Was unsere Workaholic-Mentalität wirklich mit uns macht

9 to 5 ist nicht mehr genug: Wir arbeiten jetzt von neun bis Mitternacht. Alles andere würde uns nur ein schlechtes Gewissen machen.

von Emily Reynolds
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07 Februar 2019, 4:38pm

Es ist nicht mehr genug, sich den Arsch abzuarbeiten. Jetzt wird das auch noch in unserer Freizeit von uns verlangt. Wir prahlen nicht damit, wie viele Stunden wir gearbeitet, sondern wie wenig wir geschlafen haben. Wir beantworten Mails um acht, neun, zehn Uhr abends. Burnout wird zum neuen Statussymbol. Den eigenen Gedanken einfach mal freien Lauf zu lassen, fühlt sich schon fast radikal an. In einem zunehmend instabilen Arbeitsumfeld wollen wir krampfhaft demonstrieren, wie hart wir arbeiten, um unsere Ziele zu erreichen.

"Wir sehen uns nur noch in der Rolle eines aktiven, zielstrebigen Wesens", sagt Psychoanalytiker Josh Cohen. "Wir haben die Seite von uns verloren, die nicht nur nachdenklich, sondern auch mal planlos und entspannt ist." Sein neues Buch Not Working will uns wieder beibringen, dass nicht alles ein Ziel haben oder ein Punkt auf der To-Do-Liste sein muss.


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"Sobald du anfängst, zweckgerichtet zu denken und etwas Greifbares hinarbeiten willst, hört dein Privatleben auf, privat zu sein. Dann verlierst du deine Neugier und dein Interesse, dich selbst zu entdecken", sagt Cohen weiter. "Dein Privatleben wird lediglich zu einem weiteren Punkt auf deiner To-Do-Liste, den du erreichen musst."

Was im Englischen als "side hustle" bezeichnet wird, meint all die kreativen Projekte, die dir neben deinem Hauptberuf Geld einbringen. 9 to 5 ist nicht mehr genug. Wir arbeiten von neun bis Mitternacht. Alles andere würde uns nur ein schlechtes Gewissen machen. Dabei ist es erst mal gar nicht verkehrt, ein Nebenprojekt zu starten, das dir am Herzen liegt. Ein Problem wird es nur dann, wenn es von dir erwartet wird. "Stillschweigend wird es zu einem angsteinflößenden Zwang", so Cohen. "Mit dem bitteren Beigeschmack, dass sich Leute ausgeschlossen oder unzureichend fühlen, wenn sie keines haben."

Wir merken gar nicht mehr, wie sehr wir uns durch die Arbeit definieren. Nehmen Office-Wellness-Programme wahr, gehen zum Yogakurs der eigenen Firma. Im Grunde wissen wir ganz genau, dass ein Meditationszelt oder Obst für lau nicht wirklich einen Unterschied machen, wenn es um die unsicheren und ausbeuterischen Konditionen geht, unter denen wir manchmal arbeiten. Auch wenn die Idee natürlich verlockend scheint, unser könne Arbeitsumfeld uns wirklich aktiv glücklich machen.

"Du wirst einen Punkt erreichen, an dem du dich so in deine Ziele verrennst, dass du keine Überraschungen mehr zulassen kannst", sagt Cohen. "Wir müssen wieder lernen, untätig zu sein. Etwas zu tun, ohne zu wissen, was der spezifische Nutzen ist – oder was passieren wird." Jemanden ohne Agenda auf einen Kaffee treffen. Einen Spaziergang machen ohne den Weg als Mittel zum Zweck zu sehen. Cohen nennt es "kurze Begegnungen mit dir selbst, um deiner selbst willen". Dabei geht es vor allem darum, die eigene Neugierde zu fördern und sich wieder Überraschungen zu öffnen.

Einer Studie zufolge erzielen Menschen, die regelmäßig vor sich hinträumen, bessere Ergebnisse in Tests, die Intelligenz und Kreativität messen. Eine andere fand heraus, dass Tagträumer ein besseres Arbeitsgedächtnis haben. Es könnte also einen Grund geben, warum uns die fantastischsten Ideen auf dem Klo oder in der Dusche kommen. Es sind Orte, an denen wir nicht versuchen, etwas zu erreichen. An denen unsere Aufmerksamkeit nicht unserem Boss oder unserer Arbeit gilt – sondern einzig und allein uns selbst.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.