Foto: Screenshot von Vimeo aus dem Video "M¥CELIUM"

Ist es möglich, jemanden zu lieben, ohne Macht auszuüben?

Ein Kuss, zwei Liebende und ein psychedelisch leuchtender Pilz. Schau dir hier exklusiv den Kurzfilm M¥CELIUM an.

von Juule Kay
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31 Januar 2019, 9:33am

Foto: Screenshot von Vimeo aus dem Video "M¥CELIUM"

"Ich hab' was geträumt", ist der erste Satz, den wir im Kurzfilm M¥CELIUM hören. "Dass ich dich töte." Nicht unbedingt das, was wir von einer klassischen Liebesgeschichte erwarten würden. Weil es sich hierbei um keine handelt. "Wir wollten ein zwischenmenschliches Machtverhältnis untersuchen", erklärt Regisseur Justus Toussaint über sein neues Filmprojekt. Die Protagonisten, ein Liebespaar, das die Vision einer gleichberechtigten, ehrlichen Beziehung auf Augenhöhe lebt, bis einer der beiden plötzlich das Vertrauen bricht. Die Zuschauer, im ersten Moment zugegebenermaßen etwas perplex.

Und wie so vieles im Leben irgendwie unerwartet passiert, war es der Zufall, den Justus überhaupt erst zum Drehen gebracht hat: "Ich hatte einen schrecklichen Ferienjob im Lager eines großen Discounters, bis mich Freunde von der Filmhochschule anriefen und meinten, 'Wir drehen. Wir brauchen dich. Komm mit.'" Am nächsten Tag hat Justus gekündigt und ist für zwei Wochen ans Meer gefahren, um einen Kurzfilm zu drehen. Vermutlich die beste Entscheidung, die er hätte treffen können.

Wie sein neues Projekt M¥CELIUM aussieht und ob es tatsächlich möglich ist, jemanden zu lieben, ohne Macht auszuüben, erklärt dir der Berliner Regisseur im Interview.

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Foto: Screenshot von Vimeo aus dem Video "M¥CELIUM"

Welche Geschichte steckt hinter dem Kurzfilm?
Mein Initial-Gedanke war das Bild von dem Kuss. Ein Paar steht unter einem riesigen psychedelisch leuchtenden Pilz und küsst sich. Alles ist intensiv, pur, eng und hyperreal. Wie in einem Sonnensystem dreht sich die ganze Welt um die beiden. Das Bild ist die ideale Vision der Liebe der beiden Protagonisten. Bis einer der beiden Partner plötzlich das Vertrauen bricht und ein Machtgefälle herstellt.

Was hat es mit dem Namen M¥CELIUM auf sich?
Wir wollten das Motiv des Pilzes aufgreifen und visuell immer wieder in den Film einflechten. Das Mycelium bezeichnet das feine unterirdische Fadengeflecht der Pilze, den eigentlichen Pilz. Dieses filigrane Wurzelgeflecht symbolisiert für mich das Netz aus Beziehungen, Erfahrungen und Werten einer Persönlichkeit. Wenn sich zwei Liebende begegnen, stelle ich mir vor, dass sich das Mycelium der beiden eng ineinander verwebt. Dieses lebendige Beziehungsgeflecht enthält alles, worauf die Partnerschaft wurzelt und wie sie sich entwickeln kann. Das kann Vertrauen sein oder auch Macht.

justus toussaint film berlin
Foto: Screenshot von Vimeo aus dem Video "M¥CELIUM"

Warum hat dich das Thema Macht so fasziniert, dass du ihm einen Kurzfilm widmest?
Wir versuchen permanent, Macht über andere zu gewinnen. Sowohl genetisch als auch durch unsere Sozialisierung sind wir dazu programmiert, Hierarchien herzustellen und uns über andere zu erheben. Das passiert in ganz kleinen, unsichtbaren Handlungen, Worten und Gedanken.

Die persönlichste Frage zum Schluss: Ist es möglich, jemanden zu lieben, ohne Macht auszuüben?
Es ist mit Sicherheit eine Herausforderung. Im ersten Schritt sollte man reflektieren, wie man anderen begegnet: Welche Rolle nehme ich ein? Besteht ein Machtgefälle? Kann ich es nivellieren? Wir denken bei Machtkämpfen an Wirtschaftsunternehmen oder Staaten, aber müssen uns bewusst werden, dass Macht auch in unsere intimsten Beziehungen reicht – in Partner- und Freundschaften. Ich glaube, dass wir sehr daran gewinnen können, anderen ohne Macht zu begegnen und dadurch gesunde Beziehungen aufbauen. Mir persönlich gelingt das mal mehr, mal weniger. Ich finde es wichtig, sensibel dafür zu sein und sich Machtverhältnisse bewusst zu machen.

Hier kannst du dir exklusiv "M¥CELIUM" ansehen:

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