreibt es genau das, was ich dir ans Herz legen möchte.

@juulekay